Das Herz des Vampirs - Erotische Vampirstory

von: Kristina Lloyd

Bastei Lübbe AG, 2012

ISBN: 9783838718637 , 120 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 1,49 EUR

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Das Herz des Vampirs - Erotische Vampirstory


 

2


In der von Laternen beleuchteten Blockhütte grinste Margret in die Kamera, und in ihrem rosig angelaufenen Gesicht bildeten sich Grübchen. Mit den Ohrenklappen und Quasten ihrer blauen Wollmütze, die ihre Wangen umrahmten, erinnerte sie an eine fröhliche Holländerin aus dem Mittelalter.

»Wenn ich mir in diesem Moment etwas wünschen könnte«, erklärte sie, »dann hätte ich gern ein heißes Schaumbad.«

»Ein Glas Bier«, sagte Johannes, als Esther auf ihn schwenkte. »Und ein paar Küsse von meiner jungen, schönen Geliebten, die mir sehr fehlt.«

Margret tat empört, und alle lachten. Bird quetschte sein Spielzeug-Akkordeon und erhöhte damit den Lärmpegel.

»Und gute Musik«, setzte Johannes hinzu und schwenkte den erhobenen Zeigefinger.

»Er will Wagner«, schrie Adrian.

»Hey, du willst Wagner?«, fragte Bird. »Ich könnte es probieren.«

»Ohhh!«, lachte Johannes. »Bitte erspar uns diesen Versuch. Das wäre zu schrecklich.«

Esther schwenkte zum Kopfende des Tisches. Der Camcorder nahm Kaffeebecher und Brandygläser auf und richtete sich kurz auf die Karten, die Doug vor sich zu einer Patience ausgelegt hatte.

»Dougie?«, sagte sie fröhlich. »Hast du etwas zu sagen?«

Aus zusammengekniffenen Augen warf Doug einen Blick in die Kamera und wandte sich dann schnell ab. »Nein«, krächzte er, hob die Hand und hielt sie vors Gesicht. »Bitte.«

Esther zuckte zusammen. Herrje, wie ungeschickt von ihr.

Johannes versetzte Doug einen Klaps auf den Rücken. »Morgen wirst du dich besser fühlen, mein Guter«, erklärte er. »Aber jetzt solltest du deinen Fuß, deinen Hals und auch deine Seele ausruhen.«

Esther schwenkte weiter. Ihr wurde klar, wie scheußlich es sein musste, wenn ein Haufen Leute versuchte, einen mit ihrer guten Laune anzustecken, obwohl man sich schlecht fühlte.

»Anscheinend ist Doug ein bisschen kamerascheu«, sagte sie leichthin. »Und seine Stimme hat sich abgemeldet. Ganz anders als bei Bird hier, der heute Abend den Alleinunterhalter gibt.« Bird, ein dünner Mann mit schütterem Haar und großer Hakennase, zwinkerte in die Kamera. »Birds großer Ehrgeiz ist es, ins Heat-Magazine zu kommen.«

»Ah, Hitze«, sagte Margaret. »Etwas Hitze hätte ich jetzt gern.«

Bird stellte einen Fuß auf die Bank. »Summ mir vor, was du willst, und ich spiele es, Schätzchen.«

Mit ihren Holzwänden, den Kojen und Bänken sah die Hütte zwar wie eine Sauna aus, aber es wurde nur langsam wärmer. Propanlampen baumelten von der Decke und spiegelten sich glitzernd in Töpfen und Kochutensilien, die im Küchenbereich hingen. Drei kleine Fenster gewährten einen Ausblick auf die Eisfläche, wodurch das Innere der Hütte noch gemütlicher wirkte. Mehrere Kocher brannten stetig, und der Duft von Kaffee, Essen und Benzin hing in der Luft. Sie hatten gut gegessen, ein Gericht aus Pilzen, Hähnchen und Nudeln, gefolgt von Plätzchen, die Bird gebacken hatte, und zum krönenden Abschluss ein paar Gläser Brandy, um Margrets zweiunddreißigsten Geburtstag würdig zu begehen.

