Isch geh Schulhof / Bin isch Freak, oda was?! - Zwei Romane in einem E-Book

von: Philipp Möller

Bastei Lübbe AG, 2016

ISBN: 9783732537891 , 698 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Isch geh Schulhof / Bin isch Freak, oda was?! - Zwei Romane in einem E-Book


 

4


Kontrastprogramm


Nachdem Geier weg ist, muss ich mich beeilen, um rechtzeitig in meiner nächsten Klasse zu sein. So eine Pause ist schnell rum, und mein zweiter Auftritt geht bereits in einer Minute los. Diesmal in der 5b, wieder Mathe. Ob das noch schlimmer werden kann?

Als ich eintrete, begeben sich die Schüler unaufgefordert auf ihre Plätze. Ich gehe langsam zum Lehrertisch, lege meine Sachen ab und begrüße die Klasse.

Die Kinder antworten mir mit einem gut gelaunt klingenden »Guten Morgen, Herr Möller!«.

Wow. Die kennen meinen Namen bereits. Und können ihn sogar aussprechen! Nach ein paar Sekunden des Erstaunens habe ich mich rasch an die neue Situation gewöhnt. Schon nach kurzer Zeit sind wir mitten im Unterricht und lösen gemeinsam einige Aufgaben aus dem Mathebuch. Ich merke, dass es in dieser fünften Klasse ebenfalls viele leistungsschwache Schüler gibt, aber der große Unterschied zur 4e nebenan besteht in der Lernatmosphäre: Niemand feindet sich offen an, die Kinder stören den Unterricht nur sehr selten durch Zwischenrufe und lassen ihre Klassenkameraden ausreden, wenn diese dran sind.

Doch auch hier gibt es natürlich Problemkinder. Pasquale ist eines davon. Er sitzt in der ersten Reihe, direkt vor dem Lehrertisch, und hat auffällig mehr Fragen an mich als seine Mitschüler. Pasquale ist ungefähr einen Kopf größer als die anderen Jungs, hat eine tiefere Stimme und viele Pickel im Gesicht. Seine Bewegungen wirken etwas unbeholfen, und seine Mimik zeugt von wenig Selbstbewusstsein und jeder Menge Kummer.

»Herr Mülla«, jammert er, als ich in seine Nähe komme. »Isch versteh dis alles nich.«

Beim Anblick seiner müden Augen vergesse ich den Hinweis auf meinen richtigen Namen schnell und nehme mir etwas Zeit für ihn, da der Rest der Klasse gerade mit Rechnen beschäftigt ist. Nachdem ich ihm die erste Aufgabe mühsam erklärt habe, verrät er mir den Grund für seine Müdigkeit.

»Sch’war bis ölf wach jewesen«, sagt er kleinlaut und pult dabei am blutigen Nagelbett seines Daumens herum.

Seine Mutter sei schon vor ihm ins Bett gegangen, ohne sich darum zu scheren, dass er noch auf war. Auf die Frage nach seinem Vater fängt er vor Wut fast an zu heulen. Ich bin ratlos. Was soll ich dazu sagen? Immerhin habe ich genug damit zu tun, ohne Ausbildung als Mathelehrer zu arbeiten, aber ohne entsprechendes jugendpsychologisches Rüstzeug angemessen auf die Sorgen eines Frühpubertären einzugehen – das ist dann doch ein bisschen viel. Allerdings kann ich ihn jetzt auch nicht einfach so sitzen lassen, also wage ich einen Versuch. Ich erkläre ihm, dass Erwachsene eben arbeiten gehen müssten und sein Vater sicherlich lieber bei ihm wäre.

»Mein Vater hasst misch!«, schleudert mir Pasquale entgegen. »Und isch hasse ihn! Dieser …«

»Hey, schon gut«, beruhige ich ihn und lege ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. Dann erzähle ich ihm, dass ich mich in seinem Alter auch immer mit meinem Vater gestritten hätte.

»Wie alt bist du eigentlich?«, frage ich, um ihn etwas abzulenken.

»Dreizehn.«

Auch bei mir, erkläre ich, fing in diesem Alter der Pubertätsstress mit meinen Eltern an – dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits in der siebten Klasse war, behalte ich aber besser für mich.

»Nach dem Unterricht reden wir noch mal in Ruhe, okay?«, schlage ich vor. »Bis dahin hilft dir Angelina bestimmt mit den Aufgaben.«

Seine Sitznachbarin nickt verständnisvoll. In der restlichen Stunde gehe ich mit den Schülern die Lösungen der Aufgaben durch und versuche Unklarheiten nach Möglichkeit von den Kids klären zu lassen. Insgesamt läuft der Unterricht in der 5b so gut, dass ich neuen Mut schöpfe – vielleicht ist der Lehrerberuf ja doch nicht so anstrengend, wie ich noch vor einer Stunde vermutet habe …

Als die Glocke klingelt und Pasquale mit den anderen in die Pause rennen will, rufe ich ihn noch einmal zu mir. Er beteuert, dass es ihm schon besser gehe, ich weise ihn aber noch einmal darauf hin, dass er früher ins Bett gehen müsse.

»Klar, Herr Mülla«, verspricht er und rennt in die Pause.

Als ich aus dem Klassenraum trete, warten drei Mädchen aus der Klasse, die ich eben unterrichtet habe, auf mich: Nesrin, Gülem und Büşra. Alle drei tragen moderne Kleidung, die weit vom Kopftuch-Look der kleinen Fatima aus der 4e entfernt ist. Im Gegenteil: Wahrscheinlich gehen sie regelmäßig shoppen und legen sich dabei den neusten Trend glitzernd-bunter Klamotten zu – selbstverständlich hauteng. Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis die Mädels verstehen, dass für einen solchen Look auch die richtige Figur vorhanden sein sollte. Nesrin und Büşra sind pummelig, Gülem dagegen stark übergewichtig. Die drei sitzen zusammen im hinteren Teil der Klasse und sind wahrscheinlich BFFBest friends forever.

