Dunkle Macht des Herzens - Roman

von: Christine Feehan

Bastei Lübbe AG, 2009

ISBN: 9783838700595 , 464 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Dunkle Macht des Herzens - Roman


 

Kapitel 1


Da war Blut, Blut, das sich in ganzen Strömen ergoss. Da war Schmerz, ein wahres Meer von Schmerzen, in dem er unterging. Würde es nie ein Ende nehmen? Tausend Wunden und Verbrennungen und dazu höhnisches Gelächter, das ihm sagte, dass es bis in alle Ewigkeit so weitergehen würde. Er konnte nicht glauben, dass er so hilflos war, dass er seiner unvorstellbaren Stärke und Kraft beraubt und in dieser elenden Verfassung war. Er schickte einen Hilferuf nach dem anderen in die Nacht hinaus, aber niemand von seinen Leuten kam, um ihm beizustehen. Die Qualen marterten ihn unablässig. Wo waren sie, seine Freunde, seine Verwandten? Warum kamen sie nicht zu ihm und beendeten das? Hatten sie ihn bewusst diesen Schlächtern überlassen, die ihre Messer und Fackeln so lustvoll einsetzten? Jemand, den er kannte, hatte ihn verraten, aber die Erinnerung wurde von den endlosen Schmerzen verwischt und verblasste allmählich.

Diese Folterknechte hatten es irgendwie geschafft, ihn gefangen zu nehmen und zu lähmen, sodass er zwar fühlen, sich aber nicht rühren, nicht einmal seine Stimme einsetzen konnte. Er war völlig wehrlos und den menschlichen Wesen, die seinen Körper in Stücke rissen, hilflos ausgeliefert. Er hörte ihre hämischen Bemerkungen und ihre unablässigen Fragen; er spürte ihren Zorn, als er sich weigerte, die Schmerzen, die sie ihm zufügten, oder auch nur ihre Gegenwart anzuerkennen. Er wünschte sich den Tod, sehnte sich danach, und seine Augen, die kalt wie Eis waren, ruhten, unverwandt und ohne zu blinzeln, auf ihren Gesichtern. Es waren die Augen eines Raubtiers, das wartete, beobachtete und Vergeltung verhieß. Es machte sie rasend, aber dennoch wollten sie ihm nicht den endgültigen Todesstoß versetzen.

Zeit bedeutete ihm nichts mehr, so sehr hatte sich der Fokus seiner Welt verengt, aber irgendwann spürte er die Gegenwart eines anderen Wesens in seinem Bewusstsein – es war weiblich und jung, doch weit entfernt. Er hatte keine Ahnung, auf welche Weise er unabsichtlich mit ihr in Verbindung getreten war und sein Bewusstsein mit ihrem verschmolzen hatte, sodass sie seine Foltern am eigenen Leib erfuhr, jede glühend heiße Brandwunde, jeden Schnitt des Messers, unter dem sein Blut zusammen mit seiner Kraft verströmte. Er versuchte, sich zu erinnern, wer sie sein mochte. Sie musste ihm nahe stehen, wenn sie in sein Bewusstsein eintreten konnte. Sie war genauso hilflos wie er, empfand die Schmerzen wie er und litt seine Qualen. Er versuchte, sich vor ihr zu verschließen, weil das Bedürfnis, sie zu beschützen, alles andere überlagerte, aber er war viel zu geschwächt, um seinen Geist abzuschalten. Die Schmerzen ergossen sich wie ein reißender Strom aus seinem Körper und flossen direkt zu dem weiblichen Wesen, das in sein Bewusstsein eingedrungen war.

