Weggetreten - Die sonderbare Welt der Bundeswehr

von: Mark Pätzold

Heyne, 2010

ISBN: 9783641040239 , 304 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Weggetreten - Die sonderbare Welt der Bundeswehr


 

8 Fünf-Uhr-Tee …(S. 59-60)

In dem der Leser erfährt, was man bei der Bundeswehr unter einem »guten Morgen« versteht, und zusammen mit neun Männern auf der Toilette probesitzen darf.


Die Vergangenheit holt einen manchmal auf seltsame Weise ein. Am zweiten Morgen der Tour durch meine militärische Vergangenheit erwachte ich träge in meinem Hotelzimmer. Ich öffnete meine bleischweren Lider - und schaute auf eine Frau, die mit einem Staubsauger den Teppich vor meinem Bett reinigte.

Die Tür zu meinem Zimmer stand sperrangelweit offen, und auf einem Wagen verströmten offene Flaschen voller Reinigungsmittel ihren betäubenden Dunst. Der Staubsauger lärmte munter vor sich hin, und immer wieder stieß die Putzfrau damit gegen Stuhlbeine und die Bettpfosten. Just in diesem Moment ging eine Familie mit zwei Töchtern im Teenageralter auf dem Flur vorbei, und alle vier starrten auf meinen nackten Hintern.

Endlich bemerkte mich auch die Putzfrau. Immerhin stellte sie den Staubsauger aus, bevor sie mich barsch fragte, was ich denn in ihrem Zimmer mache. Erst jetzt stellte ich fest, woher der andere Geruch stammte, denn in ihrem Mundwinkel hing zitternd eine brennende Zigarette und bedachte mich mit einem zarten Ascheregen. Jeder Soldat wird sich durch diese Beschreibung an etwas erinnert fühlen. Genau: das morgendliche Wecken während der Grundausbildung.

In der Regel ist der Rekrut am Abend so müde, dass er am liebsten schon nach dem Sandmännchen einschlafen möchte, doch seine Ausbilder lassen ihn natürlich nicht. Gegen 23.00 Uhr liegt der Soldat schließlich doch im Bett, und der UvD22 gibt sein sein »Kompanie Zapfenstreich!« zum Besten. Gefühlte zehn Minuten später fliegt die Tür mit einem Knall auf.

Mit dem Zartgefühl eines Tyrannosaurus Rex, der sich einen 30 Zentimeter langen rostigen Nagel eingetreten hat, brüllt der Unteroffizier vom Dienst im Flur: »Kompanie Aufstehen!«, wobei er die beiden Worte jeweils drei oder vier Sekunden in die Läge zieht. Gleichzeitig steht der Gruppenführer der Stubeninsassen im Zimmer und schaltet das Deckenlicht an. Flackernd erwachen grelle Leuchtstoffröhren zum Leben. Natürlich entschuldigt sich der Ausbilder dafür. Das Ganze klingt dann so: »Oooch, Männer, habe ich etwa die Tür aufgelassen?

Das tut mir aber leid! Sind die Herrschaften müde? Brauchen die Herrschaften etwas frische Luft?« Natürlich sind die Männer müde. Schließlich ist es fünf Uhr morgens! An dieser Stelle reißt der Ausbilder gerne alle Fenster auf. Nur Bundeswehrausbilder beherrschen die Technik, dabei mehr Lärm zu veranstalten als ein Presslufthammer. Wer jetzt noch im Bett liegt, wird den Rest des Tages im Fadenkreuz des Ausbilders verbringen, und das bedeutet: sehr viele Liegestütze!