Shadow of Love - Gefährliche Begierde - Roman

von: Rosemary Rogers

venusbooks, 2017

ISBN: 9783958855595 , 534 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 4,99 EUR

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Shadow of Love - Gefährliche Begierde - Roman


 

1. Kapitel


Anne sah dem Schnee zu, der in weißen Fetzen über den dunklen Garten peitschte, um dann gegen die Fenster zu klatschen. Das Feuer, das im Kamin brannte, ließ groteske Schatten über die Tapeten tanzen. Sie beobachtete den Schneesturm durch das große Fenster. Ohne Zweifel würden die entfesselten Elemente die elektrischen Drähte herunterreißen und die Straßen blockieren.

Es muss entsetzlich kalt sein draußen, dachte sie und schauderte unwillkürlich. Doch diese beißende Kälte war ganz anders als die dumpfe, starre Kälte in ihrem Innersten. Das war eine Kälte, die der Gefühllosigkeit gleichkam.

Warum es nicht beim Namen nennen? Sie war frigide. Sie hatte das gewusst, lange bevor Craig es je ausgesprochen hatte. Schon ganz am Anfang, als er noch geduldig gewesen war und sie spaßeshalber »mein kleiner Eiszapfen« genannt hatte. Er hatte ihre Teilnahmslosigkeit auf die Tatsache zurückgeführt, dass er eine Jungfrau geheiratet hatte, und hatte sich zu Beginn viel Zeit genommen, um ihr zu helfen, »sich zu lösen und lockerer zu werden«.

Nun, sie hatte es versucht, am Anfang. Aber wenn sie mehr als üblich trank, wurde ihr lediglich schlecht. Und die einschlägigen Filme, die sie sich mit Craig angesehen hatte und von denen alle so schwärmten, hatten sie nur angewidert. Wenn er nachher versucht hatte, mit ihr zu schlafen, war sie noch verkrampfter gewesen.

»Anne! Was ist los mit dir? Was brauchst du, das ich dir nicht gebe? Verdammt, ich bin schließlich dein Mann. Warum wirst du zu Eis, sobald ich dich berühre?«

Sie wusste es nicht. Sie verstand es selber nicht, wie hätte sie es ihm erklären können? Es war etwas nicht Bestimmbares, auf das sie keines der Ehehandbücher, die sie pflichtbewusst gelesen hatte, vorbereitet hatte; etwas war in ihr, das nicht entdeckt werden wollte – war es vielleicht das Wiederaufleben des Albtraums ihrer Kindheit, den sie bei sich »Der Traum« nannte?

Der Sturm ließ nach. Während der Wind klagend in die Kamine fuhr und in einem letzten entnervten Anlauf ums Haus herum tobte, richtete sich Anne im Stuhl auf und zog die nackten Füße unter sich, entschlossen, das Vergangene noch einmal zu durchleben.

Die Diskussionen mit Craig waren zu einem handfesten Krach ausgeartet. Sie hatte zurückgegeben, hatte Craig gesagt, sie wäre nicht die richtige Frau für einen Politiker, sie wüsste nicht genug und wolle vieles auch gar nicht wissen.

»Was willst du dann, Anne? Was, zum Teufel, machst du den lieben langen Tag, während ich mich im Büro abrackere?«

»Ich … ich lese viel. Ich gehe in die Museen und Galerien, und manchmal sehe ich mir einen alten Film an. Es gibt so vieles, über das ich nichts erfahren habe in den Schulen, in die mein Vater mich gesteckt hat. Was ich will? Ich glaube, ich will vor allem mehr über mich selbst erfahren, Craig. Ich will das wirkliche Leben kennen lernen, das Leben in Freiheit. Ich bin jetzt einundzwanzig und bin mein Leben lang in Schulen gegangen, die mich nichts über das Leben gelehrt haben.«

»Du gehst nicht mehr zur Schule, Anne. Du bist mit mir verheiratet …«

»Du gibst mir das Gefühl, als ginge ich auch jetzt wieder zur Schule. Ständig versuchst du, mich zu belehren. Merkst du das nicht? Mich zu führen, mich nach dem Muster umzumodellieren, das deinen Vorstellungen von deiner Frau, Mrs. Craig Hyatt, entspricht. Verstehst du das nicht? Ich will nicht nur Mrs. Craig Hyatt sein. Ich will manchmal auch Anne Mallory sein – ein eigenständiger Mensch.« War das wirklich Anne gewesen, die das gesagt hatte? Die ihm diese Worte beinahe ins überraschte Gesicht geschrien hatte?

