Der Zögling

Der Zögling

von: Michael Groißmeier

Allitera Verlag, 2002

ISBN: 9783935877084 , 147 Seiten

2. Auflage

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 10,20 EUR

  • Julia Extra Band 0322 - Die Hochzeit des Prinzen / Nur bei dir fühl ich mich geborgen / Verzaubert vom Fest der Liebe / Und immer wieder du! /
    Prickelndes Spiel mit der Liebe
    Julia Extra Band 0321 - Mit dir unter dem Mistelzweig / Ein verführerisches Geschenk / Zuckerguss und Weihnachtskuss / Frohe Weihnachten, Louise! /
    Julia Extra Band 0320 - Verführt von einem Playboy / Sag einfach nur: ich liebe dich! / Liebeszauber auf Santorin / Ausgerechnet mit dem Boss? /
    Süsse Küsse und unschickliche Geheimnisse
    Heiss verführt - eiskalt betrogen?
  • Happy End in Hollywood?
    Die Prinzessin und der Cowboy
    Tausend mal berührt ?
    Der Milliardär und das Kindermädchen

     

     

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Der Zögling


 

III (S. 114-115)

Für meine Mutter bricht eine Welt zusammen, als ich ihr eröffne, ich würde nicht mehr nach Freising zurückkehren. Aus ihr Traum vom Neupriester, ausgespielt ihre Rolle als Priestermutter. In ihren Augen bin ich ein »Abtrünniger«, und jedesmal, wenn sie mir hinter eine Liebschaft kommt, wird sie mir verächtlich ins Gesicht schleudern:

»Dös san desoin Abtrünnig’n!« Dem Vater ist es egal. Er ist froh, seinen Buben wieder bei sich zu haben. Kein so leichtes Spiel habe ich bei unserem Prälaten. So gutherzig und spendierfreudig er sein kann, in manchen Dingen ist mit ihm nicht gut Kirschen essen. Ich mache meine Aufwartung und eröffne ihm: »Mein Entschluss steht fest. Ich werde nicht Priester!« Der Prälat verzieht sein Gesicht zu einer bitterbösen Grimasse und brüllt zornschnaubend: »Geh mir aus den Augen!« Mit diesem seinem pfarrherrlichen Bannstrahl, der mich bis ins Mark trifft, jagt er mich aus dem Pfarrhof. Nach Wochen treffe ich den Prälaten auf der Straße. Sein Zorn ist verfl ogen.

»Wie geht’s dir denn, Michl?« »Gut, ich bin jetzt seit dem 1. August Inspektor-Anwärter bei der Stadt Dachau.« »Der Segen Gottes sei mit dir!« »Danke, Herr Prälat!« Beginnt nun die große Freiheit für mich, so wie ich sie mir erhofft habe? Meine Blütenträume welken dahin, als man mich in eine Kammer unter dem Dach des Rathauses steckt. Durch eine schmale Dachluke fällt ein wenig Licht ein. Tisch, Stuhl und mit verstaubten Gesetzesbüchern voll gepfropfte Regale unter den Dachschrägen sind die kargen Ausstattungsstücke. Ich bin in der Registratur gelandet und klebe Tag für Tag acht Stunden lang »Fundstellenhinweise« in Form von Abreißwapperln in die dicken »Schwarten«.

Einziges Arbeitsmittel ist ein Schwamm. Wahrhaftig eine angemessene Tätigkeit für einen, den man bis zu den »Vorhöfen der Weisheit« vorgestoßen hat, der sich mit Infi nitesimalrechnung, Demosthenes und Seneca abplagen musste! Wie froh war ich gewesen, der schrillen Seminarglocke, den Anweisungen der Präfekten, dem Hineingepresstsein in eine verhasste Seminarordnung entronnen zu sein, endlich frei atmen und aufrecht gehen zu können! Doch wie groß ist meine Enttäuschung! Vom Regen bin ich in die Traufe geraten!

Ich habe um 7 Uhr morgens am Arbeitsplatz zu erscheinen und die Arbeitszeit genau einzuhalten. Der Hauptamtsleiter, dem ich unterstehe, passt auf wie ein Schießhund. Er ist ein kleiner, rothaariger Schwabe, der mir das Leben sauer macht. Gleich zu Beginn macht er mir klar, dass er von Abiturienten gar nichts halte und ihm ein Volksschüler viel lieber sei, er, der vom Volksschüler zum Amtmann Emporgekommene! Er zeigt sich unfähig, mein Vertrauen zu gewinnen. Die zehnjährige Beate ist noch hübscher geworden. Ich erfahre, sie sei das Töchterchen von Heimatvertriebenen aus Ratibor/ Oberschlesien. Ich darf ihr meine Zuneigung nicht zeigen. Was könnte man mir, dem Neunzehnjährigen, sonst alles unterstellen! Also täusche ich Gelassenheit vor, während sich das Mädchen kleine Zärtlichkeiten in aller Unschuld erlauben darf. Umso inniger formuliere ich meine Gedichte.

Nach einem Vierteljahr idiotischer Dachkammertätigkeit versetzt man mich in das Städtische Wohlfahrtsamt, wo der Leiter durch eine längere Erkrankung ausgefallen ist. Ich erhalte einen »Beschäftigungsauftrag mit entsprechendem Unterhaltszuschuss« zum Ausgleich für meine praktische Tätigkeit, die ich neben meinem Verwaltungsstudium erledige. Nach drei Jahren bestehe ich meine Inspektor-Prüfung und werde am 1. 8. 1958 zum »außerplanmäßigen Stadtinspektor« ernannt. Ich bin stolzer Bezieher eines Anfangsgehaltes von 554 DM. Da lässt sich sogar meine Mutter zu einem anerkennenden Wort herbei, obwohl ich in ihren Augen immer noch ein »Abtrünniger« bin. Nur spricht sie es jetzt nicht mehr so oft aus.