Beichtgeheimnis - Pfarrer Baltasar Senner ermittelt 1 - Ein Krimi aus dem Bayerischen Wald

von: Wolf Schreiner

Goldmann, 2012

ISBN: 9783641067373 , 352 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 6,99 EUR

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Beichtgeheimnis - Pfarrer Baltasar Senner ermittelt 1 - Ein Krimi aus dem Bayerischen Wald


 

10

U nmengen an Töpfen und Schüsseln standen aufgereiht auf dem Küchentisch. Der Raum war erfüllt von den Gerüchen eines arabischen Basars, Rosenöl und Zimt, Amber und Zistrose, Süßholz und Galbanum – ein Duftwirbel, der um die Herrschaft kämpfte, sich verführerisch um alle Dinge legte. Darüber lag die Allmacht des Weihrauchs, ein Diktator, der den Ton vorgab und niemanden neben sich duldete. Doch immer wieder fanden die Aromen einen Weg vorbei, schmeichelten sich in die Nase, betörten die Geschmacksknospen, ein Spiel, verwegen und fordernd. Baltasar füllte die Weihrauchmischung aus einer der Schüsseln in eine Plastiktüte auf der Küchenwaage, bis er genau einhundert Gramm erreicht hatte. Mit dem Löffel schlug er den Takt zu dem Ramones-Song im Radio. Er war zufrieden mit der jüngsten Lieferung aus Nahost. Die Harze waren nicht verunreinigt, die Rezepturen der Mischungen versprachen außergewöhnliche Dufterlebnisse. Besonders der Eritrea hatte es ihm angetan, die Farbe wie Bernstein, gleichmäßige Körnung, intensives Aroma.

Es klingelte an der Tür. Unwillig legte Baltasar sein Werkzeug beiseite und öffnete. Vor ihm standen zwei Männer, der eine über fünfzig Jahre alt, etwas beleibt, der andere unter dreißig, mit halblangem Haar.

»Ja?«

»Guten Tag, sind Sie Pfarrer Baltasar Senner?«

»Genau der. Was kann ich für Sie tun?«

»Mein Name ist Wolfram Dix. Das ist mein Kollege Oliver Mirwald. Doktor Oliver Mirwald«, setzte er nach einer Pause hinzu, »von der Kripo Passau. Haben Sie etwas Zeit für uns?«

»Kriminalpolizei? Wollen Sie beichten?« Baltasar hoffte, dass seine Stimme humorvoll klang. »Im Augenblick ist es etwas unpraktisch. Ich bin beschäftigt.«

»Es dauert nicht lange. Versprochen.«

»Hmm. Meinetwegen. Wenn Sie meine Unordnung nicht stört. Ich habe derzeit keine Haushälterin.« Baltasar ließ die beiden in die Küche eintreten.

»Das ist nett von Ihnen, Herr Senner.« Die beiden Beamten sahen sich um. Dix ging zur Küchenspüle, hob eine Tasse mit Gewürzen hoch, schnupperte daran, sagte »wie aromatisch«, besah sich die Schüsseln und Tüten auf dem Tisch, roch daran und wandte sich an Senner. »Sie haben ja eine richtige kleine Drogenküche hier.« Auf Baltasars verwirrten Blick hin ergänzte der Kommissar: »War nur ein Scherz. Aber im Ernst, was ist das? Weihrauch?«

»Weihrauchmischungen mit Kräutern und Gewürzen. Ich lasse mir gewisse Mengen aus dem Ausland schicken und verpacke sie in kleinere Portionen.«

»So viel benötigt doch eine Gemeinde wie Ihre gar nicht. Oder kaufen Sie für die nächsten zwanzig Jahre auf Vorrat?«

»Ich habe Abnehmer bei anderen Pfarreien und bei der Diözesanverwaltung. Jeder wünscht sich ein wenig Abwechslung. Sie trinken vermutlich auch nicht nur eine Sorte Wein, Herr Kommissar.«

»Richtig, Bier ist mir lieber. Ich habe gar nicht gewusst, dass es mehrere Sorten Weihrauch gibt. Für mich stinkt das Zeug immer gleich.«

»Weihrauch ist das Harz eines Baumes der Gattung Boswellia aus der Gruppe der Balsambaumgewächse«, sagte Oliver Mirwald ungefragt. »Vorkommen in Afrika, in Ländern des arabischen Raumes oder Indien. Auch das Harz europäischer Nadelbäume wird oft als Weihrauch bezeichnet. Medizinisch wirksame Bestandteile sind die Boswellia-säuren und Incensol. Den Stoffen werden anregende und wundheilende Wirkungen zugeschrieben.«

»Da habe ich in der Schule wohl was verpasst.« Dix quälte sich ein Lächeln ab. »Glücklicherweise habe ich meinen Assistenten Doktor Mirwald dabei. Was täte ich ohne ihn?« Er zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls scheint die katholische Kirche auf dieses Räucherzeug zu schwören, seit die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland das Christuskind besucht und Weihrauch und Gold und Myrrhe als Geschenk mitgebracht haben.« Er zwinkerte Mirwald zu. »Sehen Sie, wenigstens im Religionsunterricht habe ich aufgepasst.«

