Göttlich verdammt

von: Josephine Angelini

Dressler Verlag GmbH, 2011

ISBN: 9783862720002 , 496 Seiten

Format: PDF, ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Göttlich verdammt


 

1


»Aber wenn du mir jetzt ein Auto kaufst, gehört es dir, wenn ich in zwei Jahren aufs College gehe. Und dann ist es praktisch immer noch neu«, sagte Helen optimistisch. Leider fiel ihr Vater nicht darauf herein.

»Lennie, nur weil der Bundesstaat Massachusetts meint, dass Sechzehnjährige schon Auto fahren dürfen …«, begann Jerry.

»Fast siebzehn«, betonte Helen.

»… bedeutet das nicht, dass ich derselben Meinung sein muss.« Er stand bereits auf der Gewinnerseite, aber so leicht gab Helen nicht auf.

»Weißt du, die alte Karre hält höchstens noch ein oder zwei Jahre.« Helen startete einen neuen Versuch und bezog sich dabei auf den uralten Jeep Wrangler ihres Vaters, der vermutlich schon vor der Burg geparkt hatte, in der die Magna Charta unterzeichnet worden war. »Und denk doch nur an das ganze Spritgeld, das wir sparen würden, wenn wir einen Hybrid kaufen oder gleich ein Elektroauto. Das ist die Zukunft, Dad.«

»Mm-hm«, war alles, was ihr Vater dazu sagte.

Jetzt hatte sie verloren.

Helen Hamilton stöhnte leise und schaute über die Reling der Fähre, die sie zurück nach Nantucket brachte. Sie sah sich schon ein weiteres Jahr im November mit dem Rad zur Schule fahren und um eine Mitfahrgelegenheit betteln, wenn der Schnee zu hoch lag. Allein der Gedanke ließ sie schaudern und sie versuchte sich abzulenken. Wie so oft starrten einige der Touristen auf der Fähre sie an und Helen wandte so unauffällig wie möglich das Gesicht ab. Wenn Helen in den Spiegel schaute, sah sie zwei ganz gewöhnliche Augen, eine Nase und einen Mund – aber die Fremden von außerhalb starrten sie trotzdem immer an, was wirklich lästig war.

Zu Helens Glück waren die meisten Touristen auf der Fähre, um die schöne Aussicht zu genießen und nicht ihren Anblick. Sie waren so versessen darauf, vor dem Herbst noch eine Ladung Inselfeeling mitzunehmen, dass sie die Umgebung mit ständigen Aaahs und Ooohs bestaunten. Helen konnte alldem nichts abgewinnen. Soweit es sie betraf, war es das Letzte, auf einer kleinen Insel aufzuwachsen, und sie konnte es nicht erwarten, endlich aufs College zu gehen, weit weg von der Insel, von Massachusetts und wenn möglich auch der ganzen Ostküste.

Es war aber nicht so, dass Helen ihr Zuhause hasste. Sie kam sogar hervorragend mit ihrem Vater aus. Ihre Mutter hatte sie verlassen, als Helen noch ein Baby gewesen war, doch Jerry hatte schnell gelernt, seiner Tochter genau das richtige Maß an Aufmerksamkeit zu schenken. Er war nicht ständig um sie herum, aber dennoch war er da, wenn sie ihn brauchte. Und obwohl sie sich über die Sache mit dem Auto ärgerte, wusste sie auch, dass sie sich keinen besseren Vater wünschen konnte.

»Hey, Lennie! Was macht der Ausschlag?«, rief eine Stimme, die sie nur zu gut kannte. Es war Claire, ihre beste Freundin seit dem Babyalter. Sie stieß die schwankenden Touristen mit ein paar geschickt platzierten Schubsern zur Seite.

Die meerestrunkenen Tagesausflügler wichen Claire aus, als wäre sie ein Stürmer beim Football und kein zierliches Persönchen, das auf Plateausandalen dahergetrippelt kam. Sie glitt mühelos durch den Touristenschwarm und stellte sich neben Helen an die Reling.