»Hat jemand Lust, nach den Schneemobilen zu sehen?«, fragte Bird. »Macht doch eine kleine Spritztour übers Eis. Nur um festzustellen, ob alles picobello in Ordnung ist.«

»Oh ja«, meinte Margret begeistert. »Ich würde meinen Geburtstag vielleicht gern mit einem kleinen Rennen feiern.«

»Cool«, sagte Adrian. »Ich würde auch gern ein paar Langzeitbelichtungen aufnehmen. Der Himmel ist heute Nacht irgendwie besonders.«

»Ach nein«, begann Johannes. »Ich würde lieber hier …« Er fing einen warnenden Blick von seiner Frau auf und unterbrach sich. »Eine wunderbare Idee. Ich hoffe nur, dass wir nicht wegen Alkohol am Steuer angehalten werden.«

»Essie?«, sagte Bird. »Willst du Doug hier Gesellschaft leisten?«

Bird hatte eine geschickte Art, Befehle wie Vorschläge klingen zu lassen.

»Ja, gut.«

Doug schaute von seinem Kartenspiel auf und warf Bird einen mürrischen Blick zu.

Die anderen vier zogen sich dick an und gingen zu den Schneemobilen, die in einer einfachen Garage bereitstanden. Ohne sie wirkte es in der Hütte unangenehm still. Die Gaslampen summten leise, und Dougs Karten knackten wie Plastik. Esther schrieb an ihrem Expeditions-Blog und tippte ihren Eintrag mit dem Stift in ihren Palm. »Als wir heute Morgen das Lager abbauten, wehte ein starker Wind, und Adrians Isomatte flog davon. Er versuchte, sie einzufangen und alle mussten lachen.«

Doug brach das Schweigen. »Ich hätte nicht herkommen sollen«, sagte er mit kratziger, angespannter Stimme. »Ich glaube nicht, dass ich das packe.«

Er sah Esther an, und sein nervöser, musternder Blick schien etwas von ihr zu verlangen. Sein Bart verlor schon die Form und wucherte wild, und sein Auftreten wirkte zunehmend ungehobelt. Dass Doug jetzt schon Anzeichen von Instabilität zeigte, war besorgniserregend. Es war bekannt, dass die Einsamkeit im Eis Menschen um den Verstand bringen konnte, und Beklemmungen, Aggressionen und Depressionen waren nichts Ungewöhnliches. Diese ganze Leere hatte ihre Auswirkungen auf einen Menschen.

Das Lange Auge nannten sie das, oder den Tausend-Meilen-Blick. Esther hatte Fotos von Entdeckern gesehen, die direkt durch die Kamera und den Betrachter hindurchsahen. Ihr Blick war leer, und ihre Miene sah aus, als sähen sie dahinter etwas unaussprechlich Grauenhaftes. Sie hatte davon gehört, dass ihre Gedanken sich verwirrten und von der Realität ins Abstrakte abdrifteten. Aber auf den Bildern sahen sie nicht einmal aus, als hätten sie Gedanken, sondern ausgehöhlt, wie lebende Tote.

Aber so etwas passierte nur unter extremen Bedingungen, für gewöhnlich in der Antarktis. Diese Expedition dagegen hatte gerade erst begonnen, und sie waren mehr oder weniger am Ende der Polarnacht eingetroffen. Bald würde die Sonne aufgehen. Aber es war schwierig. Niemand wusste, wie die Teilnehmer reagieren würden. Wenn man psychische Probleme hatte, würde ein arktischer Winter immer schwierig werden – wie sollte man diese Dunkelheit vertreiben?

