Lazarus - Schweden-Krimi

von: Lars Kepler

Bastei Lübbe AG, 2019

ISBN: 9783732560844 , 637 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 9,99 EUR

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Lazarus - Schweden-Krimi


 

6


Valeria sitzt vor dem Computer im Obergeschoss, als Joona hochkommt und an die Tür klopft.

Sie wendet sich ihm zu. Das bleiche Licht, das durch das Sprossenfenster hereinfällt, verleiht ihrem Haar einen kastanienroten Glanz.

»Åhlén ist gefahren«, sagt Joona leise. »Entschuldige, dass ich so zornig geworden bin, ich wollte nicht, dass du so etwas sehen musst.«

»Ich bin nicht empfindlich«, antwortet sie. »Du weißt, dass ich schon oft Tote gesehen habe.«

»Aber es ging um mehr als nur um die Leichenteile … es ist persönlich«, sagt Joona und verfällt in Schweigen.

Es gibt ein Familiengrab in Stockholm mit den Namen Summa Linna und Lumi Linna auf dem Grabstein, aber in den Urnen unter der Erde ist ihre Asche nicht zu finden. Der Tod von Joonas Frau und seiner Tochter war nur vorgetäuscht. In Wahrheit lebten sie viele Jahre versteckt mit einer neuen Identität.

»Lass uns in die Küche gehen und die Suppe wieder aufwärmen«, sagt Valeria nach einer Weile.

»Was?«

Sie umarmt ihn, und auch er legt seine Arme um sie und seine Wange an ihren Kopf.

»Lass uns essen«, wiederholt sie leise.

Als sie in die Küche kommen, holt sie die Suppe, die sie vorher schon zubereitet haben, aus dem Kühlschrank. Sie stellt den Topf auf den Herd und stellt die Platte an, aber als sie die Lampe in der Dunstabzugshaube anschaltet, kommt Joona und schaltet sie wieder aus.

»Was ist denn passiert?«, fragt Valeria.

»Summas Grab ist geplündert worden und …«

Joona verstummt, wendet sein Gesicht ab, und sie sieht, dass er sich ein paar Tränen von der Wange wischt.

»Du darfst ruhig weinen«, sagt sie vorsichtig.

»Ich weiß eigentlich nicht, warum es mich so mitnimmt. Ein Mann hat ihr Grab geöffnet und ihren Schädel mit nach Oslo genommen.«

»Großer Gott«, flüstert sie.

Er stellt sich seitlich neben das Fenster und schaut zu den Gewächshäusern und zum Wald hinaus. Valeria sieht, dass er die Gardinen im Wohnzimmer vorgezogen und ein Küchenmesser auf den alten Anrichtetisch gelegt hat.

»Du weißt, dass Jurek Walter tot ist«, sagt sie ernst.

»Ja«, flüstert Joona und zieht die Gardinen vor das Küchenfenster.

»Möchtest du über ihn sprechen?«

»Das kann ich nicht«, sagt er mit einer Stimme, aus der seine Verletzlichkeit spricht, und wendet sich ihr zu.

»Okay«, antwortet sie besonnen. »Aber du musst mich nicht schützen, ich bin stark genug, es mir anzuhören, versprochen … Ich weiß ja, was du getan hast, um Summa und Lumi zu retten, also weiß ich auch, wie schrecklich er gewesen sein muss.«

»Er war schlimmer als alles, was man sich vorstellen kann … er höhlt dein Inneres aus … und zurück bleibt ein leerer Mensch.«

»Aber das ist vorbei«, flüstert Valeria und versucht, ihn zu berühren. »Du bist jetzt sicher. Er ist tot.«

Joona nickt.

»Es war nur die Erinnerung. Ich hatte das Gefühl, seinen Atem zu spüren, als ich erfuhr, dass Summas Grab geschändet wurde.«

Joona kehrt zum Fenster zurück und schaut durch die Lücke zwischen den Gardinen nach draußen. Valeria betrachtet seinen Rücken in der Dunkelheit der Küche.

Als sie sich an den Küchentisch setzen, bittet sie ihn, mehr von Jurek Walter zu erzählen. Joona legt die Hände auf die Tischplatte, damit sie nicht mehr so zittern. Dann sagt er leise:

»Die Diagnose lautete allgemeine Schizophrenie, chaotisches Denken und akute psychotische Zustände mit unberechenbaren und extrem gewalttätigen Anteilen. Aber das alles ist völlig bedeutungslos. Er war niemals schizophren. Die Diagnose sagt nur etwas über den Psychiater, der das Gutachten erstellt hat. Sie sagt nur, wie viel Angst er hatte.«

»War er ein Grabschänder?«

»Nein«, sagt Joona.

»Na, siehst du«, sagt sie und versucht zu lächeln.

»Jurek Walter hat sich nie um Trophäen geschert«, sagt er mit schwerer Stimme. »Er war nicht pervers. Seine Leidenschaft war es, Menschen zu zerstören, nicht sie zu töten oder zu foltern. Er hätte davor nicht zurückgeschreckt, aber um ihn wirklich zu verstehen, muss man wissen, dass er das Innere seiner Opfer zerstören, ihren Lebensfunken auslöschen wollte.«

Joona versucht zu erklären, dass Jurek seinen Opfern alles nehmen und dann zuschauen wollte, wie sie weiterlebten – zur Arbeit gingen, ihre Mahlzeiten aßen, vor dem Fernseher saßen –, bis zu dem unseligen Augenblick, in dem ihnen klar wurde, dass sie schon längst tot waren.

