Treibjagd durch Unterfranken - Ein Kriminalroman zwischen Fiktion und Realität

Treibjagd durch Unterfranken - Ein Kriminalroman zwischen Fiktion und Realität

von: Rainer Greubel

Rainer Greubel, 2006

ISBN: 9783956901829 , 212 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 9,63 EUR

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Mehr zum Inhalt

Treibjagd durch Unterfranken - Ein Kriminalroman zwischen Fiktion und Realität


 

Kapitel 2

Der achteckige Saal mit den gerundeten Ecken war nüchtern, der Boden kalt, die Decke klinisch weiß. Der Tür gegenüber hing an der Stirnwand ein metallenes Kreuz. Links und rechts waren je drei Wände von schmalen Rundbogenfenstern durchbrochen, deren Milchglasfüllungen das trübe Januarlicht mehr aussperrten als hereinließen. An der fensterlosen Stirnwand stand unterhalb des Kreuzes ein altarähnlicher Tisch, überdeckt mit einem frisch gestärkten weißen Tuch. Auf dem Tisch lagen V-förmig zwei schlanke Blumensträuße und innerhalb des Vs war das fast lebensgroße Schwarzweiß-Portrait von Marianne Schmücke-Hansen aufgestellt. Aus einem glatten Holzrahmen schaute die 47 jährige mit wachem Blick jedem der Anwesenden in die Augen. Der insgesamt neutrale Gesichtsausdruck verriet den Anlaß für die Entstehung dieses Photos: Ein Paßbild war es, aufgenommen vor einem halben Jahr für einen neuen Ausweis, das aktuellste Portrait, das es von Marianne Schmücke-Hansen gab. Das schwarze, schmale Band in der rechten oberen Ecke zeigte an, daß sie verstorben war.

49 Mitglieder der Glaubensgemeinde waren im Andachtsraum auf Gut Galgenberg bei Aub zusammengekommen, um zeremoniell Abschied von ihrer Schwester zu nehmen. Die Frauen und Männer trugen ihre übliche bäuerliche Arbeitskleidung. Sie saßen in sieben Reihen zu sieben Stühlen auf kargem Holz, die Aufmerksamkeit auf Kreuz, Tisch und Portrait gelenkt. Auf zwei Stühlen hatten rechts und links vor dem Tisch, der Trauergemeinde zugewandt, das Portrait der Verstorbenen zwischen sich, Professor Dr. Bernhard Hansen und Diana Körner-Esser Platz genommen.

Nach mehreren Minuten des meditativen Schweigens begann Diana Körner-Esser, wie eine Priesterin in ein langes Gewand gehüllt, mit der Zeremonie. Sie trug den Lebenslauf von Marianne Schmücke-Hansen vor. Lediglich in knappen Sätzen streifte sie die ersten 27 Jahre und ging ab dem Zeitpunkt des Eintritts „der Schwester“ in die Glaubensgemeinschaft in die Details. Vor zwanzig Jahren hatte man sie gemeinsam mit ihrem Mann Professor Dr. Bernhard Hansen aufgenommen. Beide hatten sich umgehend intensiv und akribisch dem Ausbau der medizinischen Leistungen der hauseigenen Klinik zugewandt, wobei sie die Verwaltung organisierte und er die medizinische Leitung innehatte.

Schnell, viel schneller als sonst üblich, sei Schwester Marianne auf der „Leiter der Erleuchtung“ emporgestiegen, was von tiefer Gläubigkeit und vorbildlich demütiger Hingabe an die Ideale der Glaubensgemeinschaft zeuge, sagte Diana Körner-Esser und fuhr fort mit der Lobpreisung der Verstorbenen.

Der frisch Verwitwete blickte derweil aufrecht sitzend zu den auserwählten Schwestern und Brüdern, die der Abschiedszeremonie beiwohnen mußten. Er schaute in Gesichter, die in starrem Blick und zementierter Mimik auf die Redende fixiert waren. Hörten sie tatsächlich zu, folgten ihre Gedanken dem Gesprochenen, setzten sie die Worte in Bilder um? Bernhard Hansen zweifelte daran. „Nein“, dachte er, „dieses gehirngewaschene Fußvolk hört nicht wirklich hin.“

Totengedenkfeiern gehörten in dieser Glaubensgemeinschaft noch nicht zum Alltag, da sie noch nicht sehr lange existierte, die obere Altersklasse noch klein und die Mitgliederzahl überschaubar war. Außenstehende sprachen gerne von einer „Sekte“, wenn die Rede auf die öffentlichkeitsscheuen Menschen kam, die sich in Oellingen und Gülchsheim im Landkreis Würzburg große Teile von Neubaugebieten erobert und als markante äußere Zeichen runde Hausecken und rundbogige Fenster und Türen gebaut hatten.

Hansen war bewußt, daß jene 49 Mitglieder von der Führung bestimmt worden waren, der Andacht beizuwohnen. Persönliches oder Freundschaftliches hatte sie jedoch nicht mit seiner Ehefrau verbunden.

Bald würden sie den Raum ebenso wortlos verlassen wie sie ihn betreten hatten und ihre Arbeit mechanisch weiter erledigen. Die Stunde Verzögerung kümmerte niemanden. Sie mußten nach Feierabend sowieso wie Zwangsarbeiter zurück in ihre Unterkünfte und durften weder fernsehen noch Radio hören noch Zeitung lesen. Sie leisteten ihren täglichen Dienst, irgendwann gab es Abendessen, anschließend saßen sie pflichtgemäß in der Wort-des-Erleuchteten-Gruppe zusammen und bald hieß es: husch-husch ins Bettchen! Morgens mußten sie bald raus zum Arbeiten.

