Selfies - Der siebte Fall für das Sonderdezernat Q in Kopenhagen Thriller

von: Jussi Adler-Olsen

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2017

ISBN: 9783423431293 , 560 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 9,99 EUR

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Selfies - Der siebte Fall für das Sonderdezernat Q in Kopenhagen Thriller


 

Prolog


Samstag, 18. November 1995

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon in dem nassen Laub herumstapfte, aber ihre nackten Arme waren eiskalt. Das Geschrei oben im Haus war mittlerweile so laut und klang so wutentbrannt, dass ihr der Atem stockte. Sie spürte, wie ihre Augenwinkel feucht wurden, aber sie hielt die Tränen zurück, weil sie wusste, was ihre Mutter sagen würde: Heulen macht Falten und Falten sind hässlich. In Bemerkungen dieser Art war ihre Mutter richtig gut.

Dorrit betrachtete die dunklen Spuren, die sie auf der laubbedeckten Wiese hinterlassen hatte, dann zählte sie zum x-ten Mal die Fenster und Türen am Haus, obwohl sie in- und auswendig wusste, wie viele es waren. Zwei Flügeltüren, vierzehn große Fenster und vier längliche im Keller. Alles in allem einhundertzweiundvierzig einzelne Scheiben.

Sie war ziemlich stolz, dass sie schon so weit zählen konnte. In ihrer Klasse konnte das niemand sonst.

Da hörte sie, wie sich quietschend die Kellertür im Seitenflügel öffnete. Kein gutes Zeichen.

Und schon kam das Hausmädchen die Kellertreppe herauf und steuerte direkt auf sie zu. »Ich geh da nicht mit rein«, flüsterte sie.

Im dichten Gebüsch ganz hinten im Garten versteckte sie sich gern, oft stundenlang. Aber diesmal war das Hausmädchen zu schnell. Schon hatte es Dorrit am Handgelenk gepackt.

»Dorrit, du kannst doch nicht mit den guten Schuhen hier rumlaufen! Wenn Frau Zimmermann das sieht!«

 

Ohne Schuhe, nur auf Strümpfen, trat sie vor das große Ecksofa. Die beiden Frauen starrten sie an, als wüssten sie nicht, was sie hier im Wohnzimmer zu suchen hatte.

Ihre Großmutter schien jeden Moment lospoltern zu wollen. Ihr Blick war kalt und hart. Ihre Mutter hatte offenbar geweint. Lauter Falten gruben sich in ihr Gesicht, genau solche, vor denen sie Dorrit immer warnte.

»Nicht jetzt, Dorrit, wir unterhalten uns«, sagte sie.

Dorrit sah sich um. »Wo ist Papa?«

Die beiden Frauen tauschten einen Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde glich ihre Mutter einem verschreckten Tier, das sich in eine Ecke duckt. Das kannte Dorrit schon.

»Geh ins Esszimmer und beschäftige dich, schau dir Zeitschriften an oder was auch immer«, befahl ihre Großmutter.

»Wo ist Papa?«, wiederholte sie.

»Darüber reden wir später. Er ist gegangen.« Die Großmutter wedelte ihre Enkelin mit einer ungeduldigen Handbewegung weg.

Die wich ein paar Schritte zurück. Genauso gut hätte sie im Garten bleiben können.

Der Esszimmertisch war nicht abgeräumt. Neben Tellern mit eingetrockneten Frikadellenresten und Blumenkohl in Béchamelsoße lag unordentlich das Besteck. Zwei Kristallgläser waren umgekippt, auf dem Tischtuch überall Weinflecken. Nichts war wie sonst. Nichts war so, dass Dorrit im Esszimmer bleiben mochte.

