Die Legende der Wächter 2: Die Wanderschaft

Die Legende der Wächter 2: Die Wanderschaft

von: Kathryn Lasky

Ravensburger Buchverlag, 2010

ISBN: 9783473384112 , 288 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 7,99 EUR

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Die Legende der Wächter 2: Die Wanderschaft


 

Soren spürte, wie sich die Blindschlange in seinem Schultergefieder vergrub, als er und seine drei Eulenfreunde von der nächsten Windböe durchgerüttelt wurden. Sie flogen nun schon seit vielen Stunden. Soren hatte den Eindruck, dass sich die Dunkelheit allmählich verflüchtigte und das Schwarz der Nacht dem ersten Morgenlicht wich. Unter ihnen schlängelte sich der Fluss wie ein dunkles Band durch die Landschaft.

„Lasst uns weiterfliegen, auch wenn es schon hell wird“, meinte Morgengrau, der stattliche Bartkauz, der in Sorens Windschatten flog. „Es ist nicht mehr weit, das spüre ich ganz deutlich.“

Ihr Ziel war das Hoolemeer, das kein richtiges Meer, sondern ein großer See war. Mitten im See lag eine Insel, und auf der Insel stand ein Baum, den man den Großen Ga’Hoole-Baum nannte und in dem eine Gemeinschaft edelmütiger Eulen lebte. Man erzählte sich, dass die Mitglieder dieses Ritterbundes Nacht für Nacht ausflogen und Gutes taten. Sie stärkten die Schwachen, richteten die Verzweifelten wieder auf und entmachteten jene, die Unterlegene ausnutzten. Eine solche Unterstützung hatten die Eulenvölker bitter nötig, denn eine finstere Macht drohte sie allesamt ins Verderben zu stürzen.

In einem Labyrinth aus Felsschluchten hauste nämlich eine Schar machtgieriger Eulen. Sie führten das Sankt-Ägolius-Internat für verwaiste Eulen, kurz: Sankt Äggie. Mittlerweile suchten ihre Häschertrupps so gut wie jedes Eulenvolk heim. Soren und seine beste Freundin Gylfie waren als flugunfähige Nestlinge nach Sankt Ägolius entführt worden. Auch Morgengrau war seinerzeit entführt worden, hatte aber entkommen können. Diggers kleinen Bruder hatten die räuberischen Eulen sogar gefressen und seine Eltern umgebracht. Soren und Gylfie waren Morgengrau und dem Höhlenkauz Digger kurz nach ihrer tollkühnen Flucht aus dem Sankt Äggie begegnet.

Anfangs hatte ihre einzige Gemeinsamkeit darin bestanden, dass sie alle vier Waisen waren, doch inzwischen vereinte sie weit mehr. Nach einer blutigen Wüstenschlacht, bei der zwei von Sankt Äggies grausamsten Kriegern den Tod gefunden hatten, hatten die Freunde mit einem Mal eine tiefe Gewissheit in ihren Muskelmägen verspürt, dort, wo bei Eulen der Sitz der stärksten Gefühle ist. Ihre Mägen hatten ihnen gesagt, dass sie von nun an unzertrennlich wären, nach dem Motto: „Einer für alle, alle für einen.“ Sie würden stets als treue Freunde zusammenhalten und verfolgten alle vier dasselbe Ziel: die Eulenvölker der Welt vor dem Bösen zu erretten. Auf dem blutgetränkten Wüstensand, im silbernen Licht des Mondes, hatten die vier einen Schwur abgelegt. Sie würden zum Hoolemeer fliegen und den sagenumwobenen Baum aufsuchen, der die letzte Zuflucht von Vernunft und Tugend in einer Welt war, deren Treiben immer verrückter und schändlicher wurde. Sie mussten ihre Artgenossen vor dem drohenden Unheil warnen. Sie wollten sich der legendären Gemeinschaft ritterlicher Eulen anschließen.

Zwar kannten sie den Fluss nicht, dem sie jetzt folgten, aber Morgengrau war davon überzeugt, dass es sich um einen Seitenarm des Hoole handelte und dass der große Fluss, der in das Hoolemeer mündete, nicht mehr weit sein konnte. Der Gedanke, schon bald die sagenhafte Insel zu erblicken, verlieh den vier Eulen neue Kräfte. Beherzt flogen sie gegen den stürmischen Wind an.

Jetzt spürte Soren, wie sich MrsPlithiver zu seinem Kopfgefieder hochschlängelte. MrsP., wie er sie zu nennen pflegte, hatte bei Sorens Eltern als Nesthälterin gedient und war eine Blindschlange. Blindschlangen hatten rosafarbene Schuppen und anstelle der Augen nur zwei kleine Vertiefungen im Kopf. Viele Eulenfamilien hielten sich Blindschlangen als Nesthälterinnen. Die Schlangen sorgten dafür, dass die Bruthöhlen stets sauber und frei von Ungeziefer waren. Als er entführt worden war, hatte sich Soren schon damit abgefunden, MrsP. nie mehr wiederzusehen. Doch wenige Tage nach seiner Flucht aus dem Sankt Äggie hatte er sie wiedergetroffen. Soren hatte schon längere Zeit den Verdacht gehabt, dass ihn sein großer Bruder Kludd aus der Baumhöhle gestoßen hatte, während die Eltern auf der Jagd gewesen waren, und MrsPlithiver hatte diesen Verdacht bestätigt. Soren hatte den Sturz zwar überlebt, war aber unten auf dem Waldboden vierbeinigen Räubern wehrlos ausgeliefert gewesen, weil er noch nicht flügge war. Von wegen Vierbeiner! Nicht im Traum wäre ihm eingefallen, dass ihm ausgerechnet von seinen eigenen Artgenossen eine noch viel größere Gefahr drohen könnte! Das begriff er erst, als er schon im Griff kräftiger Krallen durch die Lüfte schwebte. Bis dahin hatte Soren geglaubt, dass Waschbären die schlimmsten Feinde der Eulen wären.

