Alles, was wir geben mussten - Roman

von: Kazuo Ishiguro

Heyne, 2016

ISBN: 9783641202163 , 352 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Alles, was wir geben mussten - Roman


 

KAPITEL 1

Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen seit über elf Jahren als Betreuerin. Eine lange Zeit, scheint es, und dennoch soll ich jetzt noch acht Monate weitermachen, bis zum Ende des Jahres. Dann wären es fast genau zwölf Jahre. Dass ich schon so lange Betreuerin bin, liegt nicht unbedingt daran, dass sie meine Arbeit phantastisch finden. Es gibt ausgezeichnete Betreuer, die nach nur zwei oder drei Jahren aufhören mussten. Und mir fällt mindestens eine Betreuerin ein, die den Job sogar vierzehn Jahre erledigt hat, obwohl sie eine glatte Fehlbesetzung war. Also will ich mich lieber nicht zu sehr brüsten. Andererseits weiß ich genau, dass sie mit meiner Arbeit zufrieden waren, und im Großen und Ganzen war ich selbst es auch. Meine Spender haben sich fast immer viel besser gehalten als erwartet. Ihre Erholungszeiten waren beeindruckend, und kaum einer wurde als »aufgewühlt« eingestuft, auch nicht vor der vierten Spende. Okay, jetzt fange ich vielleicht doch an zu prahlen. Aber es bedeutet mir wirklich viel, dass ich den Anforderungen meiner Arbeit gewachsen bin, vor allem, dass meine Spender »ruhig« bleiben. Ich habe eine Art Instinkt im Umgang mit ihnen entwickelt, so dass ich genau weiß, wann es besser ist, an ihrer Seite zu sein und sie zu trösten, und wann man sie lieber sich selbst überlässt; wann ich ihnen geduldig zuhören und wann ich bloß mit den Schultern zucken und ihnen raten sollte, sich wieder zu beruhigen.

Jedenfalls bilde ich mir nicht besonders viel auf meine Leistung ein. Ich kenne Betreuer, die bestimmt genauso gut sind wie ich, aber nicht halb so viel Anerkennung erhalten. Falls Sie zu diesen gehören sollten, könnte ich es verstehen, wenn Sie mir manche Annehmlichkeit missgönnen sollten – mein Einzimmerapartment, mein Auto und vor allem die Tatsache, dass ich mir aussuchen darf, wen ich betreue. Schließlich bin ich eine ehemalige Hailsham-Kollegiatin – das allein reicht manchmal schon aus, um die Leute gegen sich aufzubringen. Kathy H., heißt es, darf sich die Leute aussuchen, und immer sucht sie sich ihresgleichen aus: Ehemalige aus Hailsham oder aus einer der anderen privilegierten Einrichtungen. Kein Wunder, dass sie ausgezeichnete Ergebnisse vorzuweisen hat. Ich habe es so oft mit eigenen Ohren gehört, da werden Sie es sicher noch öfter gehört haben, und vielleicht ist ja auch etwas Wahres daran. Aber ich bin nicht die Erste, die selbst darüber verfügen darf, wen sie betreut, und ich werde auch nicht die Letzte sein. Überdies habe ich sehr wohl Spender betreut, die an anderen Orten aufgewachsen sind. Wenn ich aufhöre, werde ich immerhin zwölf Jahre hinter mir haben, und wählen durfte ich erst in den letzten sechs.

Und warum auch nicht? Betreuer sind keine Maschinen. Natürlich versucht man bei jedem Spender sein Bestes zu geben, aber irgendwann zermürbt es einen. Man hat eben nicht unendlich viel Kraft und Geduld. Wenn man sich also seine Leute auswählen kann, zieht man selbstverständlich seinesgleichen vor. Das ist ganz natürlich. Ich hätte diese Arbeit nie und nimmer so lange durchgehalten, hätte ich nicht in jeder Phase des Prozesses mit meinen Spendern mitempfunden. Und wenn ich nicht eines Tages angefangen hätte, mir selbst die Leute auszusuchen, die ich betreue, wie wäre ich nach all den Jahren je wieder Ruth und Tommy nahe gekommen?

Doch inzwischen schrumpft die Anzahl möglicher Spender, die ich von früher noch persönlich kenne, so dass die Auswahl gar nicht so groß ist. Wie ich schon sagte, die Arbeit wird sehr viel schwieriger, wenn man nicht eine innige Beziehung mit dem Spender aufbauen kann, und obwohl es mir auch schwer fallen wird, keine Betreuerin mehr zu sein, ist es schon in Ordnung, dass ich Ende des Jahres endlich damit aufhöre.

Übrigens war Ruth erst der dritte oder vierte Fall, den ich mir aussuchen durfte. Ihr war damals schon eine Betreuerin zugewiesen worden, und für mich war es nicht ganz einfach, meinen Willen durchzusetzen. Aber am Ende gelang es mir, und in dem Augenblick, als ich Ruth wiedersah, in diesem Erholungszentrum in Dover, fielen unsere vielen Differenzen – auch wenn sie sich nicht gerade in Luft auflösten – weit weniger ins Gewicht als all das Verbindende: zum Beispiel, dass wir miteinander in Hailsham aufgewachsen waren, dass wir Erinnerungen teilten, die nur uns gehörten. Ich glaube, in jenen Tagen habe ich damit angefangen, mir als Spender bewusst Menschen auszusuchen, die ich von früher kannte, vorzugsweise ehemalige Hailsham-Kollegiaten.

