Wir sind die Guten - Kriminalroman

von: Dora Heldt

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2017

ISBN: 9783423431569 , 512 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Mac OSX,Windows PC geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 13,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Wir sind die Guten - Kriminalroman


 

Mittwoch, der 4. Mai,

leicht bewölkt, 16 Grad

Die meisten Unfälle passieren im Haushalt.« Inge blieb an der Tür stehen und schüttelte empört den Kopf. »Und genau deshalb habe ich diese teure Leiter gekauft. Sabine, die müssen Sie jetzt aber auch benutzen.«

»Bis ich die aufgestellt habe, ist das Fenster schon geputzt.« Lächelnd stieg Sabine Schäfer vom Stuhl und nahm den kleinen Eimer von der Fensterbank. »Schon fertig. Ohne Unfall.«

»Es ist mein Ernst.« Energisch ging Inge durch den Raum und schob den Stuhl zurück an den Tisch. »Dieser Stuhl ist erfunden worden, damit man sich drauf setzt, nicht stellt. Ich will nicht noch einmal sehen, dass Sie darauf balancierend die Fenster putzen. Sie sind doch hier nicht im Zirkus. So. Und jetzt kommen Sie, Kaffee ist fertig. Sie müssen unbedingt diese kleinen schwedischen Kuchen probieren. Rezept von Charlotte. Meine Schwägerin backt immer so besondere Sachen.«

Sabine folgte ihr langsam in die Küche, leerte den Eimer aus und wischte sich die Hände trocken, bevor sie sich setzte. »Frau Müller, Sie müssen sich doch nicht immer solche Mühe machen.« Ihr Blick wanderte über den gedeckten Tisch. »Ich bin ja kein Kaffeebesuch.«

»Na, zum Glück.« Inge goss Kaffee in die Tassen. »Wissen Sie, wie Charlotte und ich Sie nennen? Die Fee. Was ist dagegen ein langweiliger Kaffeebesucher?«

Sabine lächelte und nahm sich ein kleines Stück Kuchen vom Teller. Ein zufriedenes Lächeln huschte über Inges Gesicht. Sabine Schäfer war ja so ein Glücksgriff. Inge würde alles tun, um es ihr so schön wie möglich zu machen. Damit sie nur ja nie auf den Gedanken käme, ihre Tätigkeit im Hause Müller zu beenden, weil sie sich vielleicht in anderen Häusern wohler fühlte. Oder da weniger zu tun hatte. Inge hoffte inständig, dass so etwas nie passieren würde. »Und?«, fragte sie, während sie den Teller noch ein Stück näher zu Sabine schob. »Wie geht es Ihnen sonst so?«

»Danke.« Sabine hob den Blick und sah sie an. »Gut. Jetzt wird das Wetter ja auch noch schön, da hat man doch gleich bessere Laune.«

»Ja.« Inge nickte. »Für Mai ist es bis jetzt ja auch ganz schön kalt.« Sie machte eine Pause und wartete, bis Sabine in der nachfolgenden Stille das kleine Stück Kuchen aufgegessen und Kaffee getrunken hatte. »Haben Sie eigentlich für den Sommer irgendwelche Urlaubspläne?«

»Noch nicht.« Lächelnd schob Sabine ihren Teller von sich und sah Inge an. »Und wenn, dann sage ich Ihnen rechtzeitig Bescheid.«

»So war das gar nicht gemeint.« Inge hob die Hände. »Ich habe wirklich nur aus Interesse gefragt. Sie können natürlich jederzeit in den Urlaub fahren, Hauptsache, Sie kommen wieder.«

Sabine lachte. »Ich bin mit der Arbeit bei Ihnen sehr zufrieden, Frau Müller, Sie müssen sich nicht solche Gedanken machen. Aber jetzt muss ich mal auf die Uhr sehen. Ich habe nur noch eine Stunde und oben noch gar nicht angefangen. Danke für den Kaffee.« Sie stand schon und trug ihr Geschirr zur Spüle, bevor sie den Raum verließ.