Bei ihrem Wiedersehen hatte MrsP. Soren ihre Befürchtung anvertraut, dass Kludd Sorens kleine Schwester Eglantine ebenfalls aus dem Nest gestoßen hatte. MrsP. hatte noch versucht, diese Untat zu verhindern, aber Kludd hatte ihr gedroht, sie zu fressen. Der armen alten Nesthälterin war nichts anderes übrig geblieben, als zu fliehen– und zwar schleunigst.

Jetzt kroch MrsP. an Sorens linkes Ohr, das sich weiter oben am Kopf befand als sein rechtes. „Hör mal, Soren“, raunte sie, „ist das wirklich eine gute Idee, am helllichten Tag weiterzufliegen? Was ist, wenn wir… nun ja, belästigt werden?“

„Belästigt?“

„Du weißt schon, von Krähen.“

Sorens Magen zog sich unwillkürlich zusammen.

Hätte ihn MrsP. nicht gewarnt, hätte er die Flügelschläge über sich womöglich überhört. Sie waren viel zu laut, als dass sie von Eulen herrühren konnten.

„Krähen windwärts!“, rief Gylfie da auch schon. Auf einmal verdunkelte sich der rosafarbene Himmel und wurde schwarz.

„Krähenattacke!“, kreischte Morgengrau.

Gütiger Glaux!, dachte Soren. Eine Krähenattacke war das Schlimmste, was einer Eule passieren konnte, die tagsüber unterwegs war. Aber jetzt war es noch so früh am Morgen! Nachts waren Krähen kein Problem, da konnten die Eulen ihre Feinde im Schlaf angreifen. Am Tag dagegen wurden Krähen oft zu tödlichen Gegnern. Wenn eine Krähe, und sei es ein einzelner Vogel, eine bei Tageslicht fliegende Eule entdeckte, verständigte sie sogleich ihre Artgenossen, und im Nu verfolgte ein ganzer Schwarm das Opfer. Die Krähen stießen im Sturzflug auf seinen Kopf nieder und versuchten ihm die Augen auszuhacken.

„Ausschwärmen!“, rief Gylfie.

Die Elfenkäuzin schien überall zugleich zu sein. Wie ein aufgescheuchtes Insekt schwirrte sie im Zickzackflug umher. Soren, Digger und Morgengrau taten es ihr nach. Soren begriff rasch, dass Gylfie zwischen ihren unberechenbaren Flugmanövern immer wieder blitzartig in den Krähenschwarm eintauchte und nach den Flügelunterseiten der Angreifer hackte. Um sich zu schützen, mussten die Krähen die Flügel anlegen, und verloren dadurch an Höhe.

„Achtung, hinter dir!“, zischelte MrsP. „Windwärts!“

Die Blindschlange glitt wieder über Sorens Rücken, diesmal in Richtung Schwanz, und Soren änderte die Flügelstellung. Die Nesthälterin war zwar leicht, trotzdem machte sich die Gewichtsverlagerung bemerkbar. MrsP. witterte den stinkenden Atem der Krähe, die immer näher kam. Soren ging in den Sinkflug. MrsP. war jetzt in seinem Schwanzgefieder angekommen, wo die Federn steifer und gröber waren. Eine übel riechende Wolke schlug ihr entgegen.

MrsPlithiver richtete sich hoch auf und zischte der Krähe entgegen: „Du Abschaum des Himmels, du Fluch der Erde, du Ungeziefer des Fernen! Abscheuliches Krähenpack!“

Bei den Blindschlangen hieß der Himmel „der Ferne“, weil er für ihresgleichen unerreichbar fern war. Doch die größte Beleidigung hatte sich MrsP. noch aufgespart. „Schleimpupser!“, schleuderte sie nun der Krähe entgegen. Blindschlangen bewunderten nämlich die vornehme Verdauung ihrer Herrschaft, weil Eulen die Abfallprodukte ihrer Nahrung zu säuberlichen Gewöllen verarbeiten, die sie anschließend durch den Schnabel wieder auswürgen. Alle anderen Vögel hießen bei den Blindschlangen nur „Schleimpupser“. Die derart beschimpfte Krähe schien mit offenem Schnabel und angelegten Flügeln mitten im Flug innezuhalten.

Krähen sind ziemlich einfältige Vögel. Und was diese Krähe soeben gesehen und gehört hatte– eine Schlange, die sich aus dem Schwanzgefieder einer Eule aufrichtete und wüste Beleidigungen zischte–, überstieg ihren beschränkten Verstand. Vor Schreck bekam sie Flügelstarre: Ihre Flügel hingen kraftlos herunter und sie trudelte wie ein welkes Blatt in die Tiefe.

Auch die anderen Krähen ließen nun von der Eulenschar ab. Morgengrau stieg zu Soren empor. „Digger ist verwundet.“

Als Soren nach unten schaute, sah er, dass der Höhlenkauz bedenklich Schlagseite hatte. „Dann müssen wir landen.“

Gylfie flog heran und verkündete ganz außer Atem:...