Ihre Qual traf ihn wie ein lähmender Schlag. Schließlich war er Karpatianer. Seine erste Pflicht vor allem anderen und zu jeder Zeit war es, eine Frau zu beschützen, auch um den Preis seines eigenen Lebens. Dass er in diesem Punkt scheitern sollte, verstärkte seine Verzweiflung und das Gefühl des Versagens. Im Geist erhaschte er flüchtige Bilder von der Frau; er sah eine kleine, zerbrechliche Gestalt, die sich vor Schmerzen krümmte und sich verzweifelt bemühte, bei Sinnen zu bleiben. Sie war ihm fremd, und doch sah er sie in Farbe, etwas, das ihm seit Jahrhunderten nicht passiert war. Er konnte weder sie noch sich selbst in Schlaf sinken lassen, um sie beide vor dem Grauen zu bewahren. Er konnte nur Bruchstücke ihrer Gedanken auffangen, als sie verzweifelt um Hilfe rief und gleichzeitig zu begreifen versuchte, was mit ihr geschah.

Blut trat aus seinen Poren. Rotes Blut. Er konnte deutlich sehen, dass sein Blut rot war. Diese Tatsache war von großer Bedeutung, aber er war zu mitgenommen und verwirrt, um erkennen zu können, was es bedeutete und warum es wichtig war. Seine Gedanken wurden unzusammenhängend und verschwommen, als würde sich ein dichter Schleier über sein Bewusstsein senken. Er konnte sich nicht erinnern, wie es ihnen gelungen war, ihn gefangen zu nehmen. Er strengte sich an, um das Gesicht desjenigen aus seinem eigenen Volk zu »sehen«, der ihn verraten hatte, aber das Bild ließ sich nicht mehr heraufbeschwören. Es gab nur noch Schmerzen, schreckliche, endlose Schmerzen. Er konnte keinen Laut von sich geben, obwohl sein Inneres in Millionen Fragmente zerbarst, und er war unfähig, sich daran zu erinnern, was oder wen er zu beschützen versuchte.

Shea O’Halloran lag behaglich auf ihrem Bett und las im Schein der Lampe ihr medizinisches Journal. Innerhalb weniger Sekunden überflog sie eine Seite nach der anderen und speicherte das Gelesene in ihrem Gedächtnis, wie sie es seit ihrer Kindheit tat. Im Augenblick absolvierte sie gerade ihre Assistenzzeit am Krankenhaus, als jüngste Assistenzärztin, die es je gegeben hatte, und das war ziemlich anstrengend. Sie beeilte sich, den Text zu Ende zu lesen, um noch ein wenig Schlaf zu finden, solange sie konnte.

Der Schmerz traf sie völlig unerwartet und mit solcher Gewalt, dass sie vom Bett geschleudert wurde und ihr Körper sich vor Krämpfen schüttelte. Sie versuchte, zu schreien und blindlings nach dem Telefon zu tasten, aber sie konnte nur hilflos aufdem Boden liegen und sich vor Schmerzen krümmen. Schweißperlen traten auf ihre Haut, scharlachrotes Blut drang aus ihren Poren. Der Schmerz ließ sich mit nichts vergleichen, was sie je erlebt hatte: als würde jemand ihr Fleisch mit einem Messer aufschlitzen, sie verbrennen, sie unbarmherzig foltern. Es ging immer weiter – Stunden, Tage, sie wusste es nicht. Niemand kam, um ihr zu helfen, und es würde auch niemand kommen. Sie war allein, und sie lebte so zurückgezogen, dass sie kaum echte Freunde hatte. Irgendwann, als ein so grauenhafter Schmerz durch ihren Körper schoss, als hätte man ihr ein faustgroßes Loch in die Brust gerissen, verlor sie das Bewusstsein.

