Was wir heute wissen müssen - Von der Informationsflut zum Bildungsgut - Ein SPIEGEL-Buch

von: Joachim Mohr, Norbert F. Pötzl, Johannes Saltzwedel

DVA, 2011

ISBN: 9783641062897 , 240 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 7,99 EUR

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Was wir heute wissen müssen - Von der Informationsflut zum Bildungsgut - Ein SPIEGEL-Buch


 

Eine Welle in Zeitlupe (S. 150-151)

Experimentiermuseen wollen Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften und Technik begeistern. Anfassen und Mitmachen sind Pflicht, Spaß soll zum Lernen verführen.

Von Joachim Mohr


Gebannt blicken ein Vater und sein vielleicht zehn Jahre alter Sohn auf die Feuersäule, die sechs Meter hoch in die Luft schießt und sich dabei wie ein Tornado brausend um sich selbst dreht. »Boaahhh!« Ein jugendliches Pärchen quietscht vor Vergnügen in einem Raum, in dem Schwerkraft und Gleichgewicht scheinbar aufgehoben sind: Was aufrecht ist, wirkt schief, was schief ist, wirkt gerade. Warum rollt der Ball nach oben? »Uuhh!« Still und konzentriert sitzen zwei Mädchen, sie tragen Stirnbänder mit Sensoren am Kopf, an einem Tisch und versuchen allein durch ihre Gehirnströme, einen Ball zu steuern.

Wie von Geisterhand bewegt sich die Kugel. »Pssst!« Fast verzweifelt greift eine Frau immer wieder in die Öffnung eines koffergroßen Kastens: Sie sieht eine faustgroße Stahlfeder, doch fassen kann sie nichts – der Raum ist leer. »Iiiiih!« »Ich bin schneller!«, jubelt ein Schüler, der beim Reaktionstest mit seiner rechten Hand immer wieder blitzartig auf farbig leuchtende Knöpfe patscht. »Juhuu!« Staunen, ausprobieren, spielen, erkunden, entdecken, auf die Spur kommen: An rund 300 Mitmach-Stationen können die Besucher im Phaeno, in Deutschlands größtem und mit 79 Millionen Euro Baukosten teuerstem Wissenschaftsmuseum, ihre Sinne schulen und ihre Erkenntnis fördern. Rund 240 000 Wissbegierige pilgern seit 2006 jedes Jahr nach Wolfsburg, um in der auf sieben Meter hohen Säulen thronenden gigantischen Experimentierwerkstatt ihren Spaß zu haben – und vielleicht etwas zu lernen.

Science Center nennt sich diese moderne Form des Museums, die in den vergangenen Jahrzehnten die Welt erobert hat. Dort werden keine Heiligtümer hinter Glas präsentiert, es finden sich keine Schilder »Bitte nicht berühren«. Statt des Mottos der alten Museumspädagogik »Staunen mit den Augen«, gilt der Schlachtruf »hands on!«, »anfassen, anpacken, Hände drauf«! »Bei uns gibt es keinen Oberlehrer, kein bestimmter Weg ist vorgegeben«, sagt Wolfgang Guthardt, Initiator und Direktor des Phaeno. »Es geht darum, Spaß zu haben, neugierig zu werden, Fragen zu stellen.« Vergnügen soll in Lernen übergehen.

In der Zeit des Jahrtausendwechsels wird überall die globale Wissensgesellschaft beschworen, die intellektuellen Anforderungen in einem umkämpften Arbeitsmarkt wachsen, moderne Technik erobert weite Bereiche unseres Alltags. Der Pisa-Schock des Jahres 2000, der deutschen Schülern im internationalen Vergleich höchstens mittelmäßige Leistungen attestierte, verunsichert bis heute die deutsche Gesellschaft. So hoffen Politiker, Pädagogen und Eltern, mit Science Centern vor allem in den jungen Köpfen das Verständnis für die Naturwissenschaften zu wecken und die Lust an Technologien zu entfachen.