Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Band 2: Weimarer Republik

Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Band 2: Weimarer Republik

von: Frank Becker

UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr, 2011

ISBN: 9783940251817 , 333 Seiten

Format: PDF

Kopierschutz: DRM

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Preis: 15,00 EUR

Mehr zum Inhalt

Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962). Band 2: Weimarer Republik


 

5. „Wehrhaftigkeit“ – Pläne zur vormilitärischen Jugenderziehung und zur Neuorganisation des Sports (S. 201-202)

Nachdem Versuche zur direkten Anbindung des Sports an das Militär unmittelbar nach Kriegsende gescheitert waren, setzten schon 1924 neue Bestrebungen der Reichswehr ein, den Sport zu militarisieren. Hintergrund war der Misserfolg beim Versuch einer geheimen Wiederaufrüstung in Form der „Schwarzen Reichswehr“. Nun wurde ein mehr oder weniger legaler Weg zur Vermehrung der Wehrkraft des Deutschen Reiches beschritten. Federführend war General Kurt von Schleicher, Leiter des politischen Referats im Truppenamt des Reichswehrministeriums.

Schleicher sah in einer breit angelegten überparteilichen Wehrsportausbildung die einzige Möglichkeit, die wehrfähige Jugend auf einen möglichen Militärdienst vorzubereiten.War ursprünglich sogar an die Einsetzung eines Reichsjugendwartes gedacht, der, ausgestattet mit weit reichenden Kompetenzen, das von vielen geforderte Sportpflichtgesetz auch gegen den Widerstand von Regierung und Reichstag durchsetzen sollte, musste man sich zunächst mit der Einrichtung so genannter Volkssportschulen begnügen.

Die von Oberstleutnant a. D. Otto Billmann, dem Leiter der ersten und wohl bekanntesten Volkssportschule in Wünsdorf bei Zossen, im September 1924 gegründete Bewegung wurde von der Reichswehr finanziell unterstützt.3 Die vierzehntägigen Lehrgänge der Volkssportschulen sollten in erster Linie dem Mangel an geeigneten Ausbildern innerhalb der bestehenden Verbände abhelfen. Mit der Gründung des Dachverbands der „Vereinigten Vaterländischen Verbände Deutschlands“ Ende 1924 wurde die Voraussetzung für eine effektive Zusammenarbeit mit den „Wehrverbänden“, etwa dem „Reichskriegerbund Kyffhäuser“ geschaffen.4 Im folgenden Jahr gelang es Schleicher, auch die Deutsche Turnerschaft zur Mitarbeit zu bewegen, wobei deren Geschäftsführer Major a. D. Franz Breithaupt als Verbindungsmann zu Schleicher und zur Reichswehr fungierte.

Die Ausbildung an den Volkssportschulen beschränkte sich nach offi ziellen Angaben auf Gymnastik mit und ohne Gerät, auf Wander- und Geländespiele, Laufen, Schwimmen und Kleinkaliberschießen. Im Vordergrund stand also der Sport, doch waren die Grenzen zur militärischen Ausbildung fließend. Als Sportwarte und -lehrer wurden ehemalige Offi ziere und Unteroffi ziere eingesetzt.6 Organisatorisch blieben die Volkssportschulen vom DRA unabhängig, doch langfristig war der „Anschluß an die große deutsche Turn- und Sportbewegung und die Mitbenutzung von deren Einrichtungen“ geplant.

Schon im Oktober 1924 regte General Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung, einen Zusammenschluss der Deutschen Turnerschaft mit verschiedenen Wehrverbänden (Stahlhelm, Jungdeutscher Orden) an.8 Ziel war die Errichtung eines „Reichssportamtes“, das zwar der Kontrolle durch die zivilen Behörden unterliegen, jedoch der militärischen Ersatzbildung dienen sollte.9 Im Bruderzwist zwischen Turnen und Sport gab Seeckt jedoch prinzipiell dem Sport den Vorzug. Das alte Militärturnen hatte in seinen Augen keine Zukunft mehr. Seeckt, so Diem, „sah in einem echten Sportbetrieb die Ausbildung des Soldaten zur Frische, zur Tatkraft, zur Selbständigkeit, zur zuverlässigen Persönlichkeit“.