»Giggles! Wie ich sehe, warst du auch für den ersten Schultag einkaufen«, sagte Jerry und umarmte Claire mitsamt ihren Taschen und Tüten.

Claire Aoki, von ihren Freunden Giggles genannt, war ein echtes Schlitzohr. Jeder, der nur ihre eins fünfundfünfzig Körpergröße und ihre asiatische Zartheit wahrnahm, ohne ihren scharfen Verstand und ihr freches Mundwerk zu erkennen, lief Gefahr, furchtbar unter den Angriffen einer deutlich unterschätzten Gegnerin zu leiden. Der Spitzname »Giggles« war gewissermaßen ihr Markenzeichen. Sie hatte ihn schon, seit sie ein Kleinkind war. Zur Verteidigung ihrer Familie und ihrer Freunde muss gesagt werden, dass es fast unmöglich war, sie nicht Giggles zu nennen. Claire hatte mit Abstand das sympathischste Lachen des Universums. Es klang niemals gezwungen oder gar schrill und zauberte absolut jedem in Hörweite ein Lächeln auf die Lippen.

»Na klar, Erzeuger meiner besten Freundin«, sagte Claire und erwiderte Jerrys Umarmung mit echter Zuneigung, ohne darauf einzugehen, dass er schon wieder den ungeliebten Spitznamen verwendet hatte. »Darf ich mal ein paar Worte mit deinem Nachwuchs wechseln? Tut mir leid, dass ich so unhöflich bin, aber es geht wirklich um hochgeheime, brisante Dinge. Ich würde es dir ja sagen …«, fügte sie hinzu.

»… aber dann müsstest du mich töten«, beendete Jerry den Satz scharfsinnig. Er verzog sich zum Getränkestand, um sich eine von den zuckrigen Limos zu kaufen, solange seine Tochter, die Chefin der Ernährungspolizei, gerade nicht hinsah.

»Was hast du da alles in deinen Tüten?«, fragte Claire. Sie schnappte sich Helens Einkäufe und begann, darin herumzuwühlen. »Jeans, Strickjacke, Unter… wie jetzt? Du nimmst deinen Dad mit zum Unterwäschekaufen?«

»Was hatte ich denn für eine Wahl?«, beschwerte sich Helen und entriss ihrer Freundin die Tüte. »Ich brauchte neue BHs! Außerdem ist mein Dad in den Buchladen gegangen, solange ich alles anprobiert habe. Aber es ist trotzdem total peinlich, Unterwäsche zu kaufen, auch wenn er in einem anderen Geschäft auf mich wartet«, gestand sie und wurde ganz rot dabei.

»Aber so schlimm kann das gar nicht sein. Schließlich kaufst du nichts, was auch nur entfernt sexy ist. Meine Güte, Lennie, so was trägt meine Oma!« Claire hielt eine weiße Baumwollunterhose hoch. Helen schnappte hektisch nach dem Omaschlüpfer und ließ ihn in den Tiefen ihrer Einkaufstüte verschwinden, während Claire in ihr berühmtes Lachen ausbrach.

»Ich weiß, ich bin mit der Streberseuche infiziert«, konterte Helen, die Claire ihre Stichelei wie gewöhnlich längst verziehen hatte. »Hast du keine Angst, dich bei mir mit dem Loservirus anzustecken?«

»Ich bin so umwerfend, dass ich immun dagegen bin. Außerdem steh ich auf Streber. Die kann man so schön ärgern. Und ich finde es klasse, wie du jedes Mal rot wirst, wenn ich von Unterhosen anfange.«

Claire wurde gezwungen, ein Stück zur Seite zu rücken, weil sich ein fotografierendes Touristenpaar neben sie gedrängt hatte. Sie nutzte das Schwanken der Fähre und knuffte die beiden mit einem ihrer Ninja-Schubser. Sie taumelten von der Reling weg, lachten über die »raue See« und hatten nicht einmal gemerkt, dass Claire sie berührt hatte. Helen spielte mit dem Herzanhänger an der Kette, die sie immer trug, und duckte sich ein wenig, um auf Augenhöhe mit Claire zu sein, die wesentlich kleiner war als sie.

