Religiosität in der säkularisierten Welt - Theoretische und empirische Beiträge zur Säkularisierungsdebatte in der Religionssoziologie

von: Manuel Franzmann, Christel Gärtner, Nicole Köck

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2009

ISBN: 9783531902135 , 445 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 49,44 EUR

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Religiosität in der säkularisierten Welt - Theoretische und empirische Beiträge zur Säkularisierungsdebatte in der Religionssoziologie


 

Der Erfolg der evangelikalen Sekten in Lateinamerika: Der Fall des Mexikaners Oscar (S. 281-282)

1. Einleitung

Dieser Aufsatz befaßt sich mit einem Phänomen, das laut David Martin für den weltweit „größten" religiösen Wandel seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts verantwortlich ist: dem enormen Erfolg evangelikaler Sekten (Martin 2002, xvii). Vor allem die pfingstlerischen und neu-pfingstlerischen Gemeinschaften1 melden fast jährlich neue Mitgliederrekorde und zwar in weiten Teilen Lateinamerikas, Asiens (insbesondere Südkorea und China) und Afrikas (Martin 1990, 2002). Während es in Südkorea in den 1950er Jahren noch keine Evangelikalen gab, bekennen sich heute 25% der Bevölkerung zu einer evangelikalen Sekte, in Chiapas (Süd-Mexiko) und Guatemala erreicht der Konvertitenanteil ähnliche Ausmaße (vgl. Johnstone 1986, 55 und 62, Kern 2001). Der US-amerikanische Anthropologe David Stoll geht sogar soweit, seiner 1990 erschienen Monographie über evangelikale Sekten in Mittelamerika den Titel „Is Latin America Turning Protestant?" zu geben. Warum sind die evangelikalen Sekten für Menschen in sogenannten Entwicklungsländern attraktiv?2 In dem vorliegenden Beitrag soll diese Frage exemplarisch anhand einer Fallstudie eines 1981 geborenen mexikanischen Anwärters auf die Mitgliedschaft in einer evangelikalen Sekte untersucht werden, wobei die soziale und historische Entwicklung Mexikos berücksichtigt wird.

Als Methode der Fallrekonstruktion wird die Objektive Hermeneutik (vgl. Oevermann et al. 1979 und Oevermann 2000) verwendet. Dabei werden unterschiedliche Ausdrucksmaterialien wie die historische Situation Mexikos, die biographischen Daten des Falles sowie Interviewausschnitte rekonstruiert und zwar mit dem Ziel, die dem Fall zugrundeliegenden Systematik und Regelmäßigkeit, das heißt die Fallstrukturgesetzlichkeit, zu erschließen. Die Fallstrukturgesetzlichkeit ist allerdings kein Gesetz, das die Fallstruktur extern determiniert, sondern ist als „inneres Gesetze der Reproduktion und Transformation eines konkreten Falles" (Oevermann 2000, 119) zu verste hen. Bei einem solchen fallrekonstruktiven Vorgehen gilt der Fall auch als Ausdruck allgemeiner Handlungsprobleme und Strukturen und kann somit als Typus generalisiert werden (ebd.).

Der Beantwortung der Forschungsfrage wird sich in mehreren Schritten angenähert: Als Ausgangspunkt (2.) wird die historische Situation Mexikos der 1990er Jahre skizziert und vor diesem Hintergrund die Entwicklungschancen der in dieser Zeit Adoleszenten bestimmt. Anschließend (3.1.) folgt eine Analyse der biographischen Daten Oskars. Danach werden zwei ausgewählte Interviewstellen interpretiert (3.2., 3.3.), in denen es um die Bedeutung der evangelikalen Sekten für den Jugendlichen geht, die Forschungsfrage also unmittelbar thematisch ist.

2. Historische Einbettung: Mexiko in den 1990er Jahren

Mexiko befand sich in den Jahren 1995/96, ausgehend von einer starken Devaluierung des Pesos im Dezember 1994, in einer akuten Wirtschaftskrise. Die sogenannte Pesokrise wurde durch den Wirtschaftsboom Anfang der 1990er Jahre ausgelöst. Es lassen sich zwei Gründe ausfindig machen, die zu einer Überbewertung der mexikanischen Wirtschaftskraft führten: Einerseits die verbesserte internationale Kreditsituation nach dem „Washington-Consensus", der die Schuldenkrise Anfang der 1980er Jahre verdrängte, und andererseits die wirtschaftliche Öffnung durch die Freihandelszone NAFTA (North American Free Trade Agreement), die zu einer starken Wirtschaftsbelebung beitrug.

Mexiko sah sich seinem Ziel, eine dynamische Industrienation zu werden, sehr nahe. Mit der Pesokrise endete diese Phase des Aufschwungs abrupt. Erneut war der mexikanische Staat, wie bei der großen Schuldenkrise Anfang der 1980er Jahre, auf internationale Geldgeber (IWF und Weltbank) angewiesen, die harte Forderungen an die Vergabe von Krediten – vor allem im Sozialbereich – knüpften.