Schüchternheit kreativ bewältigen

von: Martin Schuster

Hogrefe Verlag Göttingen, 2005

ISBN: 9783840917387 , 166 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 14,99 EUR

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Schüchternheit kreativ bewältigen


 

3 Was kann ich konkret zur Bewältigung der Schüchternheit tun? (S. 48-49)

Aus dem geschilderten Verständnis der Schüchternheit ergeben sich ganz folgerichtig drei Wege zur Selbsthilfe:

1.
Sie müssen immer wieder einmal überprüfen, ob Sie wirklich schwach sind! Als Kind ist man tatsächlich schwach und erlebt oft sogar körperliche Gewalt. Als Erwachsener ist man stark, hat es aber vielleicht noch gar nicht bemerkt – wie Alice im Wunderland, als sie, riesig geworden, vor dem kleinen Kaninchen zittert. Diese Überprüfung kann sich auch, aber natürlich nicht nur, auf Körperkraft beziehen. Stärke kann auch aus Wissen, aus Geschicklichkeiten und Fertigkeiten, aus Freunden und sozialen Beziehungen, aus Unabhängigkeit, Revierbesitz und Finanzkraft bestehen. Wenn Sie entdecken, dass Sie stärker sind als gedacht und gefühlt, kann ein besseres Selbstbewusstsein entstehen, das die Schüchternheit langsam abbaut. Bereits im Alter von vier Jahren gibt es eine hohe Korrelation zwischen Selbstbewusstsein und Schüchternheit. Diese Beziehung gibt es gleichermaßen über die ganze Lebensspanne (Kemple, 1995). Die Überprüfung der „Schwäche" alleine führt möglicherweise schon zu einer neuen Stärke.

Beispiel:

Herta war ein sehr schüchternes Kind. Sie versuchte immer, besonders brav zu sein; die Mutter verlangte aber auch absoluten Gehorsam. In der Schule war sie still und meldete sich kaum. Sie blieb auch als Erwachsene etwas schüchtern, aber es gab eine Zeit, in der die Schüchternheit sich insgesamt etwas besserte, das war die Pubertät. Sie erinnert sich noch heute, mit 80 Jahren, genau daran, wie sie einmal etwas machte, was die Mutter verboten hatte. Sie war damals mit Freundinnen, ohne zu fragen und ohne es der Mutter später zu sagen, ins Kino gegangen. Irgendwie hatte sie sich ab diesem Erlebnis stärker und unabhängiger gefühlt. Gleichzeitig wurde sie eine hübsche junge Frau und konnte bemerken, wie die jungen Männer ihr nachschauten. Sie stellte mit Erstaunen fest, dass es etwas „Begehrenswertes" an ihr geben müsse. Die Schüchternheit war seit diesen Lernerfahrungen weniger stark und damit leichter zu ertragen.


2. Sie müssen immer wieder einmal prüfen, ob andere wirklich stark und dominant und aggressiv sind! Eltern übten vielleicht in Wort und Tat aggressive Übergriffe aus. Aber der Einfluss von Autoritätspersonen, Eltern, Lehrern etc. lässt im Lauf der Entwicklung nach. Was könnten Eltern und Vorgesetzte ihnen heute wirklich noch zu Leide tun? Auf der anderen Seite: Wie viele Menschen sind bereit, Ihnen zu helfen und Sie zu unterstützen! Vielleicht haben Sie einen Partner, auf den Sie sich verlassen können. Auf jeden Fall aber würde ja die Gesellschaft tätliche Übergriffe verhindern. Wenn Sie versuchen, sich immer wieder mal mit Ihren Absichten und Wünschen durchzusetzen, werden Sie erleben, wie stark der Widerstand der anderen wirklich ist.

3. Sie müssen lernen, im Einklang mit der Schüchternheit zu leben, ja die Vorteile der Schüchternheit zu nutzen. Schüchternheit kann ja auch sympathisch machen. Man will anderen Sozialpartnern ganz offensichtlich nichts wegnehmen. Also sollte man diese Seite der Schüchternheit systematisch nutzen. Es gibt Beschäftigungsfelder und soziale Kommunikationsformen, die von der Schüchternheit weniger behindert werden. Auf solchen Wegen (die hier später noch besprochen werden) können Kontakte und Freundschaften aufgebaut werden, in deren weiteren Verlauf die Schüchternheit dann keine Rolle mehr spielt. Ein Verhaltensbereich wird dabei besonders ausführlich behandelt: Schüchternheit wird speziell in sozialen Situationen bedrängend. Daher werden einige Aspekte sozialer Situationen besprochen. Auf den folgenden Seiten werden Maßnahmen empfohlen, um die Schüchternheit zu mindern oder ganz zu überwinden. Man muss sich ein wenig Zeit dafür nehmen, man muss es aber auf jeden Fall versuchen. Es ist beim Lesen ungefähr so, als studiere man den Bauplan für ein neues Haus. Dadurch ist das Haus aber noch nicht gebaut, man muss den Plan auch in Handlungen umsetzen!