Das Glück kam immer zu mir - Rudolf Brazda - Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich

von: Alexander Zinn

Campus Verlag, 2011

ISBN: 9783593416328 , 356 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 26,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Das Glück kam immer zu mir - Rudolf Brazda - Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich


 

3.6 Untersuchungsgefängnis Leipzig Rudolf wird vom Gefängniswärter in eine Einzelzelle geführt. Mit einem dumpfen Schlag fällt die schwere Stahltür ins Schloss. Noch lange hat Rudolf das klirrende Geräusch des Schlüsselbundes im Ohr, mit dem der Wärter die Tür verschließt. Er hat mit allem gerechnet, insgeheim aber immer noch gehofft, mit seiner Verteidigungsstrategie durchzukommen. Seit Tagen hat er sich auf ein Verhör vorbereitet. Und hat er sich nicht wacker geschlagen? Wie mit Werner besprochen, hat er alles geleugnet. Warum nur wird er nun verhaftet? Was hat die Kripo gegen ihn in der Hand? Rudolf legt sich auf die schmale Pritsche, die seine Zelle fast ganz ausfüllt. An Schlaf ist nicht zu denken. Tausend Fragen schwirren ihm im Kopf herum. Wie wird es jetzt wohl Werner ergehen? Hat man ihn auch schon verhaftet? Was hat Moritz Engelhardt der Polizei erzählt? Kann er etwas verraten haben? Hat man auch Ernst oder Hans befragt? Und was ist mit Reini Winter? Er sitzt schon seit drei Wochen im Gefängnis. Hat er inzwischen etwas ausgeplaudert? Der Kriminalbeamte scheint einiges zu wissen. Doch was genau? Als Rudolf am nächsten Morgen aus seiner Zelle geholt wird, weiß er nicht, ob er überhaupt geschlafen hat. Benebelt und verwirrt wird er in einen kahlen Raum geführt, spärlich möbliert mit einem kleinen Tisch und zwei Stühlen. Dort wartet bereits der Kriminalbeamte, der ihn verhaftet hat. Doch der gestern noch so harte und grantige Feldmann wirkt heute wie ausgewechselt. Er gibt sich verständnisvoll, stellt seine Fragen in einem ruhigen, geradezu sanften Ton: »Denk mal, die Kriminalbeamten waren schon im Amt, als der Paragraph 175 noch nicht angewendet wurde, und später mussten sie uns deshalb ausquetschen. Sie mussten machen, was die Nazis wollten. Sie haben uns ausgefragt, obwohl sie alles wussten, und dann eingesperrt. Ich sitze hier und der Beamte mir gegenüber, ich hatte meine Hand so auf dem Tisch und er hat seine Hand auf meine gelegt und anständig geredet mit mir: ?Schade, ich muss meine Pflicht tun, du kannst jetzt erzählen, wenn du schwindelst, das kommt doch raus, also sag die Wahrheit.? Es war seine Pflicht, uns zu vernehmen, und die mussten das Protokoll auch abgeben, damit die wissen, was drin steht. So habe ich das empfunden. Die Beamten waren anständig gewesen, das hatte mit der SS nichts zu tun. Die haben vielleicht die SS auch gehasst. Wenn die ihren Posten aufgegeben hätten, hätten die Nazis gesagt, das ist auch so ein verdammter Sozialist.«63 Natürlich hat dieses Vorgehen taktische Gründe. Feldmann will Rudolfs Vertrauen gewinnen und ihn so zu einem Geständnis bewegen. Doch Rudolf lässt sich nicht so einfach um den Finger wickeln. Er bleibt bei seiner Strategie des Leugnens. Auch auf gutes Zureden hin behauptet er gegenüber Feldmann, es sei »nicht wahr, dass ich und der Bilz gleichgeschlechtlich veranlagt sind«. Der Kriminalbeamte versucht es wieder mit Härte. Nach und nach konfrontiert er Rudolf mit den Ergebnissen der Ermittlungen gegen Winter und Eberhardt. Er fragt nach den gemeinsamen Ausflügen nach Leipzig. Rudolf beteuert, man sei nicht dorthin gefahren, »um homosexuelle Bekanntschaften« zu machen. Auch seien immer Mädchen dabei gewesen, so zum Beispiel Elfriede Weißgerber. Ins Schlingern kommt Rudolf schließlich, als Feldmann nach seinem weiblichen Spitznamen fragt. Er gesteht zu, dass er »in Freundeskreisen immer Inge genannt worden« sei. Er habe das »erst als Spaß aufgefasst«. Später hätten sich aber »die Bewohner des Grundstückes in der Weinbergstraße aufgeregt und ich habe mich nicht mehr Inge nennen lassen«. Überhaupt sei immer viel »gealbert worden, wenn Freunde zu Besuch da waren«. Feldmann gelingt es, Rudolf in die Enge zu