Als er glaubte, seine Folterer wären fertig mit ihm und würden sein Leiden beenden, indem sie ihn töteten, stellte er fest, was die wahre Hölle war. Unerträgliche Schmerzen. Hasserfüllte Gesichter über ihm. Ein zugespitzter Holzpfahl, der über sein Herz gehalten wurde. Ein Atemzug der Zeit, eine Sekunde. Jetzt würde es aufhören. Es musste aufhören. Er fühlte, wie das spitze Ende des dicken Pfahls tief in sein Fleisch gestoßen wurde und durch Muskeln und Sehnen ein klaffendes Loch in seine Brust riss. Der Hammer fiel schwer auf das Ende des Pfahls und trieb ihn noch tiefer hinein. Der Schmerz überstieg jede Vorstellungskraft. Die Frau, die seine Wahrnehmungen teilte, verlor das Bewusstsein – ein Segen für sie beide. Noch immer fühlte er jeden Schlag, das schwere Holzstück, das sein Fleisch auseinanderriss und durch seine Eingeweide drang, während das Blut aus ihm hervorschoss wie eine Fontäne und der Verlust ihn noch mehr schwächte. Er spürte, wie ihn jede Kraft verließ, und fühlte sich so sehr seiner Stärke beraubt, dass er überzeugt war, sterben zu müssen. Er hieß den Tod willkommen, ja er sehnte sich nach ihm. Aber es sollte nicht sein. Er war Karpatianer, ein

Unsterblicher, der nicht leicht zu töten war. Einer, dessen Willen stark und unbeugsam war. Ein Wille, der sich gegen den Tod auflehnte, obwohl sein Körper schon darum bettelte, dass sein Leiden und sein Dasein ein Ende nehmen mögen.

Seine Augen fanden die beiden Menschen. Sie waren über und über mit seinem Blut bespritzt. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und fing ihren Blick mit seinen hypnotischen Augen ein. Wenn er sie doch nur lange genug in seinem Bann halten könnte, um das Böse, das sie ihm antaten, auf sie selbst zu lenken! Plötzlich fluchte einer von ihnen und riss seinen Gefährten zurück. Rasch bedeckten sie seine Augen mit einem Tuch, außerstande, die dunkle Verheißung in den tiefen Abgründen seines Leides zu ertragen, und voller Angst vor seiner Macht, obwohl er so wehrlos vor ihnen lag. Sie lachten, als sie ihn in dem Sarg anketteten und ihn aufrichteten. Er hörte sich selbst vor Schmerzen schreien, aber der Schrei war nur ein Echo in seinem Bewusstsein, scharf und bitter, als wollte es ihn verhöhnen. Er zwang sich, jeden Laut zu unterdrücken. Sie konnten ihn nicht hören, aber darauf kam es nicht an. Noch war ihm ein Rest von Würde geblieben, ein Rest von Selbstachtung. Sie würden ihn nicht besiegen. Er war Karpatianer. Er hörte, wie Erde auf den Sargdeckel fiel, als sie ihn in der Wand des Kellers vergruben. Eine Schaufel Erde folgte auf die andere. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Die Stille traf ihn wie ein Schlag.

Er war ein Geschöpf der Nacht. Die Dunkelheit war sein Zuhause. Doch jetzt, in all seiner Qual, war sie sein Feind. Es gab nur den Schmerz und die Stille. Früher hatte er immer selbst bestimmt, wie lange er im Dunkel, in der heilenden Erde bleiben wollte. Jetzt war er ein Gefangener, eingesperrt, und das Erdreich war nicht greifbar. Dass die Erde so nahe war, hätte ihn trösten sollen, doch das Holz des Sargs verhinderte, dass sein Körper berührte, was seinen Wunden irgendwann einmal Heilung gebracht hätte.

Hunger drang langsam in seine Welt der Qualen ein. Die Zeit verging und verlor jede Bedeutung. Nur der schreckliche, unablässige Hunger zählte, der immer stärker wurde, bis er ihn vollständig beherrschte. Schmerzen und Hunger, etwas anderes existierte nicht mehr für ihn.

Nach einiger Zeit stellte er fest, dass er sich in Schlaf versetzen konnte. Aber dass diese Gabe zurückgekehrt war, bedeutete nichts mehr. Er konnte sich an nichts erinnern. Das hier war sein...