Bleiernes Spiel - Krieg in Palästina - 22 Tage von Deutschland aus beobachtet

Bleiernes Spiel - Krieg in Palästina - 22 Tage von Deutschland aus beobachtet

von: Sarah Ehrlicher

Kellner-Verlag, 2009

ISBN: 9783939928423 , 175 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 6,99 EUR

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Bleiernes Spiel - Krieg in Palästina - 22 Tage von Deutschland aus beobachtet


 

Tiger im Käfig (S. 79-80)

Am 3. Januar hatte die Bodenoffensive begonnen. Zusätzlich zu den Luftangriffen und Beschuss der Küste von der Marine rückten in Gaza jetzt Stück für Stück Truppen mit Panzern vorwärts. Israels Armee besitzt den Ruf, die viertbeste auf der Welt zu sein. Auch wenn zunächst die Vorstellung beängstigend war, dass nun israelische Soldaten bei ihrem militär-chirurgischen Vorgehen gegen militante Palästinenser und ihre offiziellen Hamas-Regierungsvertreter noch mehr »Kollateralschäden« verursachen könnten, ließ die Schlagkraft doch hoffen, dass nun alles schnell vorbei sein würde. Israel nannte diesen Krieg eine militärische Operation, weil es nur ein kurzes Einschreiten war.

Es ist der 10. Tag. Die Menschen in Gaza werden mit Flugblatt- Abwürfen vor Luft- wie vor Bodenangriffen gewarnt. Sie sollten sich nicht in der Nähe von Hamas-Kämpfern aufhalten, da diese sie als menschliche Schutzschilde verwenden würden. Sie sollten ihre Häuser und Wohngebiete verlassen, da sie sonst getroffen werden könnten.

Der Gazastreifen ist 360 km² groß und hat 1,5 Millionen Einwohner (laut CIA Fact Book). Bremen Stadt hat 325 km² (das Land mit Bremerhaven 405 km²) und etwa eine halbe Million Einwohner. Die Grenzen von Gaza sind zu, zusätzlich militärisch abgeriegelt, auf dem Lande nach Israel hin von Truppen bewacht, nach Ägypten nicht durchlässig, zum Wasser hin von der Marine bewacht. Es gibt keine Bunker. Wohin können palästinensische Zivilisten gehen und sich schützen? Wie sollen sie an die täglichen Lebensmittel kommen, wie sollen sie verletzt in die Krankenhäuser kommen, wenn sie von der israelischen Armee empfohlen bekommen, sich vor möglichen Kampfgebieten zu hüten, von denen sie nicht ahnen können, wo sie sind?

Sie machen sich auf den Weg, zum Teil weil ihre Wohnungen schon zerstört sind, zum Teil um sich in Schutz zu bringen. Sie verste cken sich bei ihren Familien, harren lieber gemeinsam in einem völlig überfüllten Haus aus, als nicht in der Nähe ihrer Liebsten zu sein. Sie suchen Zuflucht in den UN-Schulen, denn die UN-Mitarbeiter stehen in engem Kontakt mit der israelischen Armee, geben fortwährend die Koordinaten der Standorte durch, damit es dort keine militär-chirurgischen Übergriffe geben kann.

Vielfach ist Gaza von Kritikern des Krieges und der vorangegangenen Blockade als »Gefängnis« bezeichnet worden. Das umfasst nicht, dass auch ich – wie andere Menschen in der Welt – mich zutiefst betroffen fühle, dass unsere Menschen-Brüder und Menschen- Schwestern hilflos ihrer Angst und der Gewalt ausgeliefert sind, dass die Zusehenden ebenso hilflos Mit-Leid fühlen. Eine Palästinenserin in Ägypten drückt es für mich mit dem Bild »Tiger im Käfig« aus. Ein Tiger ist ein Raubtier, das zur Eigenversorgung Tiere reißt, wohl aber gefährlich wird, wenn es seine Lebenswelt bedroht sieht. Man sperre so einen Tiger ein und mache ihn abhängig von der Nahrungszufuhr ... :

»›Ich fühle mich, als säße ich auf Feuer, und in meinem Kopf dreht sich alles‹, sagt die frisch verheiratete 23-jährige Dina. Sie sitzt unruhig in ihrer kleinen Wohnung im ägyptischen Teil Rafahs, am südlichen Ende des Gazastreifens. Vor zwei Monaten war sie aus dem palästinensischen Teil der Stadt gekommen und hat hier ihren Cousin Muhammad geheiratet.