Danach waren sechs Monate Analyse gekommen. Auf Craigs Wunsch, er wollte ihre Ehe retten. Lustigerweise hatte die Behandlung bei Dr. Robert Haldane, der sie »heilen« und ihr helfen sollte, »zur Vernunft zu kommen«, wesentlich zum Scheitern ihrer Ehe beigetragen. Sie dankte Gott für Dr. Haldane, der ihr geholfen hatte, die Dinge so zu sehen, wie sie waren. Nachdem sie sich anfänglich voll Groll und Misstrauen gegen alles gesträubt hatte, hatte Anne schließlich erkannt, dass der Arzt ihr wirklich helfen wollte. Zuerst war sie nur einmal in der Woche zu ihm gegangen – dann dreimal.

»Alle Entscheidungen hat jemand anders für Sie getroffen, nicht wahr, Anne? Jetzt ist es höchste Zeit, dass Sie das selber tun. Versuchen Sie es. Es wird nicht ohne Schmerzen abgehen, aber auch der Schmerz gehört zum Leben. Handeln Sie, Anne, statt dazusitzen und nachzudenken.«

Vielleicht hatte sie darum so schnell darauf angesprochen, weil Dr. Haldane nur bekräftigte, was sie im Innersten bereits gewusst hatte. Sie war in der heutigen Zeit eine Art Anachronismus. Sie hatte weniger Erfahrung, als die meisten Mädchen mit sechzehn hatten. Sie hatte nie ein Rendezvous gehabt, war nie bei einem Fußballmatch oder einem College-Ball gewesen, hatte sich, bis sie Craig heiratete, nie irgendwohin gewagt.

Plötzlich hatte sie Lust, allein nach Europa zu fahren. Kurz nachdem sie das Mädchenpensionat in der Schweiz verlassen hatte, war sie zum letzten Mal dort gewesen. Craigs Eltern, Freunde ihres Vaters, hatten sie abgeholt, um sie auf eine Kreuzfahrt um die Welt mitzunehmen. Craig war mit von der Partie gewesen – gut aussehend, erwachsen, weltmännisch –, sie hatte sich beinahe sofort in ihn verliebt. Seine Aufmerksamkeiten schmeichelten ihr. Er war ein viel versprechender junger Anwalt gewesen und hatte vor, später eine politische Laufbahn einzuschlagen. Der Gedanke, in Washington eine eigene Wohnung zu haben und viele interessante Leute kennen zu lernen, war ihr damals aufregend und verlockend vorgekommen.

Craig war ganz einfach nicht der richtige Mann gewesen, darum hatte sie ihn verlassen, darum war sie hier in Deepwood, im Hause ihres Vaters, und wartete auf dessen Rückkehr. Sie musste ihm sagen, dass sie Craig verlassen hatte und sich scheiden lassen wolle. Sie hatte das Geld ihrer Mutter aus dem Fonds, den ihr Großvater hinterlassen hatte, und das war mehr als genug.

Freiheit! Seltsam, um ihren Vater zu sehen und ihm zu sagen, was sie vorhatte, hatte sie in seinem Büro anrufen und ein Rendezvous abmachen müssen. Die unpersönliche männliche Stimme am andern Ende des Drahtes hatte leicht vorwurfsvoll geklungen.

Nun, im Grunde war es ihr gleichgültig, was er sagen würde, sie war lediglich hier, um es ihm zu sagen, ihm entgegenzutreten; erst dann würde sie wirklich frei sein.

