Bin isch Freak, oda was?! - Geschichten aus einer durchgeknallten Republik

von: Philipp Möller

Bastei Lübbe AG, 2014

ISBN: 9783838745022 , 332 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 7,99 EUR

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Bin isch Freak, oda was?! - Geschichten aus einer durchgeknallten Republik


 

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DER COUNTDOWN LÄUFT


Als auch meine U-Bahn kommt, ergattere ich einen Sitzplatz und schotte mich dank der Kopfhörer zügig von der Umwelt ab. Dann zücke ich mein Smartphone, wähle einen Song aus meiner Playlist und öffne die blaue Zeitfresser-App mit dem weißen f. Hier erfahre ich, was meine sogenannten Freunde – Menschen, denen ich teilweise noch nie begegnet bin – der Welt mitteilen wollen: Tina hat einen Bagel mit Rucola zu Mittag gegessen, Konstantin war mit seinem Hund spazieren, Jessica ist langweilig, und Tunç möchte mit mir einen Bauernhof gründen. Nach mehreren Jahren Mitgliedschaft in diesem nicht immer nur sozialen Netzwerk überfliege ich die Meldungen meist nur noch aus Langeweile und wundere mich nicht selten über die unfassbare Irrelevanz der sogenannten Neuigkeiten. Dennoch haben es mir die kleinen roten Zahlen am oberen Rand der App irgendwie angetan, die mich über Freundschaftsanfragen, Likes und sonstige Mitteilungen informieren, und so erwische ich mich immer wieder dabei, vollkommen sinnfreie Minuten in diesem virtuellen Freundeskreis zu verbringen. Wahrscheinlich hat Geierchen also mal wieder recht: Das Land ist voller Freaks – und mitten unter ihnen muss ich nun einen Platz für mich finden.

Schöne Aussichten sehen irgendwie anders aus …

Im Hausflur kommt mir auf halber Treppe mein Vermieter Herr Graufuß entgegen, der seine mehrstöckige Altersvorsorge gemeinsam mit seiner Frau bewohnt, verwaltet und instand hält. Aus der Brusttasche seiner grünen Latzhose lugen ein Schraubenzieher, ein Bleistift und ein Kugelschreiber, die er der Länge nach sortiert hat. Die Ärmel seines Karohemds sind fein säuberlich bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt und die Schnürsenkel seiner Sicherheitsschuhe mit den großen Stahlkappen zu identischen Doppelschleifen gebunden. Zwei Stufen über mir hält er inne und spricht mich an. »Herr Möller«, beginnt er vorwurfsvoll und atmet dann einmal laut aus. »Meine Frau musste mal wieder feststellen, dass zwischen Ihren Papiermüll ooch Plastik dabei sein tut.«

»Ehrlich? Aber woher wissen Sie denn, dass …«

Er unterbricht mich, indem er mir demonstrativ einen Briefumschlag mit meinem Namen darauf zeigt. Durchsucht der Typ tatsächlich meinen Müll? Hält er mir demnächst vielleicht die Windeln unserer Tochter vor die Nase und verlangt, deren Inhalt gesondert in der Biotonne zu entsorgen?

»In diesen Hause tun wir allagrößten Wert uff Riehzaikling legen«, erklärt er mir. »Ick erwarte mehr Sorgfalt von Ihnen, ja?«

Weil mein Tag für heute bescheiden genug war, nicke ich ihm nur kurz zu und überlasse ihn dann sich selbst. Im dunklen Flur unserer Wohnung kommt mir Sarah auf Zehenspitzen entgegen und gibt mir einen Kuss. »Klara ist gerade eingeschlafen«, flüstert sie mir ins Ohr und zeigt auf das Zimmer unserer fünf Monate alten Tochter.

