Todesgruß - Kriminalroman

von: Astrid Plötner

Gmeiner-Verlag, 2016

ISBN: 9783839251546 , 407 Seiten

Format: ePUB, PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Todesgruß - Kriminalroman


 

Samstag, 3.November


Die Kollegen von der Streife hatten Unnas Stadtpark großräumig abgeriegelt. Rot-weißes Flatterband kämpfte an sämtlichen Zugängen gegen den böigen Wind an. Die Freitreppe, die zur Burgstraße führte, war ebenso dicht wie die Treppe aus Bruchstein zum Museumsplatz. Ein quer gestellter Polizeiwagen mit blinkendem Blaulicht versperrte die Zufahrt zur Kirche St. Katharina. Für die nach und nach eintreffenden Einsatzfahrzeuge der Mordkommission und Spurensicherung war die linke Spur des Ostrings bis zur Kreuzung Morgenstraße gesperrt worden. Inzwischen war es halb neun und im Stadtpark wimmelte es von Beamten.

Max Teubner, Kriminalhauptkommissar des KK1/2 Unna hatte gewusst, dass während seiner Bereitschaft etwas passieren musste. So war er nach den Kollegen der Schutzpolizei und dem Notarzt als erster Kripobeamter am Tatort erschienen. Der Arzt konnte ihm den Tod der Frau vor dem Kriegerdenkmal bestätigen. Todesursache vermutlich durch Fremdeinwirkung. Also wurde der gesamte Polizeiapparat eingeschaltet: Die Kriminalhauptstelle Dortmund bildete eine Mordkommission, die unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Jochen Hübner in weniger als 40 Minuten am Tatort erschien. Es würde ein langer Tag werden. Und wenn Max Teubner Pech hatte, nahm der Leiter der MK ihn mit ins Ermittlungsteam, was bedeutete: in den kommenden Tagen zig Überstunden und kaum Schlaf. Aber das war sein Job. Er hatte jahrelang im Kriminalkommissariat 11 von Köln gearbeitet und dabei oft mit Kapitaldelikten zu tun gehabt. Seit er sich nach Unna hatte versetzen lassen, war es in dieser Hinsicht ruhiger geworden. Zwei Jahre arbeitete er nun schon im KK1/2 von Unna und hatte überwiegend mit Kleinkriminellen zu tun. Teubner sah Jochen Hübner nun mit großen Schritten auf sich zukommen.

»Ich habe mit dem Notarzt gesprochen. Wir warten auf die Rechtsmedizin. Wissen wir, wer die Frau ist?«

Teubner zog ein Notizbuch aus seiner Tasche und blätterte.

»Die Frau trug weder Handtasche noch Papiere bei sich. In dem schwarzen BMW, der neben dem Denkmal abgestellt wurde, fanden wir Führerschein und Fahrzeugpapiere im Handschuhfach. Demnach handelt es sich um eine Frau Doktor Judith Heinemann-Schönfeld, wohnhaft in Unna-Uelzen.«

Hübner zog seinen grauen Wollschal fester um den Hals.

»Schäbiger Wind heute. Ist der BMW auf die Tote zugelassen?«

Max Teubner nickte. »Ja, ihr Name steht im Fahrzeugschein.«

»Gut. Drüben wartet der Zeuge Gröning. Der Mann friert und möchte nach Hause.«

Teubner nickte und dachte: Das möchte ich auch. Er schlug den Kragen seiner blauen Steppjacke hoch und zog den Rand seiner schwarzen Wollmütze tiefer ins Gesicht. Dann vergrub er die Hände in den Jackentaschen und ging mit schnellen Schritten auf Gröning zu, der mit Mühe versuchte seinen bellenden Langhaardackel unter Kontrolle zu bringen. Teubner schätzte den Zeugen auf Mitte 70. Karierte Schiebermütze, hellbrauner Lodenmantel, gewienerte Lederschuhe und scharfkantige Bügelfalte in der schwarzen Hose. Er reichte dem Mann die Hand.

