Der Schlüssel zu Rebecca - Thriller

von: Ken Follett

Bastei Lübbe AG, 2010

ISBN: 9783838703466 , 415 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 7,99 EUR

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Der Schlüssel zu Rebecca - Thriller


 

2


ES WAR MAI, und der Chamsin blies, ein heißer, staubiger Südwind. William Vandam stand unter der Dusche und litt unter dem deprimierenden Gedanken, daß dies der einzige Zeitpunkt des Tages sein würde, an dem er sich frisch fühlte. Er drehte das Wasser ab und rieb sich rasch trocken. Sein Körper schmerzte an vielen Stellen. Er hatte am Tag zuvor Cricket gespielt, zum erstenmal seit Jahren. Der Nachrichtendienst des Generalstabs hatte mit Mühe eine Mannschaft zusammenbekommen, um gegen die Ärzte des Feldlazaretts zu spielen – Spione gegen Quacksalber, wie sie es genannt hatten. Vandam, als Fänger an der Spielfeldgrenze, hatte sich die Lunge aus dem Hals gerannt, da die Mediziner die von den Nachrichtendienstlern geworfenen Bälle über den ganzen Platz schlugen. Nun mußte er zugeben, daß er nicht bei guter Kondition war. All der Gin oder auch die Zigaretten hatten seiner Stärke und Ausdauer geschadet; außerdem plagten ihn zu viele Sorgen, so daß er dem Spiel nicht die Konzentration widmen konnte, die es verdiente.

Er steckte sich eine Zigarette an, hustete und begann sich zu rasieren. Er rauchte immer beim Rasieren, nur so konnte er die Langeweile dieser täglichen Routine ertragen. Vor fünfzehn Jahren hatte er geschworen, sich einen Bart wachsen zu lassen, sobald er die Armee hinter sich hatte, aber er war immer noch Soldat.

Vandam zog seine gewohnte Uniform an: Socken, schwere Sandalen, Buschhemd und die Khakishorts mit den Laschen, die zum Schutz gegen Moskitos hinuntergeklappt und unterhalb der Knie zugeknöpft werden konnten. Niemand benutzte die Laschen je, und die jüngeren Offiziere schnitten sie meist ab, weil sie so lächerlich aussahen.

Auf dem Fußboden neben dem Bett stand eine leere Ginflasche. Vandam betrachtete sie, angewidert von sich selbst. Es war das erste Mal, daß er die verdammte Flasche mit ins Bett genommen hatte. Er hob sie auf, schraubte den Verschluß fest und warf sie in den Abfalleimer. Dann ging er nach unten.

Gaafar kochte gerade in der Küche Tee. Vandams Diener war ein alter Kopte mit kahlem Kopf und schlurfendem Gang; er hatte den Ehrgeiz, sich wie ein englischer Butler zu benehmen. Das würde er wohl nie schaffen, aber er besaß etwas Würde und war ehrlich, Eigenschaften, die für ägyptische Hausangestellte nicht gerade typisch waren, wie Vandam herausgefunden hatte.

»Ist Billy aufgestanden?« fragte Vandam.

»Ja, Sir, er kommt sofort herunter.«

Vandam nickte. Wasser sprudelte in einem kleinen Topf auf dem Herd. Er legte ein Ei hinein und stellte die Eieruhr. Danach schnitt er zwei Scheiben von einem nach englischer Art gebackenen Brotlaib ab und machte Toast. Er bestrich den Toast mit Butter, schnitt ihn in Streifen, nahm das Ei aus dem Wasser und köpfte es.