Leise verkrümeln wir uns auf den Balkon, wo sich meine Freundin eine Tasse Stilltee eingießt. Dann nimmt sie meine Hand und lächelt mich sanft an. »Na, wie war dein letzter Tag in der Schule?«

Seitdem Sarah einen Lehramtsstudienplatz in Potsdam bekommen hat, verfolgt sie meine beruflichen Ausflüge ins Schulhaus ganz genau. Ich berichte ihr also von meinem letzten Auftritt als Musiklehrer auf dem Sommerfest, von den Bierchen mit dem Kollegium und der Betriebsrätin unserer Schule. Die wollte nämlich auch den letzten Tag nicht ungenutzt lassen, um mir noch einmal mitzuteilen, wie sehr sie die Entscheidung der Senatsverwaltung begrüße, Vertretungslehrer wie mich endgültig vor die Tür zu setzen.

»Ist das dreist!«, entfährt es Sarah. »Drei Tage vor Ablauf deines Vertrages erfährst du, dass er doch nicht verlängert wird – und die Trulla würgt dir noch eins rein …«

»Na ja«, gebe ich zu bedenken, »man muss sich ja schon fragen, ob jemand ohne Staatsexamen wirklich eine vierte Klasse leiten sollte.«

»Ach komm«, entgegnet Sarah energisch, »du hast deine Sache doch gut gemacht. Außerdem gibt es mehr als genug schlechte Lehrer mit passendem Studium!« Nach einem Blick in Richtung Kinderzimmer senkt sie ihre Stimme wieder etwas. »Und wenn ich an meine bisherigen Seminare denke, weiß ich langsam auch, warum die meisten so schlecht auf den Schuldienst vorbereitet sind.«

Bis wir merken, dass wir all diese Dinge in den letzten zwei Jahren schon ausgiebig diskutiert haben, vergehen ein paar Minuten. Immer wieder haben wir in den vorigen Monaten festgestellt, dass nicht jeder, der den Lehrberuf ergreift, auch dazu geeignet ist. Und manch einer von denen, die geeignet scheinen, wird aufgrund politischer Entscheidungen nicht zugelassen. Oder zu katastrophalen Bedingungen, wie beispielsweise in meinem Fall: Dreimal habe ich darauf hoffen müssen, dass die Senatsverwaltung meinen befristeten Vertrag verlängert, und dreimal habe ich erst wenige Tage vor Vertragsende erfahren, dass es klappt. Dementsprechend bin ich also auch bis vor Kurzem davon ausgegangen, im nächsten Jahr weiterhin beschäftigt zu werden – zumal die Schulleitung mir das längst versprochen hatte. Aber mündliche Zusagen sind eben keine richtigen Zusagen, und so stehe ich nun doof da: eben noch Lehrer, jetzt schon auf Jobsuche.

»Darfst du denn überhaupt verreisen, wenn du auf Jobsuche bist?«, fällt Sarah plötzlich ein.

Stimmt ja: der Urlaub! Ich schlucke, denn immerhin ist die Ferienwohnung längst gebucht und bezahlt – damals konnte ich ja nicht ahnen, dass das Schuljahr ohne Job und festes Gehalt enden würde.

Am nächsten Morgen muss ich meinen Kopf vor dem hohen tristen Gebäude weit in den Nacken legen, um das große weiße A im roten Kreis zu erblicken. Durch eine rasant rotierende Drehtür gelange ich in eine riesige Empfangshalle, in der unzählige Menschen stumm auf eine Anzeigetafel voller Namen und Wartenummern starren. Ich stelle mich dazu und suche nach meinem Namen. H, I, J, K, L, M, N, O … kein Möller? Dabei habe ich doch einen Termin! Nur einen gewissen Herrn Müller kann ich finden, aber an diesen Namen habe ich mich ja während meiner Zeit als Lehrer schon gewöhnen müssen. Na gut, dann probier ich es einfach mal als Herr Müller.