Sie wandte sich der Eingangshalle mit den vielen hohen, dunklen Türen und den abgegriffenen Klinken zu. Das Haus war riesig und in diverse Flügel unterteilt, aber Dorrit kannte jeden Winkel. Im ersten Stock roch es so intensiv nach Großmutters Puder und Parfums, dass der Geruch noch in ihren Kleidern hing, wenn sie von dort nach Hause kam. Dort, im hellen Licht, das durch die hohen Fenster fiel, spielte Dorrit nicht gern. Abgesehen davon gab es auch nichts, was sie dort hätte machen können.

Viel lieber hielt sie sich im hinteren Teil des Erdgeschosses auf. Nirgendwo sonst gab es solche schweren Sessel, in die man sich mit hochgezogenen Beinen schmiegen konnte, und so prächtige Sofas – mit braunem Samtvelours und geschnitztem schwarzem Holz an der Rückenlehne. In den zugezogenen Gardinen und den Möbeln hing Tabakgeruch, süß und bitter zugleich. Dieser Teil des Hauses war das Reich des Großvaters.

Es war erst eine Stunde her, dass die Familie friedlich um den Esstisch gesessen und Dorrit das Gefühl gehabt hatte, der Tag würde sich wie eine gemütliche Decke um sie legen.

Aber dann hatte ihr Vater irgendetwas Falsches gesagt, worauf die Großmutter die Augenbrauen hochgezogen hatte und der Großvater aufgestanden war.

»Das müsst ihr untereinander ausmachen«, hatte er gesagt, den Hosenbund hochgezogen und war gegangen. Sie hatte man in den Garten geschickt.

Vorsichtig schob Dorrit jetzt die Tür zum Arbeitszimmer ihres Opas auf. Zwei braune Vitrinenschränke mit Schuhen in offenen Schuhkartons, alles Warenmodelle, standen an der Wand. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte der Schreibtisch seinen Platz, bedeckt mit Papieren voller roter und blauer Linealstriche.

Hier roch es besonders stark nach Tabak, obwohl sich der Großvater gar nicht in dem dunklen Zimmer aufhielt. Der Qualm schien aus der Ecke zwischen zwei Bücherregalen zu kommen, aus der ein schmaler Lichtstreifen fiel und sich über den Schreibtischstuhl legte.

Dorrit trat näher, um zu sehen, woher das Licht kam. Das war aufregend, der Spalt zwischen den Regalen war unbekanntes Terrain.

»Na, sind sie weg?«, hörte sie den Großvater irgendwo hinter den Regalen brummeln.

Dorrit schob sich durch den Spalt und stand auf einmal in einem Raum, den sie noch nie gesehen hatte. Dort, in einem Ledersessel, saß ihr Großvater an einem langen Tisch, konzentriert über etwas gebeugt, das sie nicht sehen konnte.

»Rigmor, bist du das?« Seine Stimme hatte einen ganz besonderen Klang. Ihre Mutter nervte das, sie sagte, das liege an seinem Deutsch, das einfach nicht verschwinden wolle. Aber Dorrit mochte die Art, wie der Großvater redete.

Die Einrichtung des Raumes unterschied sich stark von der des übrigen Hauses. Hier waren die Wände nicht nackt, sondern fast vollständig bedeckt mit Fotos in allen möglichen Formaten. Sah man genauer hin, erkannte man immer denselben Mann in Uniform, aufgenommen in unterschiedlichen Situationen.

Trotz des Tabakqualms wirkte der Raum heller als das Arbeitszimmer. Hier saß der Großvater also. Seine aufgekrempelten Ärmel entblößten dicke Adern an den Unterarmen. Mit ruhigen, bedächtigen Bewegungen blätterte er einen Stapel Fotos durch, nahm einige heraus und betrachtete sie eingehend. Es wirkte gemütlich, wie er so dasaß, und Dorrit wurde warm ums Herz. Doch als er sich zu ihr umdrehte, war sein sonst so freundliches Gesicht plötzlich ganz verzerrt. Fast so, als hätte er auf etwas Bitteres gebissen.

»Dorrit?« Er erhob sich aus seinem Sessel. Dabei breitete er die Arme aus, als wolle er damit etwas verdecken.