»Hey, keine Sorge«, sagte Esther. »Jeder hat mal diesen Punkt. Wahrscheinlich wirst du dich anpassen. Der heutige Tag war ziemlich heftig, aber bald …«

»Nein«, krächzte Doug. »Ich werde es vermasseln, das weiß ich. Und ich werde es auch allen anderen verderben. Ich …«

»Nein, das wirst du nicht. Das lassen wir nicht zu. Das Einzige …«

»Weißt du, was mich in den Wahnsinn treibt?«, unterbrach Doug sie. »Der Lärm. Das Klappern von dem ganzen Zeug, das an meinem Parka hängt. Kompass, Messer, Schnallen. Lampe. Reißverschlüsse. Dieses Flattern. Alles flattert herum. Und raschelt. Bei jedem Schritt. Lärm, Lärm, nichts als Lärm. Ich höre es immer noch. Den ganzen Tag lang hat es mich verrückt gemacht. Es ist in meinem Kopf. Scheppern, Klirren und Rascheln.« Doug schlug sich an die Brust und wischte darüber, als wolle er Insekten vertreiben, die dort saßen. »Es ist wie ein … grauenhaftes Metallorchester. Folter. Eine spezielle Folter, um …«

»Beruhige dich, Doug«, sagte Esther. »Du musst deine Stimme schonen. Ich schwöre, du schlägst dich großartig. Du musst nur eine Nacht gut …«

»So wie gestern Nacht? Im Zelt? Du und ich?«

Draußen starteten ein paar Schneemobile. Die Motoren husteten und erwachten dann zum Leben. Esther wünschte, Bird hätte sie nicht mit Doug allein gelassen.

»Das letzte Nacht hätte nicht passieren dürfen«, sagte sie. »Können wir vielleicht zu vergessen versuchen …«

»Treib keine Spielchen mit mir, Essie.« Doug fuhr mit der Hand über den Tisch und verstreute seine Karten. »Erzähl … mir nicht diesen Mist. Sag nichts von Bedauern. Nicht jetzt. Nicht hier.« Er sprang auf und trat dann, die Hände in den Taschen, vor eines der kleinen Fenster.

Esther ließ eine Weile vergehen, bevor sie sein Spiegelbild ansprach. »Tut mir leid. Hör zu, ich wollte dich nicht verletzen, indem …«

»Du hast mich nicht verletzt«, sagte Doug. »Aber fang nicht an, so zu tun, als wäre es meine Schuld gewesen, und als hättest du es nicht …«

»Das tue ich ja gar nicht«, gab Esther zurück. »Ich sage nur, dass wir es, du weißt schon, eine Weile auf sich beruhen lassen sollten. Es ist nicht richtig. Das sind nicht wir. Wir sind auf dem Eis. Das ist ein merkwürdiger Ort. Emotionen laufen aus dem Ruder. Letzte Nacht haben wir nicht wirklich klar gedacht, oder? Wir waren dumm, so dumm. Schließlich haben wir noch Wochen hier draußen vor uns. Ich weiß, das ist ein mieses altes Klischee, aber … können wir nicht einfach Freunde bleiben? So weitermachen wie vorher?«

Lange gab Doug keine Antwort. Draußen wurden noch ein paar Schneemobile angelassen, und die Motoren heulten auf, um dann bald in der Ferne zu verklingen. Jetzt waren sie ganz allein. Der Rest des Teams fuhr unter einem weiten Himmel, an dem ein Hauch grünlicher Phosphoreszenz flackerte, über die Eisfläche.

»Hör mal«, sagte Esther, »wenn dich etwas bedrückt, rede mit mir oder einem der anderen. Friss es nicht in dich hinein.« Sie stand auf und wollte zu ihm treten. Doch dann überlegte sie es sich anders und räumte einen Teil der Tischplatte frei. Sie setzte sich, stellte die Füße in den Softboots auf die Bank und betrachtete seinen Rücken.

»Und was könntest du dagegen tun?«, fragte Doug. Seine Stimme wurde leiser, und er brach in einen leisen Hustenanfall aus.

Esther zuckte die Achseln. »Zuhören vielleicht?«

Doug wandte sich zu ihr um. Seine Augen wirkten aufgewühlt und wild. Esther fragte sich, ob das der Blick war, den er den ganzen Tag hinter seiner Schneebrille verborgen hatte.

»Ich...