Kirchweihmord - Katinka Palfys zweiter Fall

von: Friederike Schmöe

Gmeiner-Verlag, 2009

ISBN: 9783839231906 , 285 Seiten

6. Auflage

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Kirchweihmord - Katinka Palfys zweiter Fall


 

1. Kirchweihgerüche


Katinka trabte langsam den Leinritt entlang. Sie war ziemlich weit gejoggt, zu weit und zu lang für ihre momentan miese Konstitution. Wahrscheinlich hatte die lang anhaltende Wut sie von der Herzog-Max-Straße über die Friedrichstraße, die Lange Straße und die Kapuzinerstraße bis zur Markusbrücke gejagt, wo sie einer spontanen Entscheidung folgend schließlich die Haarnadelkurve zum Regnitzufer genommen hatte. Inzwischen hatte sie sich auf einen ziemlich langsamen, absackenden Schritt verlegt. Morgens um halb sechs war die einzige Zeit, um draußen Sport zu treiben. Es war halbwegs kühl. In wenigen Stunden würde eine unbarmherzige Sonne herabbrennen. Man schrieb Mittwoch, den 20. August im heißesten Sommer der fränkischen Geschichtsschreibung, wie manche behaupteten. Katinka genoss diese Zeit. Sie mochte die Hitze, das klebrige Gefühl auf der Haut, den mit Getränken voll gestopften Kühlschrank. Die Mauern der alten Stadt rückten im Sommer näher heran und umhüllten ihre Bewohner mit mediterraner Geborgenheit. In diesem August erwies sich Bamberg als besonders lethargisch. Schüler und Studenten, die der Stadt sonst ihren unkonventionellen Stempel aufdrückten, waren in die Sommerpause entschwunden. Statt dessen schoben sich Ströme von ausgetrockneten Touristen matt durch die Altstadtgassen, die Einwohner selbst, sofern sie nicht an Ost- und Nordsee ausgeflogen waren, verbrachten ihre Tage im Hainbad, irgendwo sonst am Fluss oder schlossen sich in ihre Altbauten ein, aus denen sie dann vor dem Abend nicht hervorkrochen. Aber nun kündigte sich eine spezielle Zeit an: Die Sandkirchweih, DAS Volksfest der Stadt, einst eine traditionelle Kirchweih für die Bewohner, inzwischen ein Großereignis mindestens für Oberfranken, ganz zu schweigen von den Touristen, die ihre Städtetour extra auf das dritte Wochenende im August verlegten.

Nichts würde ab morgen sein wie immer, das wusste Katinka. Menschenmassen würden sich durch das gesamte Sandgebiet wälzen, an der Stelle, wo sie nun friedlich saß, würden Popcornstände, Bierbuden, Pizzastände, Weinstände für gute Laune sorgen. Kritiker konnten behaupten, es sei alles ein großes Besäufnis – Katinka liebte die Stimmung, die jährlich zur Sandkirchweih durch die ganze Stadt schwappte. Musikgruppen feuerten ihre Dezibel auf die mittelalterlichen Mauern ab. Straßenzüge wurden komplett gesperrt und ganze Scharen von Menschen pilgerten aus allen Himmelsrichtungen in die Stadt. Katinka grinste, als sie das Festzelt betrachtete, das schon seit einiger Zeit aufgebaut am Ufer stand – eigentlich war es als Terrasse über das Wasser gebaut. Die Franken konnten in und um dieses Zelt ihr letztes bisschen in der Hitze geschmolzenes Temperament zusammenkratzen, die roten Köpfe an Strömen von Bier kühlen und den Bär loslassen, wie Tom es gerne formulierte, schließlich war er Berliner. Ach ja, Tom. Katinka kickte ein Steinchen auf die Uferböschung. Alle Häuser von Klein Venedig gegenüber waren schon wunderschön geschmückt mit Wimpeln und Lichterketten. Der Anblick würde ab morgen Abend zwischen romantisch und kitschig liegen, doch selbst Katinka konnte sich dann nicht satt sehen an den verzerrten Spiegelungen der bunten Glühlämpchen auf dem Wasser. Allerdings würde sie die fünf Tage Sandkirchweih – Sandkerwa, wie der Bamberger sagte – ohne ihren Freund Tom durchstehen müssen. Und danach auch noch den Rest des August und, so stand zu vermuten, den vollen September. Ihr aufstrebender Freund, dieser Karrierist von einem Liebsten, hatte einen Auftrag in Prag erhalten, er sollte für eine deutsche Firma ein Verwaltungsprogramm maßschneidern. Genau das Richtige für mich, Kat the Catey, hatte Tom freudestrahlend berichtet.

