Duft des Verlangens - Roman

von: Rosemary Rogers

dotbooks GmbH, 2015

ISBN: 9783958240681 , 341 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 3,99 EUR

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Duft des Verlangens - Roman


 

Kapitel 1


Jasmine Mason saß mitten auf ihrem Bett, die Beine nach Yoga-Art untergeschlagen und die Augen geschlossen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie versuchte sich zu entspannen. Sie versuchte auch, nicht an die helle Sonne draußen, jenseits der herabgelassenen Jalousien, zu denken und das Telefon zu vergessen, das hartnäckig schwieg. Was erwartete sie denn überhaupt? Sie hatte sich eine neue Nummer geben lassen, weil das ständige Läuten David aufgebracht hatte, wenn sie beisammen gewesen waren. Und von den anderen Männern, mit denen sie sich gelegentlich einließ, wenn sie die Leere nicht mehr ertrug, die seit Marks Tod in ihrem Leben herrschte, hörte sie sowieso schon lange nichts mehr.

Sie kniff die Lider zusammen und kämpfte gegen die Verkrampfung ihres Körpers. Bevor David in ihr Leben getreten war, vermochte sie sich ganz gut zu entspannen. Der Teufel hole ihn! Diesmal würde sie nicht versuchen, die Gedanken an David zu verdrängen. Peter hatte ihr gestern abend den kostenlosen Rat gegeben, es einmal mit dem ›Bewußtseinsstrom‹ zu probieren. Denk doch einfach darüber nach, hatte er gesagt, erinnere dich. Vielleicht hast du es nach einer Weile satt, an den Schweinehund zu denken.

Seit neuestem schlief Jasmine mit Peter, aber nur an Wochenenden, um den freigewordenen Platz auszufüllen, der bis dahin David gehörte. Dr. Peter Petrie, der Modepsychiater San Franciscos. So verdammt beschäftigt und ausgebucht, daß er Jasmine als Patientin nicht mehr unterbringen konnte. Doch wenn er eine großzügige Anwandlung hatte, ließ er ihr eine kostenlose Beratung angedeihen. Vielleicht damit sie bis zum folgenden Wochenende, wenn er zweifellos wieder mit ihr schlafen wollte, nicht den Verstand verlor.

Peter war mit David befreundet. Und David war ihre Krankheit, ihre Besessenheit, ihre Verrücktheit! Sie mochte ihn nicht ihre große Liebe nennen, eben weil sie sich bemühte, die Liebe zu David zu überwinden. Auch das hatte Peter zu ihr gesagt: Hör auf, dagegen anzukämpfen, analysiere es vielmehr. Aber wie sollte man Gefühle und Emotionen unter ein Mikroskop legen, zumal die eigenen?

Jasmine, du Idiotin! Wie konntest du dich so rettungslos verlieben, daß du jede Scham und jeden Stolz verloren hast?

Beim bloßen Gedanken daran schauderte ihr. Wahrlich, sie empfand Abscheu vor sich selbst, weil sie wieder und wieder völlig haltlos und unterwürfig zu David kroch und sich trotz seiner Zurückweisungen an ihn klammerte. Peter war als Liebhaber natürlich nur Lückenbüßer; aber er hatte selbst zugegeben, daß dies seine Spezialität sei.

»Ich übernehme die abgelegten Geliebten und renoviere sie, Süße«, hatte er ihr einmal erklärt. »Ich mache sie neu. Ich bumse sie bis zum Vergessen. Sie vergessen sehr bald, von wem sie abgeschoben worden sind, und dann sind sie neue Frauen, rehabilitiert, könnte man sagen. Das ist mein kleiner Beitrag zur ›Befreiung der Frau‹.«

»Hübsch zu wissen, daß ich für dich ein Versuchskaninchen bin«, hatte sie giftig erwidert.

Sie war jedoch nicht auf Peter angewiesen, wenn sie einen Mann brauchte. Nach David hatte sie immer wieder flüchtige Affären gehabt – Abenteuer für eine Nacht, mit Männern, die sie kein zweites Mal traf und denen sie auch ihre Geheimnummer nicht gab. Komisch, früher hatte sie Frauen verabscheut, die einfach so herumbumsten, weil es ihnen Spaß machte oder weil sie beweisen wollten, daß sie den Männern ebenbürtig waren – als könnte man das nur auf diese eine Art beweisen. Doch früher war sie unabhängig und selbstsicher gewesen; damals hatte sie genau gewußt, was sie wollte!