»Kriminalhauptkommissar Teubner. Es tut mir leid, dass Sie warten mussten.«

Gröning ergriff die Hand, ohne seine dunklen Lederhandschuhe abzustreifen. »Mein Name ist Professor Ewald Gröning. Muss ich Ihnen die Geschichte jetzt noch einmal erzählen? Ihre Kollegen in Uniform wissen doch Bescheid.«

»Nur zwei Fragen, Herr Professor: Wann genau haben Sie die Leiche entdeckt? Ist Ihnen dabei etwas Besonderes aufgefallen?«

Gröning seufzte. »Ich verlasse jeden Morgen um Punkt 7 Uhr das Haus. Länger hält die Blase von Theodor das nicht aus.«

»Wie spät war es, als Sie die Leiche entdeckten?«

»Ich bin durch Theos Knurren aufmerksam geworden. Er zog mit aller Macht zum Kriegerdenkmal hin. Es wird so zwanzig nach sieben gewesen sein. Da sah ich sie. Ich erkannte sofort, dass die Frau tot ist. Ich habe viele Jahre als Herzchirurg gearbeitet.«

»Sie riefen dann gleich die 110?«

»Ja. Mit dem Handy, das mein Sohn mir aus Sorge zum Geburtstag schenkte. Eigentlich bin ich nicht für diesen elektronischen Schnickschnack. Aber mein Junge hat darauf bestanden.« Er stockte. »Meine Frau starb im Mai an einem Herzinfarkt.«

Das musste frustrierend sein für einen Herzchirurgen. »Mein Beileid.« Teubner legte anstandshalber eine Pause ein. »Ist Ihnen noch irgendetwas aufgefallen? War jemand in der Nähe?«

Gröning schnaubte empört. »Was glauben Sie, was hier um Viertel nach sieben in der Früh los ist? An einem Samstag! Im November! Bei dem Wetter!« Er zog mit einem kurzen Ruck an der Hundeleine, um Theodor zur Raison zu bringen, der unablässig Richtung Heimat zog. »Heute Morgen war hier keine Menschenseele. Ob mir etwas aufgefallen ist? Na, das Lebkuchenherz, welches die Frau um den Hals trägt. Ich dachte von Weitem erst, die hat zu viel Glühwein auf der Kirmes getrunken. Na ja, und der BMW hinter dem Denkmal ist mir aufgefallen. Hier gehört nun mal kein Auto hin.«

Max Teubner trat von einem Bein aufs andere, um das Frieren in seinem Körper abzuschütteln. Er reichte Herrn Gröning die Hand.

»Vielen Dank, Professor Gröning. Sie können jetzt gehen.« Er sah dem alten Herrn nach, der sich mit strammen Schritten entfernte. Sein Köter trabte treu neben ihm her. Teubner blickte über die große Wiese des Stadtparks. Durch die dichte Laubschicht war sie kaum noch zu sehen. Es schien, als hätten die Bäume über Nacht einen Großteil ihrer Blätter abgeworfen. Eine Menge Arbeit für die Männer und Frauen der Spurensicherung. Teubner sah, wie sich vom Verkehrsring das Auto der Rechtsmedizin näherte. Doktor Werner Severin stieg aus und wechselte einige Worte mit dem Notarzt, der kurz darauf seine Koffer nahm und abfuhr. Severin grüßte Teubner freundlich, streifte Einweghandschuhe über und ging neben der Leiche in die Hocke. Er bewegte mehrere Gelenke. Mit behutsamer Routine drehte der Rechtsmediziner dann den Kopf der Leiche. »Würgemale am Hals.« Die wachen grünen Augen des Arztes blickten konzentriert durch eine silbergefasste Nickelbrille.

»Die Totenstarre ist noch im Anfangsstadium. Auf Anhieb würde ich sagen, die Frau ist höchstens drei bis vier Stunden tot.«

Während Severin mit der Untersuchung fortfuhr, zählte Teubner die Schläge der Kirchturmuhr, die vom Kirchplatz zu ihm herüberhallten. 9 Uhr. Demnach war die Frau zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh ums Leben gekommen.