Nur zeitlich passte der Auftrag Katinkas Meinung nach nicht besonders. Sie war erst vor zwei Wochen zu Tom gezogen. Kompliziert genug war es gewesen, ihren Freund davon zu überzeugen, dass sie beide zusammenziehen sollten. Katinka hockte sich auf eine Bank und streckte ihre müden Beine aus. Selbstkritisch hätte sie zugeben müssen, dass sie zum Umzug auch nicht besonders entschlossen gewesen war. Feministische Gründe stellten da nur die eine Seite der Medaille. Schon einmal hatte sie die eigene Selbständigkeit ein Stück aufgegeben, geblieben war eine traurige Erinnerung an ihren vorherigen Freund.

Wenn man es genau nahm, hatte erst der spektakuläre Abschluß eines Falles im Frühjahr den Anstoß zum Umzug gegeben. Tom, der zwar einen gewissen Beschützerinstinkt besaß, aber auch viel vom Leben um sich nicht mitbekam, weil er permanent die Augen an den Bildschirm klebte und komplizierte Programmierprobleme löste, hatte sich tatsächlich mächtig erschrocken, als er Katinka im Klinikum abholen musste. Dabei war ihr nichts wirklich Schlimmes passiert. Bei der Jagd nach einer Mörderin wurde ihr eine Rippe angebrochen. Die psychopathische Täterin hatte zwar versucht, sie im Fluss zu ertränken – gerade mal ein paar hundert Meter weiter flussabwärts von der Stelle, wo Katinka jetzt saß und die Stadt erwachen spürte. Doch der Einsatz der Bamberger Polizei und nicht zuletzt ihre eigene Hartnäckigkeit hatten das Schlimmste verhindert.

Alles schien zu vibrieren. Katinka nahm die Brille ab und setzte sich dem verschwommenen Anblick der Regnitzwellen, des grasbewachsenen Ufers und der dichtgedrängten Fischerhäuschen gegenüber aus. Sie hasste diese Brille. Nur stand ihr momentan finanziell das Wasser bis Oberkante Unterlippe, an das Fernziel Kontaktlinsen war überhaupt nicht zu denken. Den ganzen August hatte ihre Detektei verwaist in der Hasengasse gelegen. Anstatt im Fluss schwimmen zu gehen, hatte Katinka in der Hitze der winzigen Gasse ausgeharrt, in der Hoffnung auf Klienten. Wenigstens im Juni und Juli hatte sie einige kleinere Aufträge erhalten, aber das Geld war nun so gut wie aufgebraucht. Sie knabberte ihr Erspartes an, um die Miete für die Detektei bezahlen zu können – für zwei wenig repräsentative Räume und ein Etagenklo.