»Die Leiter«, rief Inge ihr hinterher, dann nahm sie sich selbst ein Stück Kuchen und sah nachdenklich aus dem geputzten Fenster. Immer wieder hatte sie sich einen kleinen Plausch mit Sabine Schäfer erhofft. Aber die zog ihre Kaffeepause genauso effizient durch wie ihre Arbeit. Still und schnell. Und ohne Spuren zu hinterlassen. Davon abgesehen war sie ein Hauptgewinn. Inges Haus war noch nie so sauber gewesen wie in den letzten Monaten, in denen Sabine sich darum gekümmert hatte. Genauso war es bei ihrer Schwägerin Charlotte. Alle vierzehn Tage schwebte abwechselnd bei beiden die Fee durch und anschließend blinkte und blitzte es. Es war wie im Märchen. Nur Klatsch und Tratsch war ihrer Fee fremd. Das war das Einzige, was Inge bedauerte. Sie selbst war ja sehr kommunikativ. Aber sie konnte nicht alles haben.

Eine Stunde später wartete sie, bis Sabine ihre Schuhe gewechselt hatte und in ihre Jacke geschlüpft war, dann drückte sie ihr die vereinbarten Geldscheine in die Hand.

»Vielen Dank, meine Liebe, und dann bis in zwei Wochen.«

Sabine schob das Geld sorgsam in ihr Portemonnaie. »Danke auch, Frau Müller. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen. Bis zum nächsten Mal.«

Inge sah ihr nach, wie sie mit langen Schritten zur Bushaltestelle lief. Der Bus kam genau in dem Moment, in dem Sabine die Haltestelle erreicht hatte. Ohne sich noch einmal umzusehen, stieg sie ein. Dann fuhr der Bus ab. Inge blieb stehen, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. Sie wollte gerade die Haustür schließen, als sie das kleine rote Auto ihrer Schwägerin entdeckte. Charlotte fuhr langsam auf ihr Haus zu, blinkte vorschriftsmäßig und parkte neben der Auffahrt. Langsam stieg sie aus. »Hallo Inge, wartest du auf mich?«

»Nein.« Inge trat einen Schritt zurück und hielt die Tür auf. »Ich habe immer noch keine telepathischen Fähigkeiten, obwohl ich manchmal glaube, ich sei ganz dicht dran. Ich habe Sabine und dem Bus hinterhergesehen. Du hättest sie fast noch getroffen.«

»Ach? Ist das schon so spät?« Charlotte sah sofort auf die Uhr. »Tatsächlich. Ich habe mich so vertrödelt, stell dir vor: Beim Einkaufen habe ich den halben Chor getroffen. Erst Gisela auf dem Parkplatz, dann Onno an der Kühltheke, Helga beim Gemüse, und im Waschmittelgang stand dann auch noch Elisabeth. Da kommst du nicht durch, mit oder ohne Einkaufszettel, ich habe fast eine Stunde gebraucht.«

»Gibt es was Neues?«

Inzwischen war Charlotte eingetreten und hatte ihre Jacke an die Garderobe gehängt. »Nö. Nichts Besonderes. Es riecht hier so gut. Herrlich. Ich freue mich schon auf nächste Woche, da bin ich dann dran.«

»Kaffee?«

»Gern.«

Die Thermoskanne stand immer noch auf dem Küchentisch, Inge holte eine frische Tasse aus dem Schrank und setzte sich Charlotte gegenüber. »Ich mache ja jedes Mal eine ganze Kanne Kaffee«, sagte sie, während sie einschenkte. »Aber Sabine trinkt immer nur eine Tasse, isst eine Kleinigkeit, weil sie zu höflich ist, um abzulehnen, und dann springt sie auf und macht weiter. Kannst du dich mit ihr richtig unterhalten?«

»Was heißt richtig?« Charlotte inspizierte die kleinen Törtchen. »Sind die nach meinem Rezept? Da musst du mehr Zimt drauf machen.«