Im Laufe der Jahre hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen ich Hailsham zu vergessen versuchte und mir vornahm, nicht so oft zurückzublicken. Bis ich an den Punkt gelangte, wo ich aufhörte, dieser Versuchung zu widerstehen. Es hing mit jenem Spender zusammen, für den ich in meinem dritten Jahr als Betreuerin zuständig war; mit seiner Reaktion, als ich erwähnte, ich stamme aus Hailsham. Er hatte gerade seine dritte Spende hinter sich, sie war nicht gut verlaufen, und er muss gewusst haben, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er konnte kaum atmen, aber er sah mich an und sagte: »Hailsham. Ich wette, es war schön dort.« Am nächsten Morgen, als ich mit ihm plauderte, um ihn abzulenken, und fragte, wo er denn aufgewachsen sei, nannte er einen Ort in Dorset, und sein Gesicht unter den Flecken verzog sich zu einer Grimasse, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Und in dem Moment wurde mir klar, wie verzweifelt er sich bemühte, nicht daran zu denken. Stattdessen wollte er von Hailsham hören.

Also erzählte ich ihm während der nächsten fünf oder sechs Tage alles, was er wissen wollte, und er lag da, an Geräte und Schläuche angeschlossen, und ein sanftes Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Er fragte mich nach den großen und den kleinen Dingen. Nach unseren Aufsehern, nach den Schatzkisten unter jedem Bett, in denen wir unsere Sammlungen aufbewahrten, nach unseren Fußball- und Rounders-Matches, nach dem schmalen Pfad, der rund um das Haupthaus führte und dessen Winkeln und Spalten folgte, nach dem Ententeich, dem Essen, dem Blick aus dem Zeichensaal über die Felder an einem nebligen Morgen. Manches wollte er wieder und wieder hören; gelegentlich fragte er nach Dingen, die ich ihm erst am Vortag erzählt hatte, so als hätte ich sie noch nie erwähnt. »Hattet ihr einen Pavillon auf dem Sportplatz?« – »Wer war dein Lieblingsaufseher?« Zuerst hielt ich das für eine Folge der Medikamente, aber dann begriff ich, dass er eigentlich ganz klar im Kopf war. Er wollte nicht nur von Hailsham hören, sondern sich an Hailsham erinnern, als wäre es seine eigene Kindheit gewesen. Er wusste, dass er nahe daran war abzuschließen, und anscheinend war das seine Art, damit umzugehen: sich von mir Eindrücke so beschreiben zu lassen, dass sie ganz tief eindrangen – vielleicht damit ihm in den schlaflosen Nächten, unter dem Einfluss der Medikamente, der Schmerzen und der Erschöpfung, die Grenze zwischen meinen und seinen Erinnerungen verschwamm. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wirklich bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten – Tommy, Ruth, ich, wir alle.

Wenn ich jetzt übers Land fahre, erinnern mich immer noch viele Dinge an Hailsham. Ich fahre an einer nebelverhangenen Wiese entlang oder durchquere ein Tal, und in der Ferne, halb hinter Bäumen verborgen, taucht ein Herrenhaus auf oder auch eine Gruppe Pappeln in einer bestimmten Anordnung auf einem Hügel, und ich denke: Vielleicht ist es das! Ich hab’s gefunden! Das ist Hailsham! Dann erkenne ich, dass es ein Irrtum war, und fahre weiter, und meine Gedanken schweifen ab. Vor allem diese Pavillons, die ich überall im Land entdecke: Sie stehen am Rand eines Sportplatzes, kleine weiße Fertigteilgebäude mit einer Reihe Fenster unnatürlich hoch oben, fast schon unter dem Dachgesims. Ich glaube, in den Fünfzigern und Sechzigern wurden sehr viele solcher Containergebäude aufgestellt, wahrscheinlich stammte auch unser Pavillon aus dieser Zeit. Wenn ich an einem vorbeikomme, schaue ich so lange wie möglich zu ihm hinüber; auf diese Weise werde ich noch das Auto zu Schrott fahren, aber ich kann nicht anders. Unlängst fuhr ich durch eine menschenleere Gegend in Worcestershire und entdeckte einen Pavillon am Rand eines Kricketfelds, der unserem Pavillon in Hailsham so ähnlich war, dass ich wendete und umkehrte, um ihn mir aus der Nähe anzusehen.

Wir liebten unseren Sportplatz-Pavillon, vielleicht weil er uns an die hübschen kleinen Cottages aus den Bilderbüchern unserer Kindheit erinnerte. In den Junior-Klassen bestürmten wir immer wieder die Aufseher, die nächste Stunde nicht im normalen Klassenzimmer, sondern im Pavillon abzuhalten. Als wir dann in Senior 2 waren – und zwölf, fast dreizehn Jahre alt –, wurde er unsere Zufluchtstätte, in der man mit den besten Freundinnen verschwand, wenn man sich von den anderen absondern wollte.

Der Pavillon war groß genug, dass sich zwei separate Gruppen darin aufhalten konnten, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen, und im Sommer war draußen auf der Veranda noch Platz für eine dritte Gruppe. Natürlich wollte ihn jede Gruppe am liebsten für sich allein haben, und deshalb gab es immer Gerangel und Streit. Die Aufseher ermahnten uns unablässig zu anständigem Verhalten, aber das änderte nichts daran, dass man einiger starker Persönlichkeiten in seiner Gruppe bedurfte, um überhaupt eine Chance zu haben, den Pavillon in einer Pause oder Freistunde zu bekommen. Ich war selbst nicht gerade zimperlich, aber dass wir ihn so oft bekamen, hatten wir, glaube ich, vor allem Ruth zu verdanken.

Normalerweise verteilten wir uns einfach auf den Bänken und Stühlen – wir waren zu fünft, zu sechst, wenn Jenny...