»Fundort gleich Tatort? Was meint der Fachmann?«

»Nun mal langsam, Herr Kommissar.«

Severin besah sich die Hände der Leiche. »Leichte Hautrötung an den Gelenken. Ich wette, da finde ich Rückstände von Klebeband.« Er schaute auf die Innenflächen der Gelenke. Man konnte an beiden Armen einen kleinen Schnitt in Höhe der Pulsschlagadern erkennen. Der Rechtsmediziner pfiff leise durch die Zähne und inspizierte die Finger. »So, wie es aussieht, keine Hautreste unter den Fingernägeln. Die Nägel sind auch nicht brüchig.« Severin machte einige Fotos, dann drehte er die Tote auf den Bauch, maß rektal ihre Temperatur und diagnostizierte die Totenflecke. Endlich stand er auf. Er streifte sich die Latexhandschuhe von den Händen und stopfte sie achtlos in seine Manteltasche.

»Ich gehe davon aus, dass der Fundort nicht der Tatort ist. Am Boden finden sich keine Blutspuren. Die Kleidung der Frau ist weitgehend trocken. So nass, wie es hier im Park aussieht, hat es gewiss noch bis vor zwei, drei Stunden geregnet. Außerdem wurde die Dame regelrecht in Szene gesetzt.« Er zeigte Teubner ein Foto in seiner Kamera, das er von der Leiche gemacht hatte. »Sehen Sie? Gestreckte Beine, eng beieinanderliegend, wobei sogar die Pumps ordentlich an den Füßen sitzen. Genaueres wie immer nach der Obduktion.« Er warf einen letzten Blick auf die Tote. »Eine hübsche Frau. Schade drum.«

Teubner nahm den letzten Satz Severins kommentarlos hin. Über Geschmack ließ sich bekanntlich nicht streiten. Auf ihn machte die Tote selbst jetzt noch einen arroganten Eindruck. Das mochte an den hoch liegenden Augenbrauen liegen oder an den feinen Linien, die die Stirn durchzogen. Das kurze blondierte Haar war mit Gel in Form gebracht. Blaue Augen starrten, umrahmt von schwarzer Wimpertusche, auf ein Lebkuchenherz mit dem Schriftzug »Ein letzter Gruß, G.«, welches um ihren Hals hing. Dezenter roter Lippenstift. Schlanke Statur, Stöckelschuhe, edler Hosenanzug, teurer Kamelhaarmantel. Sie mochte hübsch sein, da gab er Severin recht.

»Können Sie etwas zur Todesursache sagen?«

Werner Severin zog mit strengem Blick die Luft ein. »Immer dasselbe: Mein lieber Kommissar Teubner, ich bin kein Hellseher. Sie werden die Obduktion abwarten müssen. Wer wird mich gleich begleiten? Sie?«

Teubner zog die Schultern hoch. Er war ewig nicht bei einer Obduktion dabei gewesen. Drum reißen würde er sich gewiss nicht.

»Das entscheidet Hauptkommissar Hübner. Er leitet die MK«, sagte er.

Severin blickte auf und grinste verhalten. »Sagen Sie, Sie arbeiten doch jetzt mit der Maike Graf zusammen?«

Teubner nickte nur. Seine Füße waren eiskalt. Hoffentlich fing er sich heute keine Erkältung ein. Ein heißes Bad wäre eine Wohltat, ein Kaffee würde es für den Anfang auch tun.

»Früher hatte ich oft mit Ihrer Kollegin zu tun«, fuhr Severin fort. »Als sie noch in Dortmund bei der Kripo war. Nettes Mädel. Immer für ein Pläuschchen zu haben. Ich bin mir sicher, dass der Hübner ihr nachjammert. Waren ein schönes Paar, die zwei.«

Teubner zog erstaunt die Augenbrauen hoch....