Professor Hansen gehörte wie die anderen hier im Raum der Glaubensgemeinschaft „Globale Liebe“ an, dem Deutschlandableger einer weltumspannenden Psychosekte mit Sitz in den USA. Er war nur unter bestimmten strategischen und wirtschaftlichen Bedingung eingetreten. Als Medizin-Koryphäe europa-, wenn nicht weltbekannt, stellte er der Globalen Liebe – kurz: GL – seine wissenschaftliche und gesellschaftliche Reputation in vielfacher Weise zur Verfügung: sein außergewöhnliches Fachkönnen in innerer Medizin und Chirurgie, seine visionären Forschungsarbeiten und sein Renommee in mehreren Zirkeln des öffentlichen Lebens. Einen Prominentenarzt wie Hansen zum Vorzeigen in den eigenen Reihen zu haben, sollte der stets kritischen Öffentlichkeit signalisieren, wie seriös, harmlos und ehrlich die Sekte sei.

Man band Hansen werbetechnisch in zahllose Imagekampagnen ein. „Wenn ein so berühmter und integrer Mann bei der GL eintritt, kann das doch keine Sekte oder eine sonstwie suspekte Gruppierung sein“, sagten sich damals tatsächlich viele Normalbürger, die von der Propaganda der Glaubensgemeinschaft unterschwellig beeinflußt werden sollten. Tatsächlich folgten in großer Zahl wohlhabende und gebildete Menschen dem Lockruf der Sekte, die Alternativen zu den etablierten Kirchen anpries.

In Werbeschriften hieß es, man kehre als Mitglied in der GL zu den Ursprüngen des Glaubens zurück. Den Verzicht auf Kirchenrituale, Pomp und Machtstrukturen stellte man gerne heraus. Merkmale der Friedfertigkeit waren die veröffentlichten Glaubensbriefe, Bücher, sonstige Literatur, Poster und das äußerst stille, unauffällige, zurückhaltende Missionieren und Akquirieren von neuen Mitgliedern. Das Engagement im sozialen Bereich nahm die skeptische Bevölkerung anfänglich noch als Zeichen vorgelebter Nächstenliebe auf. Eine kleine, örtliche Firma, die häuslichen Pflegedienst zum günstigen Preis anbot, wirkte natürlich sympathisch. Eine weitere, kleine Firma, die beim Wohnungsumzug half und zum Niedrigpreis Möbel schleppte, kam ebenfalls gut an. Mitdenker fragten natürlich mehr oder weniger laut, wie es denn auf der anderen Seite aussehe: Wer nur wenig von den Kunden kassierte, konnte den Mitarbeitern doch auch nur wenig zahlen …

Von „Gotteslohn“ war damals seitens der Glaubensgemeinschaft gerne die Rede und von anderen demütigen Motiven und der hochgepriesenen Freiwilligkeit der Mitarbeiter.

Hansen hingegen war noch nie in seinem Leben solch ein argloser Naivling gewesen. Seine Strategie und seinen Übertritt zur GL hatte er in einem Masterplan penibel durchstrukturiert. Der Endfünfziger hatte bereits vor 30 Jahren in seiner fernen Heimat- und Studierstadt Lübeck vom Aufstreben einer Glaubensgemeinschaft rund um Aub im Landkreis Würzburg gehört, die als zentrale Figur einen „Erleuchteten“ vorzeigte, der angeblich immer wieder göttliche Eingebungen erhielt. Er hatte Zeitungsartikeln entnommen, daß sich kirchliche und andere Kreise nervös aufrichteten, sich berufen sahen, die arglose Bevölkerung zu warnen, sich aufplusterten und „Mordio“ riefen und den Untergang des Abendlandes näherrücken sahen. Vor allem aber erregten sich die Skeptiker und Gegner der Sekte an deren offensichtlicher, wenn auch unauffällig betriebener Geschäftstüchtigkeit.

Diese Kritik war Hansen stets egal gewesen. Weder der Glaubensaspekt hatte ihn interessiert noch die Attacken von außen auf die wirtschaftlichen Aktivitäten. Im Gegenteil, als er von Plänen der Sekte erfahren hatte, eine eigene Klinik in Betrieb zu nehmen, war er hellhörig geworden, hatte mit dem Geschäftsführer Georg Brandauer Kontakt aufgenommen und die Möglichkeiten für sich sondiert.

Brandauer mußte akzeptieren, daß Hansen und seine Ehefrau nur unter der Bedingung eintraten, in der Führungsriege der Sekte für den medizinischen Teil alleinverantwortlich handeln zu können. Hansen war nicht der Typ Mensch, der sich unterordnete oder gar unterwarf. Das Gegenteil war der Fall: Er mußte an der Spitze einer hohen Hierarchie stehen, er mußte die Handlungen bestimmen, er verteilte Aufgaben und Befehle, er war derjenige, der die Macht ausspielte, der Untergebene, wenn nicht gar Dienende brauchte. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, sein Vermögen der Gemeinschaft zu übereignen, wie es von all den anderen zugelaufenen Mitgliedern verlangt wurde. Hansen wußte, daß es bei der GL genau wie bei ähnlich...