Billy kam in die Küche und sagte: »Guten Morgen, Dad.«

Vandam lächelte seinem zehnjährigen Sohn zu. »Morgen. Das Frühstück ist fertig.«

Der Junge begann zu essen. Vandam saß ihm bei einer Tasse Tee gegenüber und schaute zu. Billy sah in letzter Zeit morgens oft müde aus. Früher war er beim Frühstück immer frisch und munter gewesen. Schlief er schlecht? Oder ähnelte sein Stoffwechsel einfach immer mehr dem eines Erwachsenen? Vielleicht lag es daran, daß er nachts zu lange wach blieb, weil er unter dem Laken beim Licht einer Taschenlampe Detektivgeschichten las.

Man behauptete, daß Billy seinem Vater glich, aber Vandam konnte keine Ähnlichkeit entdecken. Er fand nur Spuren von Billys Mutter: die grauen Augen, die zarte Haut und die etwas arrogante Miene, wenn jemand ihn verärgert hatte.

Vandam bereitete immer das Frühstück für seinen Sohn zu. Der Diener wäre durchaus dazu fähig gewesen, aber Vandam wollte sich dieses kleine Ritual erhalten. Oft waren es die einzigen Minuten des Tages, die er mit Billy verbrachte. Sie redeten nicht viel – Billy aß, und Vandam rauchte –, doch das spielte keine Rolle: Wichtig war nur, daß sie zu Beginn jeden Tages eine Weile zusammen waren.

Nach dem Frühstück putzte Billy sich die Zähne, während Gaafar Vandams Motorrad holte. Billy kam mit seiner Schulmütze auf dem Kopf zurück, und Vandam setzte seine Uniformmütze auf. Wie jeden Tag salutierten sie voreinander. Billy sagte: »Gut, Sir, dann wollen wir mal den Krieg gewinnen.« Damit gingen sie hinaus.

*

Major Vandams Büro lag in Grey Pillars, einer mit Stacheldraht umzäunten Gebäudegruppe, die das »Große Hauptquartier Naher Osten« beherbergte. Bei seiner Ankunft fand er einen Bericht auf dem Schreibtisch vor. Er setzte sich, zündete eine Zigarette an und begann zu lesen.

Der Bericht kam aus Assiut, 300 Meilen südlich, und zuerst verstand Vandam nicht, wieso er an den Nachrichtendienst geleitet worden war. Eine Patrouille hatte auf der Landstraße einen Europäer mitgenommen, der später einen Corporal mit dem Messer ermordete. Die Leiche war am Abend zuvor entdeckt worden, fast unmittelbar nachdem man die Abwesenheit des Corporals bemerkt hatte, aber mehrere Stunden nach dessen Tod. Ein Mann, welcher der Beschreibung des Europäers entsprach, hatte am Bahnhof eine Fahrkarte nach Kairo gekauft, aber zu dem Zeitpunkt, als die Leiche gefunden wurde, war der Zug schon in Kairo angekommen, und der Mörder war in der Stadt untergetaucht.

Es gab keinen Hinweis auf ein Motiv.

Die ägyptische Polizei und die britische Militärpolizei würden schon in Assiut Nachforschungen anstellen, und ihre Kollegen in Kairo würden die Einzelheiten – wie Vandam – heute morgen erfahren. Welchen Grund gab es, den Nachrichtendienst einzuschalten?

Vandam runzelte die Stirn und dachte nach. Ein Europäer wird in der Wüste aufgelesen. Er behauptet, sein Auto habe eine Panne, nimmt sich ein Zimmer in einem Hotel, verläßt es ein paar Minuten später und fährt mit dem Zug ab. Sein Auto wird nicht gefunden. Die Leiche eines Soldaten wird am selben Abend in dem Hotelzimmer entdeckt.

Was hatte das zu bedeuten?

Vandam rief Assiut an. Die Vermittlung des Armeelagers brauchte eine Weile, um Captain Newman aufzustöbern, aber schließlich wurde er im Magazin angetroffen und ans Telefon geholt.

»Dieser Messermord sieht fast nach einer aufgeflogenen Tarnung aus«, sagte Vandam.

