Interpretation. Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen: Der abentheuerliche Simplicissimus - Reclam Interpretation

von: Peter J. Brenner

Reclam Verlag, 2009

ISBN: 9783159500447 , 43 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 2,49 EUR

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Interpretation. Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen: Der abentheuerliche Simplicissimus - Reclam Interpretation


 

Seine »Gesellschaftskritik« ist nahezu universal. Am heftigsten wendet sich Grimmelshausen gegen die älteste der ordnungsstiftenden Institutionen: die Kirche. Immer wieder zeigt sich Simplicisssimus überrascht, enttäuscht oder entsetzt über das Auseinanderfallen von Wort und Tat; der Feldkaplan »Dicis & non facis« (193) steht exemplarisch für diese Erscheinung. Daneben kritisiert Grimmelshausen selbstverständlich die Uneinigkeit der Konfessionen als eine stete Quelle des Streites und der Unsicherheit. Die Kritik ist eindeutig und handfest; sie ist im Leben der Zeit fundiert und kaum interpretationsbedürftig. Das gilt entsprechend für Grimmelshausens Adelskritik, die gleich zu Beginn des Romans an exponierter Stelle auftritt. Die »Ständebaum«-Allegorie, welche den Adel als Parasiten und das einfache Volk, insbesondere das Bauerntum, als Grundlage der Gesellschaft und des Wohlstandes vorstellt, ist freilich konventionell und steht in einer langen Tradition.

Eine generelle Aufwertung des Bauernstandes, wie sie gelegentlich behauptet wurde, lässt sich aus ihr nicht ableiten, wohl aber eine Umwertung der realen Gesellschaftsordnung. Auch die Sicherheiten des einfachen bürgerlichen Lebens, dessen Darstellung Alewyn im Roman zu Recht vermisste, üben keinen Reiz auf Simplicissimus aus. Der Versuch, eine Familie und einen Hausstand zu begründen, scheitert kläglich; und regelmäßige Arbeit ist seine Sache auch nicht: Er verlässt Moskau schleunigst, als dort alle Fremden zur Arbeit verpflichtet werden sollen (vgl. 533).

Von besonderem Interesse ist die noch nicht hinreichend untersuchte Rolle des Geldes im Simplicissimus: Es gibt wohl keinen Roman in dieser Zeit, in dem so viel vom Geld die Rede ist; von Geld aber, das nicht erarbeitet wird und das seinem Besitzer auch nicht jene Sekurität der Lebensführung zu verleihen mag, nach der er strebt – es wird gewonnen und verloren, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen. Zentrale Aspekte des gesellschaftlichen Alltagslebens werden von Grimmelshausen also nicht nur vernachlässigt, sondern bewusst als Möglichkeiten der Lebensführung abgewiesen – übrigens ganz im Gegensatz zu Grimmelshausens Biographie –; als ordnungsstiftende Momente kommen sie offensichtlich nicht in Frage.

Ähnlich verhält es sich mit der Sphäre des Staates, dessen Etablierung und Konsolidierung eine der wesentlichsten und zukunftsprägenden Leistungen der frühen Neuzeit war. Grimmelshausen steht der »Idee der Staatsräson« eindeutig ablehnend gegenüber. Im Simplicissimus wird nur vereinzelt auf sie angespielt. Grimmelshausen lehnt die Mittel ab, welche die neuzeitliche Staatstheorie für die Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung angeboten hat. Nicht Lug und Trug, auch nicht List und »Klugheit« sind die Maximen, an denen sich der Herrscher orientieren soll, sondern das Staatsideal ist nur erreichbar auf der Basis religiöser Normen. An diesem Ideal wird der aktuelle Staat des 17. Jahrhunderts gemessen, und vor ihm versagt er.

Die lange und satirische Lobrede von Simplicissimus’ Gegenspieler Olivier auf den Staat und seine Regenten wie auf die adlige Herrschaftsschicht stellt die Wirklichkeit des Staates der einer Räuberbande gleich, und Machiavelli wird als Eideshelfer für diese Auffassung herangezogen (vgl. 406 f.). Im 1670 erschienenen Ratio Status, einem der zwei Texte, die Grimmelshausen unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, wird er deutlicher: Dem Herrscher obliegt es, »seines Reichs [. . .] selbst Erhaltung und Wohlstand zubeobachten«; er darf sich dabei aber nur der von Gott und der Natur legitimierten Mittel bedienen und nicht den »Machiauellischen gottlosen Regeln« folgen.