treiben. Nachdem er ihn mit Engelhardts Aussagen konfrontiert hat, räumt Rudolf schließlich auch ein, dass er »im Scherz [...] wohl auch den Bilz mal mit geküsst« und sich »bei ihm auf Spaziergängen eingehenkelt« habe. Rudolf insistiert jedoch, dass er sich damit nur »einen Ulk gemacht habe«. Der Kriminalbeamte hakt weiter nach, fragt, ob er Bilz denn nicht »seine Frau« genannt habe. Rudolf macht hier ebenfalls Zugeständnisse und erklärt, es sei »auch richtig, dass ich gesprächsweise gesagt habe, der Bilz komme mir wie eine Frau vor. Sein ganzes Benehmen und sein Aussehen war auch stark weibisch betont. Bilz war zart und in seinem Auftreten überhaupt nicht energisch«. Das reicht! Kriminalassistent Feldmann kann sich zufrieden zurücklehnen. Mit dem Kuss hat er Brazda das Geständnis einer strafbaren Handlung entlockt. Und er hat einen Keil zwischen Rudolf und Werner getrieben: Dass sich Rudolf aus taktischen Gründen gezwungen sieht, auf Distanz zu Werner zu gehen, muss ihn zutiefst getroffen und demoralisiert haben. Zum Abschluss dieser zweiten Vernehmung beteuert er zwar nochmals, sich »weder mit Bilz noch mit anderen Männern homosexuell eingelassen«, sondern vielmehr »nur Neigung für das weibliche Geschlecht« zu haben. Der erfahrene Kripo-Beamte Feldmann hat mit seiner Taktik jedoch einen ersten Erfolg verbuchen können. Selbstsicher resümiert er im Vernehmungsprotokoll: »Brazda beteuerte immer wieder, dass er sich keiner strafbaren Handlung bewusst sei. Allerdings hat Brazda das typische Aussehen der homosexuell veranlagten Männer.«64 Feldmann beendet die Vernehmung. Rudolf lässt er dem Amtsrichter vorführen. Das Geständnis des Kusses reicht aus für einen Haftbefehl. Der Richter notiert, Brazda sei dringend verdächtig, »in der Zeit von 1935 bis 1937 mit Werner Bilz in Meuselwitz Unzucht getrieben zu haben«. Es bestehe Verdunklungsgefahr, weil zu befürchten sei, »dass er sich mit den anderen Angeschuldigten über seine Aussagen verständigt«.65 Rudolf wird damit offiziell in Untersuchungshaft genommen. Ein Wärter bringt ihn zurück in seine Zelle. Rudolf würde am liebsten schreien vor Wut und Verzweiflung. Er macht sich Vorwürfe, fühlt sich wie ein Verräter. Doch was hat er gesagt? Hat er sich und Werner wirklich belastet? Ist es verboten, einen Mann zu küssen? Es kann gut sein, dass Rudolf damals nicht bewusst ist, dass schon das Geständnis eines Kusses strafrechtliche Relevanz hat. Eines jedoch ist ihm klar: Rudolf spürt, das ihm großes Unrecht widerfährt. In seiner Zelle schreibt er einen Brief an seine Mutter, in dem dies deutlich anklingt: »Ich muss Dir die Nachricht zukommen lassen, dass mir was Entsetzliches zugestoßen ist. Ich bin hier ins Untersuchungsgefängnis 1, Leipzig Moltkestraße 47 eingeliefert worden. Ich denke wegen der Sache Moritz Engelhardt, und nun fragen sie auch mich, ob ich in geschlechtlichen Beziehungen mit dem Werner Bilz, der mit bei Frau Mahrenholz gewohnt hat, gestanden habe. Liebe Mutter, bete für mich, ich bin so unglücklich, ich kann es nicht fassen, dass so etwas Entsetzliches auch einem ehrlichen Menschen zustoßen kann.« Den Brief bekommt Anna Brazda allerdings nie zu Gesicht. Der Leipziger Untersuchungsrichter beschlagnahmt ihn, »weil er in gutgläubiger Weise auf Mittäter hinweist«, wie es in einem Vermerk vom 12. April 1937 heißt. Es ist das kleine Wörtchen »auch«, aus dem der Untersuchungsrichter Großes herauszulesen meint. Dass Rudolf schreibt, »auch« er sei »nach geschlechtlichen Beziehungen mit dem Werner Bilz« gefragt worden, will der Untersuchungsrichter als Hinweis darauf deuten, dass auch Eberhardt mit Bilz sexuell verkehrt habe. Tatsächlich kann Rudolf nicht wissen, ob man Moritz zu geschlechtlichen Beziehungen mit Werner befragt hat. Doch der Untersuchungsrichter überschätzt die Bedeutung einer hastig niedergeschriebenen Formulierung. Tatsächlich spielt die Frage geschlechtlicher Beziehungen zwischen Moritz und Werner in den weiteren Ermittlungen auch keine Rolle mehr. Rudolfs Brief bleibt jedoch beschlagnahmt. Erst Ende April wird Anna Brazda von der Polizei über die Verhaftung ihres Sohnes informiert.66