Ich bewege mich an den Rand der Halle und steige in den gläsernen Lift, der mich in Windeseile in die schwindelerregende Höhe des siebten Stocks katapultiert. Während der Fahrt werden die Menschen unter mir immer kleiner und kleiner, bis sie zu einem einzigen wuseligen Ameisenhaufen zusammengeschrumpft sind.

Im siebten Stock angekommen, gleiten die Fahrstuhltüren langsam auf. Ich steige aus dem Lift und stehe in einer grell beleuchteten Wartehalle, in der rote Metallstühle in mehreren Reihen aneinandergeschraubt stehen. Auf ihnen sitzen Menschen verschiedener Altersgruppen und starren auf einen großen Fernseher, der vor ihnen an der Wand hängt. Unter Protest einer Gruppe junger Typen in abgewetzten Klamotten drängele ich mich auf einen der letzten freien Plätze und nehme neben einer Dame mit tadelloser Frisur und schmalen Lippen Platz. Dann schaue ich mir das Video an. Es zeigt eine Gruppe attraktiver Männer und Frauen, die in Zeitlupe auf die Kamera zugehen. Sie tragen Aktenkoffer oder Handtaschen, sind in feine Anzüge und Kostüme gekleidet und strahlen den Zuschauer mit perfekten Zähnen an. »Zeitarbeit«, spricht eine tiefe Stimme aus der Glotze, als die Models an der Kamera vorbeilaufen. Dann taucht hinter ihnen ein älterer und sehr seriös wirkender Herr im Dreireiher auf und fügt hinzu: »Ihr Job! Ihre Zukunft!«

Als der Clip ein paar Mal in Schleife gelaufen ist, wird er für eine Anzeige unterbrochen. Herr Müller, bitte zu Beratungsplatz zwei für Akademiker kommen, steht dort in weißen Lettern auf rotem Hintergrund. Das Publikum schaut mich böse an, als ich mich erhebe und wieder aus der Reihe drängele. Ich blicke an mir herab und stelle erschrocken fest, dass ich mit Anzug und Krawatte für diesen Termin offenbar komplett overdressed bin. Ja, genau, denke ich mir. Der Pseudo-Yuppie darf vor euch allen dran, der hat nämlich einen Termin. Der ist schließlich Akademiker. Auch wenn der Anzug von H&M und seine berufliche Zukunft kohlrabenschwarz ist.

»Herr Müller, bitte!«, ruft nun eine Stimme aus dem Lautsprecher, als ich mit großen Schritten an einer Gruppe finster dreinblickender Männer in blauen Latzhosen vorbeilaufe, von denen einer sogar seine geballte Faust in der anderen Hand reibt.

Ein paar Meter weiter öffne ich eine schwere Holztür mit einer gelben Zwei darauf. Hinter einem massiven Eichenholzschreibtisch sitzt ein Mann, der deutlich jünger ist als ich. Die Haare hat er penibel zurückgekämmt und mit viel Pomade an den Schädel geklatscht. Durch eine große Hornbrille starrt er mich an, während er auf einen freien Holzstuhl vor dem Tisch weist. »Bitte setzen«, sagt er streng. »Sie sind doch dieser Herr Müller, oder?«

»Möller«, korrigiere ich ihn, »mit Ö wie Ökonom.«

»Natürlich. Und Sie sind also arbeitslos, Herr Müller?«, will er von mir wissen und schlägt eine lederne Mappe auf, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Vorsichtig ziehe ich die schwere Tür ins Schloss und schleiche zu dem Stuhl vor seinem Tisch.

»Wie konnte das denn passieren?«, fragt er.

Tja, gute Frage. Als ich gerade meine kleine Geschichte des gestrandeten Aushilfslehrers zum Besten geben will, hebt er seinen Zeigefinger und hält mit zusammengekniffenen Augen ein Blatt Papier in die Höhe. »Ich habe hier Ihren Lebenslauf vorliegen. Sie haben doch in der Uni gelernt, berufliche...