Allein wegen der Kohle war es gut, dass ich umgezogen bin, dachte Katinka nun mürrisch. Wenigstens zahle ich nur noch die Hälfte der Miete. Der Ärger über Toms Abreise nach Prag steckte ihr in den Knochen und flammte regelmäßig einmal pro Stunde auf. Sie brauchte gar keinen Anlaß dafür. Ihre Freundin Britta meinte, sie sei nur enttäuscht, dass sie gerade mal nach zwei Wochen Zusammenleben verlassen würde, wenn auch nur auf Zeit. Tom und sie hatten allerdings zu Beginn ihrer Beziehung ein Abkommen geschlossen, das Katinka oft genug eingeklagt hatte: Der Job ging vor. Katinka wie Tom nahmen sich das Recht, alle Entscheidungen in Bezug auf ihren Beruf allein zu treffen, unabhängig von den Ansichten und Launen des Anderen. ›Klasse‹, seufzte Katinka im Stillen. Sie drängte schnell den nächsten Gedanken weg – wie genervt sie reagierte, wenn Tom ihr die angebliche Gefährlichkeit des Privatdetektivinnendaseins vor Augen hielt. Momentan fehlte ihr einfach das Feeling für Selbstkritik. Dabei war so ein Detektivjob wenig spektakulär. Im Juli musste sie einen Taschendieb aufspüren – in Zusammenarbeit mit einem Kaufhausdetektiv, der der Gerissenheit des Diebs nicht gewachsen war. Und im Monat davor hatte sie eine alte Dame wiedergefunden. Ihre Familie hatte sie schon als vermisst melden wollen, aber Katinka hatte sie nach einem Tag aufgetrieben. Die Dame war lediglich nach einem Spaziergang nicht in ihr Altenheim zurückgekehrt, sondern in ein anderes. Dort war sie gar nicht weiter aufgefallen, bis sie sich abends in das Bett einer Fremden legen wollte.

Die Stadt vibrierte. Katinka setzte die Brille wieder auf. Sie hatte sich wirklich sehr auf die Sandkerwa gefreut. Sie war durstig und verschwitzt. Sie würde heimgehen, nach Hause, was seit zwei Wochen Herzog-Max-Straße Ecke Amalienstraße bedeutete. Immerhin war Toms Wohnung, pardon, ihrer beider Wohnung um einiges kühler als die Wohnung in der Gabelsberger Straße, wo Katinka zuvor gelebt hatte.

Und ich bin Beinert los, murmelte sie in sich hinein, während sie aufstand und nach ein paar halbherzigen Freiübungen weiter in Richtung Festzelt lief, wo sie rechts in die Kasernstraße abbiegen wollte. Mit dem spießigen und überaus neugierigen ehemaligen Nachbarn war sie mehr als einmal aneinander geraten.

Etwas polterte eigenartig im Wasser, das fiel ihr auf, als sie sich schon fast vom Ufer abgewendet hatte. Oder war es ein Schleifen, das an ihren Ohren kratzte und sie bewog, sich umzudrehen? Sie rückte an ihrer Brille. Die Gläser waren innen vom Schweiß verschmiert, sie nahm sie rasch ab und wischte sie an ihrem T-Shirt sauber. Die Verbesserung war nicht berauschend. Wieder das Kratzen. Die Geräusche der Stadt tauchten weg, und Katin-ka ging zügig auf das noch verwaiste Bierzelt und die Uferböschung zu. Mit drei beherzten Schritten stand sie im Gras und starrte in das braune, zügig dahinfließende Regnitzwasser.

Sie sah ein Bein.

Katinka war sich ganz sicher, dass es ein Bein war, das weiße, fast transparente schmale Etwas, das immer wieder gegen die Holzverschalung der Zeltkonstruktion schabte. Dann sah sie einen Fuß, bloß, ohne Schuh oder Strumpf, mit angeknabberten Zehen. Katinka schluckte. Sie griff in die hintere Tasche ihrer Shorts. Ihr Handy war immer dabei. Sie hatte die Nummer schon gewählt, während das Bein sich löste und ein Stück weiter trieb. Es rumste, als ein ganzer Mensch vom Wasser gegen die Holzpfosten gedrückt wurde.

»Uttenreuther?« Seine Stimme klang müde und trocken.

»Hardo«, krächzte Katinka und dankte dem Himmel für ihre nunmehr guten Kontakte zur Bamberger Kripo. »Ich stehe am Leinritt, gleich beim Festzelt. Da treibt eine Leiche im Wasser. Ein Mädchen.« Sie...