Ihr Kunstbanausen! - Ein Kriminalroman zwischen Fiktion und Realität

Ihr Kunstbanausen! - Ein Kriminalroman zwischen Fiktion und Realität

von: Rainer Greubel

Rainer Greubel, 2004

ISBN: 9783956901836 , 137 Seiten

Format: PDF, ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 9,63 EUR

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Mehr zum Inhalt

Ihr Kunstbanausen! - Ein Kriminalroman zwischen Fiktion und Realität


 

Kapitel 12

Nur ein paar Zehnermeter weiter scharte der amtlich geprüfte Stadtgästeführer Eckard Mais seine Gruppe um sich. „Wir befinden uns jetzt auf dem Marktplatz, genauer gesagt, auf dem Unteren Markt, dem eigentlichen grünen Markt. Zunächst beachten Sie bitte den Obelisken mit dem Marktbrunnen – leider ohne laufendes Wasser, weil die Stadt sich das nicht mehr leisten kann. Der vierzehn Meter hohe, streng klassizistische Obelisk ist Ausdruck einer zeitgenössischen Ägyptenschwärmerei, die Napoleon von seinen Feldzügen ins Pharaonenland mitgebracht hat. Der Obelisk nach Plänen von Andreas Gärtner symbolisiert den Machtwechsel von 1802/03. Die Entwürfe zu den Figurenreliefs auf den Postamenten der Nord- und Südseite stammen von Martin von Wagner 1808. Die zweimal zwei Figuren zeigen Horen, griechische Göttinnen der Jahreszeiten und sittlichen Ordnung. Hinter mir sehen Sie eine gotische Kirche mit respektablen Dimensionen, die jedoch Marien-Kapelle genannt wird. Zwischen den Pfeilern sehen Sie Apostelfiguren. Den seitlichen Eingang, der aber traditionell der Haupteingang ist, flankieren die Riemenschneiderfiguren Adam und Eva. Um sie vor den Witterungs- und anderen Umwelteinflüssen zu schützen, hat man die Originale im Mainfränkischen Museum auf der Festung Marienberg untergebracht. Was wir hier vor uns haben, sind halbwegs gelungene Repliken. Was auf diesem Marktplatz jedoch überhaupt nicht gelungen ist, ist dieser Glas- und Stahlbau über den permanenten Marktbuden. Er zerschlägt jede Harmonie, stört jegliche Blickachse und wird – abgesehen von unserem Herrn Stadtbaurat – von jedermann als häßlich, überflüssig und als teures Krebsgeschwür betrachtet. Der Würzburger Kunsthistoriker Professor Dr. Stefan Kummer kritisierte unter anderem die ‚kompakte Masse’ dieser offenen Markthalle mit ihrer ‚sichtverstellenden Transparenz’. Ich zitiere weiter: ‚Oft ist der persönliche Geschmack der tonangebenden Persönlichkeiten von Ausschlag gewesen’. Meine Damen und Herren, in dieser Stadt mißlang und mißlingt so vieles Architektonisches – es ist eine Katastrophe!“

Eckard Mais redete sich in Rage. Er zog noch über andere verunstaltete Bauten und verschiedene Genehmigungen von Bauvorhaben her, die ihm als Kunsthistoriker mißfielen. Am Stadtbaurat ließ er kein gutes Haar. „Und dann die Kungelei! Die Stadtsparkasse darf bauen, wie sie will. Die katholische Kirche, die enorme Flächen, sprich Gebäude, in der Innenstadt besitzt, darf bauen, wie sie will. Die Stadt selbst läßt ihre Stadtwerke sich austoben, wie sie wollen. Aber der normale Bürger oder Geschäftsmann wird gegängelt. Jede Dachgaube, jedes Hinweisschild oder jede Reklametafel, muß genehmigt werden und kostet Gebühr. Da redet jeder Amtsheini wichtigtuerisch hinein. Wer zwei Tische als ‚Terrasse’ auf den Gehweg stellen will, muß bittstellerisch auf Amtsstuben laufen, auf Genehmigung hoffen und darf dann jährlich Gebühren bezahlen. Wenn ein Buchladen schließt und ein Stehcafé in den Räumen aufmachen will, muß es Parkplätze ablösen, weil das eine Nutzungsänderung ist. Also, allein der Wechsel vom Buchladen zum Stehcafé erfordert neue Parkplätze. Man stelle sich vor, in zwei Geschäften direkt nebeneinander sind ein Buchladen und ein Stehcafé und beide schließen, und im Buchladen will jemand ein Stehcafé aufmachen und im ehemaligen Stehcafé soll zukünftig ein Buchladen sein, dann müßten beide plötzlich Parkplätze herbeizaubern, obwohl es die in der Fußgängerzone natürlich nicht geben kann, sonst wäre es ja auch keine Fußgängerzone. Oh, unsere Stadtfürsten!“ Eckard Mais war in Fahrt.

