Die 33 wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte

von: Bernd Ingmar Gutberlet

Bastei Lübbe AG, 2009

ISBN: 9783838700076 , 304 Seiten

Format: ePUB

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Preis: 4,99 EUR

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Die 33 wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte


 

KEIN URKNALL DER DEUTSCHEN GESCHICHTE


VARUSSCHLACHT 9 N. CHR.


Ein Überblick über die wichtigsten Ereignisse deutscher Geschichte setzt nicht nur die richtige Auswahl aus vielen ereignisreichen Jahrhunderten voraus. Ebenso stellt sich die heikle Grundfrage: Wo anfangen ? Besser gesagt: Wo beginnt deutsche Geschichte eigentlich ?

Über lange Zeit stand das für die jeweiligen Zeitgenossen völlig außer Frage. Keinen Zweifel gab es daran, dass die deutsche Geschichte mit der berühmten Schlacht im Teutoburger Wald 9 n. Chr. beginne, mithin nunmehr annähernd 2000 Jahre währe, und dass dem Cherusker Arminius / Hermann, dem strahlenden Sieger dieser Schlacht gegen die Römer, der Titel »erster Deutscher« gebühre. Generationen von Schulkindern wurden mit diesem ruhmreichen Ereignis in die Geschichte ihres Volkes eingeführt. Vor allem im Westfälischen stand der Taufname Hermann lange weit oben auf der Beliebtheitsliste, und vielerorts gibt es bis heute Hermannsdenkmäler, deren größtes am vermeintlichen Ort der Schlacht nahe Detmold im Teutoburger Wald 1875 von Kaiser Wilhelm I. höchstpersönlich eingeweiht wurde – zu einer Zeit, in der die Begeisterung für die Rebellion gegen die antike Supermacht Rom auf ihrem Höhepunkt war. Aber auch heute noch beginnt ein Rundgang durch das Deutsche Historische Museum in Berlin wie selbstverständlich mit der berühmten »Schlacht im Teutoburger Wald« vor 2000 Jahren.

Was ist damals geschehen ? Um die Zeit von Christi Geburt bestimmte das Römische Reich als unumschränkte Weltmacht die Geschicke des Mittelmeerraumes und des größten Teils Europas, regiert von Augustus, Großneffe und Erbe Caesars und Begründer des römischen Kaisertums. Imperien neigen jedoch dazu, an ihren Rändern zu zerfasern, und Rom hatte mit widerspenstigen Provinzen ebenso zu kämpfen wie mit Völkern und Stämmen, deren Siedlungsgebiete an die Grenzen des Imperiums heranreichten. Eine dieser unruhigen Provinzen war Judäa im heutigen Israel, wo das Volk der Juden sich gegen den Anpassungsdruck Roms zu behaupten versuchte und ein aufrührerischer Wanderprediger namens Jesus der Kolonialmacht Rom Sorgen machte. Im heutigen Frankreich hatte Caesar die Gallier mit Mühe, aber dauerhaft unterworfen, während die Grenzprovinz Pannonien (heute Westungarn sowie Teile Österreichs, Sloweniens, Serbiens und Kroatiens) ein Unruheherd blieb. Augustus versuchte, die Macht Roms an den Rändern des Imperiums zu festigen, so in Germanien, dessen östlicher Teil ins Reich eingegliedert war. Römischer Statthalter in Germanien war Publius Quinctilius Varus, der die römische Oberherrschaft auch außerhalb des Reiches zwischen Rhein und Elbe durchzusetzen versuchte, beispielsweise mit der Einführung des römischen Rechts- und Steuerwesens. Allerdings war er bei dieser »schleichenden Romanisierung« nicht gerade sensibel vorgegangen. Bei den Germanen führte dieser Druck der Weltmacht einerseits zu Widerstand in den Volksstämmen, die ihre Sitten und Gebräuche bedroht sahen, aber ebenso zu Kooperationen: Wie zu unserer Zeit die Vereinigten Staaten rief auch die damalige Weltmacht Rom Ablehnung hervor, während gleichzeitig ihr Wohlstand und ihre höher entwickelte Kultur eine erhebliche Anziehungskraft ausübten.

Den Widerstand im Jahre 9 führte ein Cherusker an, ein Fürst des germanischen Volksstammes aus dem Weserland zwischen Harz und Teutoburger Wald: Arminius (ca. 16 v. Chr. – 21 n. Chr.). Er kannte Rom, war römischer Bürger geworden und stand als Führer einer cheruskischen Hilfstruppe in römischen Diensten. Jetzt jedoch verbündete er sich mit benachbarten Stämmen und bereitete den drei römischen Legionen unter Statthalter Varus, die auf dem Rückweg vom Sommerlager waren, in einer vier Tage und drei Nächte dauernden Schlacht eine vernichtende Niederlage. Nur wenige der rund 20 000 römischen Soldaten überlebten das Gemetzel, das aber gar nicht im Teutoburger Wald stattfand, sondern höchstwahrscheinlich in der Nähe von Kalkriese bei Osnabrück. Der Sieg war eine beachtliche Leistung der germanischen Kämpfer und klug eingefädelt, zumal sie sich in dem unwegsamen Gelände viel besser auskannten als die Römer und diese noch dazu in einen Hinterhalt gelockt hatten. Außerdem zahlten sich Arminius’ Insiderkenntnisse des römischen Heeres aus: Die Römer konnten aus Platzmangel ihre Schlachtaufstellung nicht einnehmen; ein Übriges tat der heftige Dauerregen, der das Gelände in einen Morast verwandelte. Kaum ein Römer entkam, der unterlegene Heerführer Varus stürzte sich vor lauter Schmach ins eigene Schwert.