Inge schob ihr die Milch zu. »Ich meine, dass man mal ein bisschen länger klönt. So über Gott und die Welt. Aber sie ist so arbeitsam.«

»Ja, Gott sei Dank.« Charlotte sah sie überrascht an. »Inge, wir haben sie als Putzfrau engagiert. Nicht als Gesellschafterin. Und sie muss in drei Stunden fertig werden, da kann sie sich doch wohl nicht gemütlich in deine Küche setzen und über das dänische Königshaus reden.«

»Wieso das dänische Königshaus?« Inge hob irritiert die Augenbrauen. »Was ist denn mit denen?«

»Nichts«, winkte Charlotte ab. »Die fielen mir nur gerade ein. Weil du dich doch für die Königshäuser interessierst.«

»Du doch auch.«

»Inge, das war doch nur ein Beispiel.« Charlotte probierte das Törtchen und nickte anerkennend. »Schmecken sonst gut. Aber wie gesagt, oben drauf mehr Zimt. Jedenfalls bin ich froh, dass sie so schnell und zügig arbeitet. Du, das ist immer noch mein Albtraum: Irgendwann kommen Heinz und Walter früher aus der Sauna zurück und treffen auf sie. Mit dem Staubsauger in der Hand, da können wir dann auch nicht mehr sagen, dass sie nur Kaffeebesuch ist. Stell dir das mal vor!«

»Bloß nicht.« Inge schüttelte sich. »Ich hoffe nur, dass uns was einfällt, wenn das wirklich mal passiert. Wird schon. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Männer früher zurückkommen, geht gegen null. Sie ändern nie ihre Gewohnheiten. Und wenn, müsste richtig was passieren, dann wären sie im Krankenhaus. Und wir wären raus.«

Charlotte sah sie an. »Also Inge«, sie schüttelte den Kopf. »Manchmal bist du mir zu brutal. Krankenhaus. Du hast vielleicht Ideen.«

»Es sind keine Ideen.« Unbekümmert biss Inge in ein zweites Törtchen. »Ich habe manchmal Bilder im Kopf. Und das Bild von Walter und Heinz beim Zusammentreffen mit Sabine möchte ich dir gar nicht beschreiben. Haben Onno und Helga von ihrem Urlaub erzählt?«

»Nur ganz kurz.« Charlotte lächelte. »Dass sie ein sehr schönes Hotel hatten, von ihrem Zimmer aus auf die Ostsee sehen konnten und viel Fahrrad gefahren sind. Helga wird immer ein bisschen rot, wenn sie erzählt. Irgendwie niedlich.«

»Sie muss sich vielleicht noch daran gewöhnen, dass sie wieder verliebt ist. In ihrem Alter.« Seufzend stützte Inge ihr Kinn auf die Faust. »Es ist aber auch zu schön. Fast siebzig und Herzklopfen wie eine Siebzehnjährige. Und Onno sieht auch so glückselig aus. Oder?«

Ihre Schwägerin nickte. »Das stimmt.« Ihr Blick ging zum Fenster. »Oh. Und jetzt müssen wir auch glückselig aussehen, da kommen unsere Männer.«

Heinz und Walter brachten eine Wolke von Dusch- und Saunaduft in den Raum. »Hier kommen die Gesalbten.« Heinz blieb vor dem Tisch stehen und betrachtete interessiert die Törtchen. »Das sieht ja gut aus. Setz dich, Walter, wir haben uns so viele Kilos weggeschwitzt, da passen jetzt wieder Kaffee und Kuchen rein.«

»Vom Saunieren nimmt man nicht ab«, sagte Inge und sah ihren Bruder Heinz stirnrunzelnd an. »Und was sind die Gesalbten?«

»Männer im besten Alter, die sich nach drei Saunagängen und einigen Bahnen athletischen Schwimmens nach dem Duschen mit Nivea eingecremt haben.« Walter strich seiner Frau leicht über den Kopf. »Ingelein, wir haben eine Haut wie ein Kinderpopo.« Er setzte sich und sah sich suchend...