»Stimmt, normalerweise denkt man bei Weihrauch an die katholischen Gottesdienste. Aber die Verwendung für liturgische und religiöse Zwecke ist viel, viel älter. Schon die Ägypter ehrten ihre Pharaonen mit dem Verbrennen der Harze und nannten Weihrauch den ›Schweiß der Götter‹. Sogar für die Einbalsamierung hat man ihn verwendet. Bei den Römern ersetzte das Räucherwerk die Tieropfer, und vor dem Tempel in Jerusalem opferten die Gläubigen ebenfalls Weihrauch. Nebenbei gesagt, antike Ärzte wie Hippokrates vertrauten schon immer auf das Heilmittel, es half gegen Husten ebenso wie gegen Allergien, Rheuma oder Hämorrhoiden. Der orientalische Heiler Avicenna beispielsweise, der um das Jahr 1000 nach Christus lebte, empfahl die Harzperlen zur Stärkung des Geistes und des Verstandes.«

»Sieh mal einer an. Sollte man mal unter Politikern verteilen, aber ich bezweifle, dass es wirken würde.« Dix rieb sich die Hände. »Wir wollen Sie natürlich nicht bei Ihren Nebengeschäften stören, Herr Senner. Wir kommen wegen einer Routineangelegenheit, bei der Sie uns vielleicht weiterhelfen können.«

»Wir sind vom Krankenhaus Freyung zu einem Fall hinzugezogen worden.« Mirwalds Stimme klang sachlich. »Es geht um das Ableben von Herrn Korbinian Veit.«

»Unser Sparkassendirektor, Gott hab ihn selig. Ich habe seine Witwe erst jüngst getroffen«, sagte Baltasar.

»Frau Veit hat vom Krankenhaus eine Untersuchung gefordert und zugleich eine Obduktion angeordnet«, sagte Dix. »Wir untersuchen den Vorgang. Wie gesagt, reine Routine. Wir sind verpflichtet, bei Todesfällen mit unklaren Begleitumständen aktiv zu werden.«

»Unklare Begleitumstände?«

»Der Arzt wies uns darauf hin, dass die lebenserhaltenden Schläuche herausgerissen waren. Die Preisfrage für uns lautet: Hat sie der Patient selbst herausgerissen oder jemand anders? Können Sie uns bei der Antwort helfen?«

Bevor Baltasar zu einer Erwiderung ansetzen konnte, sagte Mirwald: »Wir haben Recherchen angestellt und das Krankenhauspersonal verhört. Herr Veit bekam einigen Besuch. Aber einer der letzten Besucher war nach den Aussagen der Mitarbeiter ein Pfarrer, der sich nach dem Patienten erkundigt hatte. Es bedurfte einiger Telefonate, bis wir auf Ihren Namen gestoßen sind.«

»Ja, es stimmt, ich habe Herrn Veit im Krankenhaus besucht, bevor er von uns gegangen ist. Der Herr Sparkassendirektor gehört – gehörte – zu meiner Gemeinde. Es ist meine Aufgabe, mich um die Menschen zu kümmern.«

»Kommen Sie zu jedem, der krank ist?«

»Nun, nicht zu jedem, aber möglichst zu denen, denen es schlecht geht oder die darum bitten.«

»Hat Herr Veit um Ihren Besuch gebeten? Oder seine Frau?«

»Ich hatte von dem Unfall gehört und dass der Direktor in Freyung im Krankenhaus lag. Es klang ernst.«

Dix ging in der Küche umher, besah sich den Küchenschrank, stoppte, sah zum Fenster hinaus. »Wie gut kannten Sie Herrn Veit? Hatten Sie näher mit ihm zu tun?«

»Den Herrn Sparkassendirektor kannte jeder im Ort. Er gehörte zur Lokalprominenz, wenn Sie so wollen. Ich habe mein Konto bei der Sparkasse.«

»Herr Veit ist vom Fahrrad gestürzt und hat sich dabei schwer verletzt.«

»Ich weiß. Tragisch.«

»Und deshalb sind Sie nach Freyung gefahren? Hatten Sie Angst, dass er stirbt?«

»Jeder Mensch ist sterblich. Nur der liebe Gott weiß, wann die Zeit für einen gekommen ist. Als Pfarrer kann man beten und trösten, sich als Gesprächspartner oder Beichtvater anbieten oder das Sakrament der Krankensalbung spenden.«

»Was haben Sie gemacht, als Sie im Krankenhaus angekommen sind?« Mirwald feuerte die Worte ab wie Revolverkugeln.

»Verzeihung, Herr Kommissar, das klingt jetzt nach Verhör. Werfen Sie mir etwas vor?«

»Haben Sie Nachsicht mit der Kripo, Herr Pfarrer«, sagte Dix. »Das Fragen liegt uns im Blut. Wir werfen Ihnen gar nichts vor, wir sammeln derzeit nur Informationen. Also, was haben Sie im Krankenhaus getan?«

»Ich erkundigte mich auf der Krankenstation, in welchem Zimmer Herr Veit liegt. Dorthin bin ich dann gegangen.«

»Und weiter? War Herr Veit bei Bewusstsein?«

»Der Direktor lag auf dem Rücken und schien zu schlafen. Wenn ich mich recht erinnere, ging sein Atem stoßweise und röchelnd. Er sah sehr schlecht aus. Eine arme Seele.«

»Warum haben Sie dann keinen Arzt gerufen, wenn es so schlecht um Herrn Veit stand?« Mirwald verschränkte die...