Aus der Sicht Roms war die Niederlage im fernen Germanien eine hochgefährliche Angelegenheit, denn das riesige Imperium drohte an seinem nördlichen Rand zu zerbröckeln. Rom musste befürchten, andere Stämme könnten sich an den Cheruskern ein Beispiel nehmen oder sich gar mit ihnen zusammenschließen. Einige Jahre später zogen die Römer unter Tiberius und Germanicus erneut gegen die Germanen ins Feld, konnten sie jedoch trotz einiger Erfolge auch diesmal nicht nachhaltig besiegen. Es sollte der letzte Versuch Roms bleiben, die Germanen östlich des Rheins zu unterwerfen, und Kaiser Tiberius hatte beschlossen, die Germanen ihrer Uneinigkeit zu überlassen und so das Problem für Rom zu lösen.

Denn so grundsätzlich war die Ablehnung nicht, dass sie zu einer tragfähigen Geschlossenheit der Germanen gegenüber Rom geführt hätte. Der Sieg in der Varusschlacht wirkte sich weder für die Germanen insgesamt noch für die Cherusker im Besonderen einigend oder identitätsstiftend aus; nur die völlige Eingliederung in das Römische Reich blieb ihnen erspart. Eine eigene Staatlichkeit entwickelten sie aber nicht, sondern im Gegenteil kam es unter einzelnen Stammesführern immer wieder zu erbitterten Rivalitäten mit kriegerischen Auseinandersetzungen – auch um die Art des Umgangs mit dem übermächtigen Rom. Selbst quer durch die Familien verlief dieser Riss.

Ein germanischer Stammesführer brachte es im Windschatten Roms zu einiger Macht: der Markomanne Marbod in Böhmen, dem der Cherusker Arminius denn auch nacheiferte. Aber das gelang Arminius – selbst nach dem Triumph über das mächtige Rom und nachdem er Marbod ins römische Exil getrieben hatte – nur für kurze Zeit. Denn nicht nur die germanischen Stämme waren untereinander uneins, schon die Führungsschicht der Cherusker war gespalten, und Arminius starb von der Hand seiner eigenen Familie, als er zu mächtig zu werden drohte.

Kann die Varusschlacht also der Startschuss der Disziplin »deutsche Geschichte« sein ? Als Deutsche kann man die Germanen nicht bezeichnen. Das Gebiet, das die Römer Germania nannten, war riesig: Es reichte von Rhein und Donau bis zur Weichsel im Osten und im Norden bis nach Skandinavien. In diesem Teil Europas lebten Hunderte Volksstämme, deren Gemeinsamkeiten begrenzt waren. Von außerhalb sah Rom Germanien als eine Einheit, die es von innen betrachtet keineswegs war. Der Name ist also eine Fremdbezeichnung und ein Sammelbegriff. Die Cherusker beispielsweise verschwanden schon bald von der historischen Bühne, zählen aber trotzdem mit den Germanen im Ganzen zu den Vorfahren der Deutschen – aber das waren Kelten und Slawen ebenso. Eine gemeinsame Identität oder Sprache besaßen die Germanen jedoch nicht, auch wenn man sich untereinander verständigen konnte. Die maßgebliche Einheit war der jeweilige Stamm, mochte man sich im Widerstand gegen das übermächtige Rom auch gelegentlich vorübergehend verbünden. Ebenso häufig aber bekämpfte man sich gegenseitig – zum Beispiel, weil man sich über die Haltung gegenüber dem römischen Weltreich uneinig war.

Tatsächlich ist die Geschichte der Germanen die Vorgeschichte der europäischen Völker insgesamt, denn viele Nationen gehen auf die germanische Völkervielfalt zurück. Folglich sind die Germanen die Vorfahren der meisten Europäer, was sich sprachwissenschaftlich nachvollziehen lässt: Fast alle europäischen Sprachen sind miteinander verwandt und werden auf die Grundsprache Indogermanisch beziehungsweise Indoeuropäisch zurückgeführt. Obwohl sich die verschiedenen germanischen Stämme also miteinander verständigen konnten, ergab sich daraus aber kein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die auf die Varusschlacht folgenden Jahrhunderte waren europaweit von massiven Umwälzungen geprägt: In der entscheidenden Phase der Völkerwanderung zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert n. Chr. zogen die germanischen Stämme nach Süden und Westen, und schließlich zerbrach das Römische Reich nicht zuletzt am Druck, den dieser Wandel auf das Weltreich ausübte. An seine Stelle traten neue Reichsbildungen, die aber vom Erbe Roms beeinflusst waren. Das wichtigste unter ihnen war das Fränkische Reich unter Chlodwig I. und seinen Söhnen im 6. und 7. Jahrhundert. So groß waren die Veränderungen, dass nach der Völkerwanderung neue Großstämme entstanden, aus denen später die europäischen Völker hervorgingen. Eine Kontinuität zu den Völkern und Volksstämmen vor der Völkerwanderung ist dabei jedoch kaum erkennbar. Jetzt erst bildeten sich jene Großstämme, die sich Jahrhunderte später als deutsch bezeichnen werden. Vorerst jedoch verstand man sich als Bayer oder Sachse – nicht als Deutscher, aber auch nicht als Germane.

Nüchtern betrachtet ist es also nicht allzu weit her mit der Varusschlacht als Initialzündung deutscher Geschichte, auch wenn sie historisch bedeutsam war. Außerdem liegt trotz der damaligen Abwehr des römischen Integrationsdrucks ein erheblicher Teil unserer Wurzeln in Rom. Denn auch die barbarischen Völker außerhalb des Weltreiches konnten (und wollten) sich der Sogwirkung der weiterentwickelten römischen...