Vielleicht war es die Ruhe nach dem heulenden Sturm, die sie schließlich einschlafen ließ. Als Anne mit steifen Gliedern in dem unbequemen Schaukelstuhl, in dem sie sich zusammengekuschelt hatte, erwachte, schien die Sonne wieder. Nach dem tosenden Sturm des Vorabends war es nun windstill. Die entlaubten Äste zeichneten sich gestochen scharf am tiefblauen Himmel ab. Alles draußen schien ursprünglich, frisch und neu, während in ihrem Zimmer noch der leichte Rauchgeruch des erloschenen Feuers lag. Es schien ihr plötzlich wichtig, hinauszugehen, die rein gewaschene Luft einzuatmen und sich von der Kälte Farbe ins Gesicht peitschen zu lassen.

In ihrem Zimmer war es gemütlich warm geblieben, und als sie im Bad die Dusche andrehte, hatte es heißes Wasser im Überfluss. Die über Wärmstäbe gehängten Badetücher schmiegten sich weich an ihre Haut.

Anne duschte rasch, schlüpfte dann in eine uralte Hose und einen überlangen, weiten Pullover und zog eine Skijacke über. Kein Make-up – Craig war nicht da, um zu protestieren –, wenn sie mit dem Kamm durch ihr babyfeines, gerades Haar fuhr, genügte es. Schließlich ein Kopftuch, um die Ohren vor der Kälte zu schützen. Anne warf einen raschen Blick auf ihr Spiegelbild, als sie die pelzgefütterten Handschuhe überstreifte. Blasse Haut, zu wenig Sonne. Tiefblaue Augen mit dunklen Ringen darunter. Langes, gerades, hellblondes Haar. Sie schnitt sich selbst eine Grimasse und rümpfte die Nase. Es war niemand da, der darauf achtete oder protestierte. Craig hatte aus ihr eine Modepuppe machen wollen, das Haar, das Make-up, die Kleider, alles musste immer perfekt sein. Es war schön, wieder sie selbst zu sein.

Draußen war ein leichter Wind aufgekommen. Anne kniff die Augen zusammen, geblendet von dem von den Schneeverwehungen zurückstrahlenden Sonnenlicht. Sie zögerte einen Augenblick. Sie wünschte, sie hätte daran gedacht, eine Sonnenbrille aufzusetzen. Dann zuckte sie die Schultern, sog die frische Luft ein, nur noch bestrebt, das große elektrifizierte Tor hinter sich zu bringen, das Deepwood mehr zum Gefängnis als zum Zuhause gemacht hatte. Sie fühlte ihr Herz höher schlagen, als sie das Tor hinter sich zufallen hörte. Gott, es war herrlich, frei zu sein!

Anne ging den Hügel hinunter, ohne bestimmtes Ziel, nur um zu gehen, so lange sie Lust dazu hatte. Bis jetzt war sie immer angetrieben worden; nun war es anders. Ihre Beine schritten weit aus, ihre Muskeln streckten sich in der ungewohnten Freiheit.

Die Schneepflüge waren noch nicht bis hier herauf gekommen, aber ehe sie es sich versah, hatte sie auf holprigen, von einem niedrigen Steinmäuerchen gesäumten Seitensträßchen den Stadtrand erreicht. Da sah sie das Plakat; sie wäre vorbeigegangen, ohne ihm Beachtung zu schenken, wäre ihr nicht der in roten Lettern hervorgehobene Name ins Auge gestochen.

Miss Carol Cochran in der ersten Vor-Broadway-Hauptprobe von … Plötzlich war Annes Neugierde geweckt. Das Stück hieß Bad Blood, und Anne erinnerte sich nun schwach, etwas darüber in einer der Zeitschriften in Dr. Haldanes Wartezimmer gelesen zu haben. Wenn Carol eine neue Rolle annahm, gab das immer zu schreiben, und dieses Stück war von einem der viel versprechendsten jungen Theaterautoren verfasst worden und bereits zur Verfilmung...