Sie sitzen inzwischen in der Dunkelheit, während Joona weiter von Jurek Walter erzählt. Obwohl er der schlimmste Serienmörder war, den Nordeuropa je gekannt hat, weiß die Öffentlichkeit nichts über ihn, weil alle Akten über seine Person unter Verschluss gehalten werden.

Joona beschreibt, wie er Jurek Walter gemeinsam mit seinem Kollegen Samuel Mendel auf die Spur kam.

Sie hielten nachts abwechselnd Wache vor der Wohnung einer Frau, deren zwei Kinder verschwunden waren. Die Umstände ihres Verschwindens erinnerten an Zeugenaussagen in anderen Fällen.

Man sagte, dass sie wie vom Boden verschluckt waren.

Sie erkannten ein Muster darin, dass viele Personen, die in den vergangenen Jahren verschwunden waren, aus Familien stammten, in denen auch andere Personen vermisst wurden.

Joona verstummt, und Valeria sieht, dass er seine Hände zusammenlegt, um sie endlich zur Ruhe zu bringen. Sie hat Tee gekocht und zwei Becher gefüllt, die sie auf den Tisch stellt. Dann setzt sie sich, wartet darauf, dass er weitererzählt.

»Wir hatten schon ein paar Wochen Tauwetter«, sagt er. »Aber an dem Tag hat es noch einmal geschneit. Es lag eine neue Schneedecke über der alten …«

Joona hat noch nie mit jemandem über diese letzten Stunden gesprochen, als Samuel kam, um ihn abzulösen.

Ein schlanker Mann stand am dunklen Waldrand und starrte zu dem Fenster hinauf, hinter dem die Frau, deren Kinder verschwunden waren, im Bett lag und schlief.

Das ruhige Gesicht des Mannes war mager und von Falten durchzogen.

Joona dachte, dass allein schon der Anblick des Hauses den Mann in einer genussvollen Ruhe wiegte, als hätte er sein Opfer bereits in den Wald geschleppt.

Die schmale Gestalt tat nichts anderes, als zu beobachten, bevor sie sich wieder umdrehte und verschwand.

»Du denkst daran, wie du ihn das erste Mal gesehen hast«, sagt Valeria und legt ihre Hand auf seine.

Joona schaut auf, wird sich bewusst, dass er die ganze Zeit geschwiegen hat. Er nickt und erzählt, wie Samuel und er das Auto verließen und den frischen Fußspuren folgten.

»Wir liefen an einer alten Bahnstrecke entlang in den Lill-Jans-Wald hinein …«

Aber in der Dunkelheit zwischen den Fichten verloren sie die Spuren des Mannes, sie waren plötzlich nicht mehr da, und so gingen sie zurück.

Als sie den Gleisen folgten, sahen sie, dass der schlanke Mann den Bahndamm verlassen hatte und direkt in den Wald gegangen war.

Weil der Boden unter der neuen Schneedecke nass war, wirkten die Spuren, die seine Schuhe hinterlassen hatten, schwarz. Vor einer halben Stunde waren sie noch weiß und in dem schwachen Licht unmöglich zu entdecken gewesen. Aber dann waren sie plötzlich dunkel wie Granit.

Sie waren bereits tief in den Wald eingedrungen, als sie ein klagendes Wimmern hörten.

Es klang wie ein einsames Weinen in der Hölle.

Zwischen den Baumstämmen sahen sie den Mann, den sie verfolgt hatten. Um ein flaches Grab herum war der Boden von schwarzer, ausgehobener Erde bedeckt. Eine ausgemergelte, schmutzige Frau versuchte, sich aus einem Sarg zu befreien. Sie kämpfte weinend, aber jedes Mal, wenn sie nach oben kam, drückte der Mann sie wieder hinunter.

Sie zogen ihre Waffen und rückten vor, warfen den Mann auf den Bauch und fesselten seine Arme und Beine.

Samuel weinte, während er mit der Einsatzzentrale sprach.

Joona holte die Frau aus dem Sarg und hüllte sie in seine Jacke. Er hielt sie in seinen Armen und erklärte ihr, dass Hilfe unterwegs sei, als er plötzlich eine Bewegung zwischen den Bäumen sah. Fichtenzweige schaukelten und Schnee fiel stumm zu Boden.

»Jemand hatte dort gestanden und uns zugeschaut«, sagt er leise.

Die fünfzigjährige Frau lebte, obwohl sie beinahe zwei Jahre in diesem Sarg gelegen hatte. Jurek Walter war hin und wieder zu ihr gekommen, hatte das Grab geöffnet und ihr Wasser und Nahrung gegeben. Sie war erblindet, litt an schwerer Unterernährung, und ihre Zähne waren ausgefallen. Die Muskeln waren verkümmert, und sie war von Druckgeschwüren entstellt. An Händen und Füßen hatte sie Erfrierungen.

Erst glaubte man, dass sie lediglich traumatisiert wäre, aber dann stellte sich heraus, dass sie sich schwere Hirnschäden zugezogen hatte.

Große Teile des Waldes wurden schon während der Nacht abgesperrt. Am Morgen markierte ein Suchhund der Polizei einen Platz nur zweihundert Meter von dem Grab der Frau entfernt. Dort grub man die sterblichen Überreste eines Mannes und eines Jungen aus, die in eine blaue Plastiktonne hineingedrückt worden waren. Später stellte sich heraus, dass sie vier Jahre zuvor begraben worden waren, aber nur wenige Stunden überlebt hatten, obwohl sie über ein Rohr mit Atemluft versorgt waren.

Joona sieht, dass Valeria erschüttert ist, sämtliche Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen, und sie hält sich eine Hand vor den Mund.

Sie denkt daran, wie Joona Jurek...