»Herr Möller«, fängt Nesrin an, während die anderen beiden hinter vorgehaltener Hand kichern. »Hamm Sie ein Freundin?«

-rsa und Gülem platzen fast vor Lachen und beginnen miteinander zu tuscheln.

»Ja, habe ich. Wieso?«

Jetzt können sich die beiden anderen nicht mehr am Riemen reißen und lachen lauthals los.

»Was ist deine Freundin?«, fragt Nesrin weiter.

»Was meinst du damit?«, entgegne ich irritiert. »Sie ist eine Frau.«

Nesrin schüttelt energisch den Kopf. »Nein, isch meine: Welsche Sprache ist sie?«

Dass die Verständigung mit einem Kind in ihrem Alter so schwer werden könnte, hätte ich nicht erwartet. Ihr holpriges Deutsch bereitet mir ernsthafte Probleme. Mit dem Tempo einer Wegbeschreibung für Touristen erkläre ich ihr, dass meine Freundin aus Deutschland stammt und sogar Deutsch spricht.

»Und wo kommt ihr drei her?«, möchte ich von ihnen wissen.

»Wir sind Türkei«, unterbricht Büşra plötzlich ihren Lachanfall und schaut mich stolz an.

Auf die Frage, wo sie denn geboren seien, sagt Gülem: »Ja, okay, Dings, Deutschland – aber wir sind trotzdem Türkei!«

Dabei legt sie ihre dicke Hand aufs Herz.

Ich versichere den Mädels, dass ich meine Freundin lieben würde – egal, wo ihre Familie ursprünglich herkäme. Den irritierten bis ablehnenden Blicken der drei Grazien entnehme ich jedoch, dass in ihren Familien vermutlich andere Regeln gelten.

Auf meiner Heimfahrt mit der U-Bahn überkommt mich schlagartig eine bleierne Müdigkeit. Um kurz vor zwei erreiche ich mit einem Bärenhunger meine WG, bin aber so müde, dass die Nahrungsaufnahme warten muss. Ich kann gerade noch die Wohnungstür hinter mir schließen und meine Tasche in die Ecke pfeffern, dann lasse ich mich auf mein Bett fallen und schlafe augenblicklich ein.

Als ich wach werde, setzt draußen bereits die Dämmerung ein. Auf dem Sessel in meinem Zimmer sitzt meine Freundin Sarah. Sie hat sich die Leselampe angemacht und schmökert in einem Roman. Eine dunkelblonde Strähne hat sich aus ihrem Zopf gelöst und fällt ihr ins Gesicht. Immer wieder, auch nach all der gemeinsamen Zeit, erfreue ich mich an ihrem Anblick. Wir leben beide in Berlin, allerdings nicht in einer gemeinsamen Wohnung. Gerade warten wir darauf, dass Sarah einen Studienplatz zugewiesen bekommt. Sie möchte Grundschullehrerin werden – eine Wahl, die ich spätestens seit heute eindeutig mit gemischten Gefühlen betrachte.

»Na, wie war dein erster Tag in meinem zukünftigen Job?«, fragt sie, als sie bemerkt, dass ich wach bin, und streicht sich die widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Es war …« Ich suche nach dem richtigen Begriff, während ich mich strecke. »… interessant. Trinken wir ’n Kaffee? Ich muss erst mal wieder wach werden.«

Wir gehen in die Küche, wo ich die Mokkakanne vorbereite und ihr währenddessen von der Katastrophenstunde in der 4e, den übermüdeten und überdrehten Schülern, den Isch-bin-Türkei-Mädels und Herrn Geier erzähle, über dessen schroffe Art wir uns gemeinsam amüsieren. Spontan verleihen wir ihm den Spitznamen Geierchen.

»Vielleicht sollte ich mir das mit dem Lehramtsstudium doch noch mal überlegen«, meint Sarah auf einmal nachdenklich.

»Was ich da heute erlebt habe, muss ja nicht überall so sein«, sage ich und gebe ihr einen Kuss. »Ist bestimmt ein echt toller Job – aber eben nur an der richtigen Schule.«

Nach mehr als drei Jahren Beziehung mit Sarah kann ich mit großer Sicherheit sagen, dass sie gut in diesen Beruf passt. Obwohl sie eher zierlich ist, kann sie sich verdammt gut durchsetzen. Außerdem mangelt es ihr nicht an Einfühlungsvermögen. Und nach dem heutigen Tag kann ich mit Sicherheit sagen: Ohne das geht’s nicht.

Am frühen Abend trudelt mein Mitbewohner Bernd ein, und wenig später ruft unsere Freundin Nuray an, die sich überreden lässt, auf ein Bier vorbeizukommen. Zusammen stoßen wir auf meinen ersten Tag als Lehrer an. Plötzlich fällt mir die Geschichte von Mr. Was-guckst-du aus der U-Bahn ein.

»Oh Mann, diese Proleten«, sagt Nuray kopfschüttelnd und seufzt. Sie ist als Tochter türkischer Einwanderer in Berlin geboren und aufgewachsen. Wegen ihrer dunklen Locken wird sie oft für eine Spanierin oder Italienerin gehalten. Probleme hatte sie wegen der Herkunft nur sehr selten. Ihre Schönheit und ihr gewinnendes Lächeln sind wahrscheinlich ihre stärksten Waffen im Kampf gegen Diskriminierung – was vielleicht ein bisschen schade, aber doch irgendwie tröstlich ist. Außerdem haben Nurays Eltern immer großen Wert auf...