»Entschuldige, Opa, aber ich wusste nicht, wohin ich sonst gehen sollte.« Sie drehte sich zu den Fotos an der Wand um. »Ich finde, der Mann auf den Bildern sieht ein bisschen aus wie du.«

Er sah sie an und schien zu überlegen, was er antworten sollte. Dann ließ er sich in den Sessel zurückfallen und zog sie zu sich auf den Schoß.

»Eigentlich darfst du nicht hier drinnen sein, denn das ist Opas Geheimzimmer. Aber nun bist du mal da.« Er nickte zu den Bildern an der Wand. »Und ja, Dorrit, das stimmt. Das bin tatsächlich ich auf diesen Fotos. Die sind von damals, aus dem Krieg. Als ich jung war und Soldat für Deutschland.«

Dorrit nickte. Er sah flott aus in seiner Uniform. Schwarze Schirmmütze, schwarze Jacke und schwarze Reithose. Alles schwarz. Der Gürtel mit dem Pistolenhalfter, die Stiefel, die Handschuhe. Nur der Totenkopf auf der Mütze und die Zähne des Großvaters leuchteten weiß.

»Bist du Soldat gewesen, Opa?«

»Jawohl. Da oben auf dem Regal siehst du meine Pistole. Eine Parabellum 08, auch ›Luger‹ genannt. Viele Jahre lang mein bester Freund.«

Mit großen Augen sah Dorrit nach oben zu dem Regalbrett. Die Pistole war schwarzgrau und das Halfter daneben braun. Dort lag auch ein schmales Messer in einer Scheide neben einem keulenartigen Ding, das wie ein Schlagholz für Schlagball aussah, nur mit einer Art schwarzen Dose am einen Ende.

»Kann die Pistole richtig schießen?«

»Ja, Dorrit, und das hat sie auch oft getan.«

»Du bist wirklich Soldat gewesen, Opa?«

Er lächelte. »Ja. Dein Opa war ein sehr mutiger und tüchtiger Soldat, der im Zweiten Weltkrieg viel geleistet hat. Du kannst stolz auf ihn sein.«

»Im Weltkrieg?«

Er nickte. Soweit Dorrit wusste, war Krieg nichts Gutes. Nie. Nichts, das einen zum Lachen brachte.

Sie machte einen langen Hals, um zu schauen, womit sich ihr Großvater beschäftigte.

»Nein, Dorritchen, die Fotos schaust du lieber nicht an.« Er legte ihr die Hand in den Nacken und zog sie zurück. »Vielleicht später mal, wenn du groß bist. Für Kinder sind diese Fotos nichts.«

Sie nickte, aber reckte sich weiter, und diesmal hinderte er sie nicht daran.

Ihr Blick fiel auf einen Streifen großformatiger Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Auf dem ersten Bild war ein Mann mit hängenden Schultern zu sehen. Er wurde zu ihrem Großvater gezerrt, der auf dem zweiten Bild die Pistole hob und auf dem dritten auf den Nacken des Mannes zielte.

»Aber, Opa … das habt ihr doch nur gespielt?«, fragte sie stockend.

Behutsam drehte er ihr Gesicht zu sich und sah ihr in die Augen.

»Krieg ist kein Spiel, Dorrit. Man tötet seine Feinde, damit man nicht selbst getötet wird, verstehst du? Hätte sich dein Opa damals nicht verteidigt, würden wir beide jetzt nicht hier sitzen.«

Langsam schüttelte sie den Kopf und zog sich näher an die Tischplatte.

»Und all diese Leute da, die wollten dich töten?«

Sein Blick glitt über die Fotos. Dorrit hatte keine Ahnung, was genau sie darstellten, aber sie fand sie unheimlich. Es waren Bilder von Menschen, die gerade zusammenbrachen. Von Männern und Frauen, die an Stricken baumelten. Einem Mann war mit einer Keule der Hinterkopf zertrümmert worden. Und auf allen Fotos...