Behandlung mit Psychopharmaka - Aktuell und maßgeschneidert

von: Brigitte Woggon

Hogrefe Verlag Bern (ehemals Hans Huber), 2009

ISBN: 9783456946948 , 291 Seiten

3. Auflage

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 17,99 EUR

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Behandlung mit Psychopharmaka - Aktuell und maßgeschneidert


 

20 Stimulanzien (S. 130-131)

Schon vor der Entdeckung der Antipsychotika und Antidepressiva wurden Amphetamin und seine Derivate bei aff ektiven Störungen, Zwangsstörungen und Schizophrenie verwendet (Chiarello und Cole, 1987, Satel und Nelson, 1989).

20.1 Indikationen

Zielsymptome: Stimulanzien wirken gegen vermindertes Bewusstsein, Orientierungsstörungen, Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen, Störungen von Auff assung und intellektuellen Funktionen, Denkverarmung, Energiemangel, Müdigkeit, Ermüdbarkeit, Verlangsamung, vermehrten Schlaf, Zunahme von Appetit und Gewicht sowie Libidoverminderung. Indikationen: Stimulanzien wirken gegen Erschöpfungszustände in Ausnahmesituationen wie Gebirgswanderungen oder Krieg, sie hemmen den Appetit, werden mit Erfolg bei therapieresistenten Depressionen angewendet, wirken gegen Narkolepsie und gegen ADS und ADHS bei Kindern und Erwachsenen.

Stimulanzien können gegen Minussymptome der Schizophrenie wirksam sein, dabei muss aber die Möglichkeit der Verschlechterung produktiver psychotischer Symptome bedacht werden. Alle Erkrankungen mit Antriebsmangel und kognitiver Beeinträchtigung, wie Neurasthenie, Chronic Fatigue Syndrome und Fibromyalgie, können gut auf Stimulanzien ansprechen. Aufmerksamkeitsde. zit-/Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS): Seit einigen Jahren weiß man, dass diese früher als Infantiles Psychoorganisches Syndrom (POS) be zeichnete Erkrankung nicht nur bei Kindern vorkommt, sondern auch bei Er wachsenen.

Im Englischen wird die Erkrankung als Attention Defi cit Disorder (ADD) bezeichet (Hallowell und Ratey, 1998). Wie bei Kindern kann man auch bei Erwachsenen mit Stimulanzien sehr gute Erfolge erzielen. Die Responderraten liegen mit 75 Prozent sehr hoch. Wie bei der Depressionsbehandlung ist Suchtent wicklung eine Rarität. Bei 30 bis 50 Prozent der Erwachsenen bewährt sich eine Kombinationsbehandlung von Stimulanzien und Antidepressiva (Krause und Ryff el, 2000). ADD kommt gehäuft in der Vorgeschichte von Depressionen und Manisch- Depressivem Kranksein vor. Die Komorbidität ist beträchtlich und zeigt sich auch bei der genauen Erhebung der Familienanamnese. Depressionsbehandlung: in der Regel in Kombination mit einem Antidepressivum bei ausgeprägtem Antriebsmangel, der besonders bei chronischen (>, 2 Jahre) und therapieresistenten Depressionen vorkommt. Gut geeignet zur Unterstützung von Schlafentzug. Selten als Monotherapie bei Patienten, die auf kein Antidepressivum ansprechen. Jahrelange Anwendung ohne Abhängigkeit möglich.

Tritt (selten) eine Gewöhnung ein, so kann ein anderes Stimulans verordnet werden, Ritalin und Dexamin zeigen keine Kreuztoleranz. Suizidalität: Viele Kollegen glauben, dass durch aktivierende Substanzen die Suizidgefahr verstärkt wird. Dabei ist es genau umgekehrt. Bei der Depressionsbehandlung mit Stimulanzien kann man das sehr genau beobachten: Während der stimulierenden Wirkung dieser Substanzen sind die Patienten gerade nicht suizidal, weil sie etwas tun können und sich dadurch besser fühlen. Bei abruptem Abbrechen der stimulierenden Wirkung kommt mit der plötzlich wieder vorhandenen Antriebslähmung die Suizidalität zurück.

Für viele Menschen, die vor einer aff ektiven Erkrankung ein hohes Aktivitätsniveau hatten, ist die depressiv bedingte Antriebsarmut deshalb so quälend, weil sie durch sie in ihrem Identitätsgefühl stark beeinträchtigt werden. Die durch Stimulanzien rasch mögliche Wiederherstellung ihrer gewohnten Aktivität führt zu einer positiven Veränderung mit dem so wichtigen Zuwachs an Autonomie. Bei Patienten mit schweren Regressionen/maligner Regression kann man schon nach wenigen Behandlungstagen mit einem Stimulans sehen, wie der Patient seine ihm in gesunden Zeiten zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien wieder nutzen kann.

Zwänge: Da ich vor allem so genannte therapieresistente Erkrankungen behandle, kommen häufi g Patienten mit schweren Zwängen in meine Sprechstunde. Sie sind in der Regel recht gut mit hohen Dosen von Antidepressiva zu behandeln. Oft fehlt aber den Patienten die Kraft , sich wirklich gegen die Zwänge zu wehren. In diesem Zusammenhang bewähren sich Stimulanzien immer wieder (in Kombination mit Antidepressiva).