»So schien es mir auch, Sir«, antwortete Newman. Seine Stimme klang jung. »Deshalb habe ich den Bericht an den Nachrichtendienst geschickt.«

»Sehr umsichtig. Sagen Sie, welchen Eindruck hatten Sie von dem Mann?«

»Er war ein großer Kerl ...«

»Ich habe Ihre Beschreibung vor mir – einen Meter achtzig, rund 76 Kilo, dunkles Haar, dunkle Augen –, aber das verrät mir nicht, was für ein Mensch er war.«

»Ich verstehe«, entgegnete Newman. »Nun, um ehrlich zu sein, zuerst hegte ich nicht den geringsten Verdacht gegen ihn. Er sah völlig erschöpft aus, was mit seiner Geschichte zusammenzuhängen schien, daß er auf der Wüstenstraße eine Panne hatte, und er wirkte wie ein rechtschaffener Bürger: ein Weißer, anständig gekleidet, ziemlich redegewandt, mit einem holländischen oder – besser gesagt – Afrikaans-Akzent. Seine Papiere waren perfekt, ich bin immer noch ganz sicher, daß sie echt sind.«

»Aber ...?«

»Er erzählte, daß er sich um seine Geschäfte in Oberägypten kümmern wolle.«

»Recht plausibel.«

»Ja, aber er schien mir nicht der Typ, der sein Leben für ein paar Geschäfte, kleine Fabriken oder Baumwollfarmen einsetzt. Er war eher ein selbstbewußter Großstädter: Geld, wenn er etwas besaß, hätte er wahrscheinlich bei einem Londoner Makler oder einer Schweizer Bank investiert. Er war einfach kein Krämer ... Es ist sehr vage, Sir, aber verstehen Sie, was ich meine?«

»Durchaus.« Newman machte einen intelligenten Eindruck. Wieso saß er da draußen in Assiut fest?

Newman fuhr fort: »Und dann fiel mir ein, daß er sozusagen ganz plötzlich in der Wüste aufgetaucht war und ich eigentlich nicht wußte, woher er gekommen sein konnte ... Deshalb befahl ich dem armen alten Cox, bei ihm zu bleiben, unter dem Vorwand, ihm zu helfen. Ich wollte sichergehen, daß er sich nicht davonmachte, bevor wir seine Geschichte überprüft hatten. Ich hätte den Mann natürlich festnehmen sollen, aber aufrichtig gesagt, Sir, bis dahin hatte ich nichts als einen ganz leichten Verdacht.«

»Niemand macht Ihnen Vorwürfe, Captain«, sagte Vandam. »Ausgezeichnet, daß Sie sich den Namen und die Adresse aus den Papieren eingeprägt haben. Alex Wolff, Villa les Oliviers, Garden City, stimmt’s?«

»Jawohl, Sir.«

»In Ordnung. Bleiben Sie den Dingen an Ihrem Ort auf der Spur.«

»Jawohl, Sir.«

Vandam hängte ein. Newmans Verdacht entsprach seinen eigenen Instinkten, was den Mord betraf. Er beschloß, mit seinem direkten Vorgesetzten zu reden. Mit dem Bericht in der Hand verließ er das Büro.

Der Nachrichtendienst des Generalstabes wurde von einem Brigadegeneral mit dem Titel Director of Military Intelligence geleitet. Der DMI hatte zwei Stellvertreter: den Chef der Operations- und den der Nachrichtendienstabteilung. Die Stellvertreter waren Obersten. Vandams Vorgesetzter, Oberstleutnant Bogge, unterstand der Operationsabteilung. Bogge war für Personalsicherheit verantwortlich und verbrachte den größten Teil seiner Zeit damit, den Zensurapparat zu verwalten. Vandam hatte mit undichten Stellen im Sicherheitssystem zu tun. Er und seine Leute verfügten über mehrere hundert Agenten in Kairo und Alexandria. In den meisten Klubs und Bars gab es einen Kellner, der von ihm bezahlt wurde, er hatte einen...