Der Fritten-Humboldt - Meine Reise ins Herz der Imbissbude

von: Jon Flemming Olsen

Goldmann, 2010

ISBN: 9783641043544 , 288 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 7,99 EUR

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Der Fritten-Humboldt - Meine Reise ins Herz der Imbissbude


 

Danke, Volker (S. 31-32)

Kennen Sie das flächenmäßig drittgrößte Dorf der Welt? Nein? Es ist gleichzeitig das flächenmäßig größte Dorf Deutschlands, aber diese kleine Sensation interessiert dort niemanden sonderlich. Spricht man den gemeinen Ortsansässigen darauf an, wird er maulfaul und mürrisch. »Tja«, murmelt er dann, »kann schon sein.« Oder: »Ja, das ist wohl so’n Schnack, nich?« Ich habe anderes erwartet, als ich nach Wagenfeld komme. Wo bleiben Spruchbänder à la: »Das flächenmäßig größte Dorf Deutschlands grüßt den Rest der Welt«? Wo überdimensionierte Fan-Textilien, bedruckt mit »Deutschlands flächenmäßig größtes T-Shirt«? Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits Autoaufkleber: »Wir sind nicht viele - aber dafür weit verstreut«. Oder: »Wagenfeld - die Fläche macht’s!« Aber nichts dergleichen. Überhaupt ist Wagenfeld ein Ort, an dem sich nur wenige meiner Erwartungen erfüllen.

So rechnete ich unter anderem fest damit, von zwei schwergewichtigen Wagenfelder Mädchen begrüßt zu werden. Mein Freund Volker hatte mir diesen Floh ins Ohr gesetzt. Als er von meiner Reise erfuhr, erzählte er meiner Mailbox von »Pohly’s Snack-Eck« und pries insbesondere »die wahrscheinlich dicksten Mädels hinterm Tresen« an. Zudem sei er mit dem gesamten Dorf verwandt. Es ist eigenartig: Jeden anderen erfolgversprechenden Tipp hatte ich akribisch recherchiert, ich hatte nach jedem nur erdenklichen Informationsfetzen im Internet geforscht und meine Informanten gelöchert. Vielleicht wollte ich mich nun nur ein einziges Mal selbst von der Leine lassen. Ich hatte der Volker’schen Botschaft geglaubt und war ihr bei meinem Bewerbungstelefonat nicht weiter auf den Grund gegangen.

Wie denn auch? »Hallo, Herr Pohl-Schäfer, ich rufe Sie wegen Ihrer beiden sehr dicken Verkäuferinnen an. Hätten Sie mal einen Moment Zeit für mich? Hallo? … Herr Pohl-Schäfer? Sind Sie noch dran? …«  ,»Komm mal ruhig schon gegen neun«, hatte Pohly, den ich bereits nach unserem zweiten Telefonat so nennen durfte, gesagt. »Da sitzt hier mein Rentnerclub rum, das is immer ganz witzig.« Es ist tatsächlich neun Uhr, als ich am Tresen sitzend noch etwas dämmerig in einem großen Becher Kaffee rühre. Pohly braucht seinen Kaffee nicht zu rühren, er trinkt ihn schwarz. Er trägt eine ebenso schwarze Brille und ein schwarzes T-Shirt mit Aufdruck. Vorne steht »Pohly kommt« und hinten »Pohly geht«. Im Moment sitzt Pohly, und zwar direkt neben mir.

Viel reden tun wir nicht. Pohly blinzelt durch seine Brille. Ab und an reibt er sich den ultrakurzen, graumelierten Vollbart oder schnaubt einen einzelnen Lacher durch die Nase. Der Rentnerclub besteht an diesem Morgen aus genau zwei Exemplaren, von denen eines ausführlich die Geschichte einer in Anspruch genommenen Reiserücktrittsversicherung ausbreitet. Das zweite, ebenfalls männliche Exemplar rührt wie ich seinen Kaffee um und hört mehr oder weniger zu. Von den beiden dicken Mädels ist noch keines aufgetaucht. Ich sehe nach draußen. Der Imbiss liegt an einer typischen Dorfdurchgangsstraße.

Gegenüber kann ich »Gardinen &, Polstermöbel Geisler« und »Konditorei &, Bäckerei Speckmann« entziffern. Für einen so kleinen Ort herrsche hier ziemlich viel Verkehr, bemerke ich, und Pohly pflichtet mir bei, vor allem vormittags müssten hier jede Menge LKWs durch. »Morgens kannst du da drüben eigentlich keine Brötchen mehr holen. Da kommst du gar nicht mehr über die Straße.« Während der lebhafte Pensionär seinen Kollegen weiter in den Kokon seiner Gruppenreisengeschichte einspinnt, führt Pohly mich durch den Laden. Das »Snack-Eck« ist ein architektonisch wild gewachsenes Gebilde. In den sieben Jahren, die er den Imbiss betreibe, so der Gastronom, habe er bereits einiges an- und umbauen lassen. Im neuesten Teil, dem Vorderbereich, verbreitet moderne Dunkelholzbestuhlung und dezente Beleuchtung hochwertig-zeitgemäßes Bistro-Ambiente.