Er beruhigte sich erst wieder, als er sich anschickte, mit seiner Gruppe die Marienkapalle zu betreten. „Bevor wir die Marienkapelle betreten, erläutere ich Ihnen zunächst die Einzelheiten des Seitenportals. In erster Linie sind es die beiden Steinskulpturen von Adam und Eva, die der Würzburger Bildhauer Tilmann Riemenschneider geschaffen hat. Im November 1490 beschloß der Stadtrat, die dort stehenden, etwas derben Figuren des ersten Menschenpaares ins Innere der Kirche zu versetzen und ein neues Paar von ‚Meister Tyln zirlichen haun zu lassen’. Da Riemenschneider aber mit Arbeit stark eingedeckt war, verzögerte sich der geplante Aufstellungstermin, der für Juli 1492 vorgesehen war. Schnell und flexibel wie Stadträte früher offensichtlich auch schon waren, debattierte das Gremium im darauffolgenden Dezember (!), ob Adam mit oder ohne Bart dargestellt werden solle. Wie Sie sehen, trägt unser Stammvater keinen Bart. Am September 1493 war Riemenschneider fertig und erhielt statt der vereinbarten hundert Gulden sogar hundertzwanzig, weil Adam und Eva so ‚meysterlich künstlich zittlich und ehrlich gemacht’ seien.“

Vom Sonnenlicht hinein ins Dunkel der Marienkapelle: Natürlich zeigte Eckard Mais den Gästen auch die Gedenktafel zu Ehren von Balthasar Neumann zu allererst. Architektur war bei den Stadtführungen das Lieblingsthema des Stadtführers. „Ist Stadtführer Ihr Hauptberuf?“ fragte einer der Gäste. „Nein, nein“, wehrte Eckard Mais eifrig ab, “ich bin Kunsthistoriker! Ich arbeite zur Zeit an verschiedenen Veröffentlichungen und Aufsätzen über klassische Architektur, vor allem Architektur des 16. bis 19. Jahrhunderts und die Widerspiegelung der Naturgesetze in den Bauwerken – innere Harmonie, die sich im Äußeren manifestiert, Sie verstehen?“

Draußen eilte ein Grüppchen eifrig schwatzender, kleidungstechnisch jedoch unscheinbarer Männer vorbei. „Stadträte“, wie eine bratwurstkauende Frau an Knüpfings Bratwurststand einer Bekannten vom Land erklärte. Die Herren eilten Richtung Rathaus, wo in wenigen Minuten eine Stadtratssitzung beginnen sollte. Es ging um die nachträgliche Änderung von Bebauungsplänen, um die neue Regenwasserauffanganlagen- und -nutzungsverordnung und um die Erschließungskosten einer Straße in einem Main-Seitental, die zwar seit über hundert Jahren erschlossen, kanalisiert, geteert usw. war, aber jetzt plötzlich luxussaniert werden sollte. Daß die emsige Oberbürgermeisterin dazu eine sogenannte Tischvorlage präsentieren würde, wußte das Stadtratsgremium in diesen Minuten noch nicht. Ein weiterer Stadtrat, der sogar mehrere Wahlperioden lang stellvertretender Bürgermeister war, bevor man ihn mies abkanzelte, radelte quer über den Marktplatz. Als er auf Höhe des Photo-shootings war, blitzte es. Verschreckt und überrascht zuckte er zusammen, drehte reflexartig seinen Kopf hin zur Szenerie, verlor für einen Augenblick die Balance und wäre beinahe mit seinem Fahrrad in den Gemüsestand eines Gochsheimer Bauern gestürzt.

Das Photographieren im Freiluftstudio beobachtete ein anderer Mann aus diskreter Entfernung in aller Ruhe. Er war unauffällig gekleidet und stand so, daß er genau erkennen konnte, was WDW alles anstellte, um die Oberbürgermeisterin ideal auf den Film zu bannen. Es war Hauptkommissar Dieter Schmalz, der die Szenerie analytischdetektivisch betrachtete. Welche Blitzleuchten verwendet der Konkurrent, welchen Aufhellschirm, welches Stativ, wieviele Aufnahmen schießt er? Bald würde er ähnliche Aufträge übernehmen. „Das bringt Bekanntheit und gute Publicity“, dachte er sich, „abgesehen von der Kohle.“ Obwohl ihm der Sinn mehr nach Aktphotographie stand, wußte er, daß Werbeaufnahmen auch ihren Reiz haben. Vielleicht ließe sich ja etwas kombinieren? Bei diesem Gedanken mußte er still in sich hineinlachen, als er die gedankliche Verbindung OB Petra Becker und Aktphotographie schuf.

Quer über den Marktplatz hastete jetzt Eckard Mais Richtung Rathaus. Die Führung war zuende, und er wollte unbedingt die Stadtratssitzung verfolgen. Ein wenig Trinkgeld klimperte in seiner Tasche. Als er den Lichtbildkünstler WDW erblickte, rief er ihm zu: „Gut Licht! Ist überhaupt ein Film drin?“ Über diesen ältesten aller Photographenwitze konnte WDW schon lange nicht mehr lachen, aber er grüßte zurück, peilte dann noch einmal die blauen Augen von Petra Becker an und löste ein paar Mal aus. Dann war der Spuk vorbei.

Als WDW Kamerastativ, Scheinwerfer, Holzkiste und weitere Utensilien zusammenräumte, um sie in sein Auto zu verladen, war die Oberbürgermeisterin schon grußlos gen Rathaus entschwunden. In dieser Stadtratssitzung würde sie das umsetzen, was ihr Ehemann ausgearbeitet hatte: die Stadtentwicklungsgesellschaft, deren Vorsitzende sie bald sein würde, auf den Weg zu bringen und die Weichen für das Brain-pool-Projekt zu stellen, ohne es heute schon konkret zu benennen. Mit einem taktischen Überrumpelungsplan würde sie sich die Zustimmung des Stadtrates holen. Dem obligatorischen Raumordnungsverfahren, das zu gegebener...