Helen war furchtbar schüchtern, und sie fand es besonders schrecklich, immer noch zu wachsen, obwohl sie mit ihren eins achtundsiebzig Körpergröße schon genügend auffiel. Sie hatte Jesus, Buddha, Mohammed und Wischnu angefleht, ihr Wachstum endlich zu stoppen, aber sie spürte nachts immer noch die ziehenden Schmerzen in Knochen und Muskeln, die einen weiteren Wachstumsschub ankündigten. Eines hatte sie sich fest vorgenommen: Sobald sie die Zwei-Meter-Marke überschritt, würde sie über das Geländer des Leuchtturms in Siasconset steigen und sich in die Tiefe stürzen.

Die Verkäuferinnen erzählten ihr ständig, was für ein Glück sie hatte, aber eine passende Hose fanden sie trotzdem nicht für sie. Helen hatte sich mittlerweile damit abgefunden, dass sie Jeans kaufen musste, die viel zu groß waren, wenn sie die richtige Länge haben sollten. Wenn sie aber welche wollte, die ihr nicht vom Po fielen, musste sie in Kauf nehmen, dass ihr eine sanfte Brise um die Knöchel wehte. Helen war ziemlich sicher, dass die »so neidischen« Verkäuferinnen nicht mit nackten Knöcheln herumliefen. Oder mit Jeans, in denen man ihren Po halb sah.

»Mach keinen Buckel«, fuhr Claire sie automatisch an, als sie sich wieder umdrehte und Helen an der Reling hängen sah. Helen gehorchte ebenso automatisch.

Claire hatte einen Fimmel, was die Haltung betraf. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber Helen nahm an, dass das an Claires superkorrekter japanischer Mutter lag und an der noch viel korrekteren, kimonotragenden Großmutter.

»Okay! Jetzt zu den wirklich wichtigen Themen«, verkündete Claire. »Du kennst doch diesen zig Millionen teuren Kasten, der mal diesem Football-Typen gehört hat?«

»Der in ’Sconset? Klar. Was ist damit?«, fragte Helen, die an den Privatstrand denken musste, der zum Anwesen gehörte. Insgeheim war sie froh darüber, dass ihr Dad in seinem Laden nicht genug verdiente, um ein Haus zu kaufen, das dichter am Wasser stand.

Als Helen noch klein war, war sie beinahe ertrunken und seitdem der festen Überzeugung, dass der Atlantik sie umbringen wollte. Diesen paranoiden Gedanken behielt sie natürlich für sich … aber sie war auch eine lausige Schwimmerin. Sie konnte zwar ein bisschen herumpaddeln, aber selbst das klappte nicht richtig. Irgendwann sank sie immer wie ein Stein, egal, wie salzhaltig das Meer angeblich war und wie sehr sie sich bemühte.

»Es ist endlich verkauft, an eine Großfamilie«, sagte Claire. »Oder zwei Familien. Ich weiß nicht genau, wie die zusammenhängen, aber anscheinend sind es zwei Väter, die Brüder sind. Sie haben beide Kinder, also sind die alle Cousins?« Claire runzelte die Stirn. »Auf jeden Fall haben die Leute, die da eingezogen sind, einen Haufen Kinder, die alle ungefähr im selben Alter sind. Und sie haben zwei Jungs, die in unsere Klassenstufe kommen.«

»Lass mich raten«, erwiderte Helen, ohne eine Miene zu verziehen. »Du hast deine Tarotkarten befragt und festgestellt, dass...