Zu ihrer Mitbewohnerin Marti hatte Jasmine unlängst gesagt, sie habe das Gefühl, ihr Leben lasse sich in zwei Abschnitte unterteilen: vor David und nach David. Marti, die indirekt an der Bekanntschaft zwischen David und Jasmine schuld war, hatte Jasmine nur mißmutig angesehen. Marti mochte David nicht – hatte ihn von Anfang an nicht gemocht, von jenem Abend an, wo er zum erstenmal hergekommen war, begleitet von Stella ... Stella – der Stern. Stella mit dem platinblonden Haar, das sich weich um ihr Gesicht und im Nacken ringelte. Stella mit der sanften, zurückhaltenden Art, der Stimme einer Dame – und dem Körper einer Dirne.

Anfangs hatte Jasmine gemeint, Stella gehöre zu David. Oder umgekehrt. Aber Marti hatte sie bald aufgeklärt. Marti war Lesbierin und Stella ihre derzeitige Geliebte. Weil Stella, die bei David als Sekretärin arbeitete, sich nicht offen zu ihrer Veranlagung bekennen mochte, ließ sie sich tunlichst von einem Mann begleiten, als »Tarnung« sozusagen.

Bei jeder Festivität damals war ihr aufgeschlossener junger Chef, David Zimmer, die Tarnung gewesen. Gut aussehend, raffiniert gekleidet, Aufsteiger – genau ihr Typ. Jasmine, spät nach Hause gekommen, hatte ihn sofort bemerkt. Und war prompt auf ihn geflogen.

Vielleicht nur, weil er ihr irgendwie leid tat – er hatte so aufrichtig ausgesehen – ganz im Gegensatz zu Martis übrigen Freunden. Vielleicht auch wegen seiner Größe, seinen ausnehmend schönen braunen Augen und seinem vollen, sinnlichen Mund. Sie schaute immer zuerst auf Augen und Mund. Wie dem auch sei, da hatte er gestanden, ein Glas in der Hand, etwas abseits von den zehn ausgelassenen Freunden Martis.

Jasmine hatte einen besonders harten Tag hinter sich gehabt, Dreharbeiten für ihren Film über die »Regeneration von Height Ashbury«. Seit sie zum Blickfang der KNTX-Frühnachrichten avanciert war, hatte sie kaum Zeit gehabt für die Außenaufnahmen und für Interviews mit Menschen auf der Straße. Und gerade dieser Filmauftrag hatte ihr viel Freude gemacht; dennoch war der Tag anstrengend gewesen, und sie hatte eigentlich sofort zu Bett gehen wollen.

Statt dessen aber streifte sie ihre Schuhe ab und bat David in spöttischem Ton, ihr einen Drink zu mixen.

Es hatte sie amüsiert, wie er sie studierte, offensichtlich einzuordnen versuchte, sich fragte ...

»Sehr gern«, sagte er. Auch seine Stimme war schön. Tief, ausgesprochen männlich. »Leider weiß ich nicht, wo ich das Nötige dazu finde – ich bin hier nur Beobachter.«

»Das habe ich bemerkt!« In den ersten Tagen, als sie mit ihm noch nicht vertraut gewesen war, konnte sie ihm gegenüber noch spöttisch sein, sogar die Kühle spielen. »In dem Schrank hinter Ihnen ist alles versteckt. Übrigens, ich bin Martis Mitbewohnerin.«

Er hatte ihr den erbetenen Drink gemixt – und dann noch zwei weitere. Sie erinnerte sich an die Erleichterung in seiner Stimme, als er endlich zu fragen wagte: »Sie sind also ›normal‹? Wollen Sie das damit sagen?«

Später waren sie in Jasmines Zimmer gegangen. Nachdem die anderen beschlossen hatten, tanzen zu gehen, und Marti verkündete, sie werde Stella heimbringen und es sei okay, wenn Jasmine und David die Party allein fortsetzen wollten ...

Jasmine legte den Kopf in den Nacken und versuchte sich auf ihren Atem zu konzentrieren. Sie biß sich auf die Unterlippe. Geh in die Vergangenheit zurück, hatte Peter gesagt. Wenn sie das nur fertigbrächte.

In jener ersten Nacht – warum nur war sie bei David nicht auf der Hut gewesen wie bei den anderen Männern, mit denen sie nach Marks Tod geschlafen hatte? David fragte nach ihrem Leben und ihrer Arbeit. Einige der Nachrichtensendungen mit ihr hatte er gesehen und darum gleich gemeint, er müßte sie kennen. Aber für ihn erscheine sie zu früh oder zu spät auf dem Bildschirm, fügte er hinzu, denn um acht sei er gewöhnlich unterwegs in sein Büro. Er war Anwalt ...

Beide wußten in diesem Stadium bereits, daß sie den Rest der Nacht zusammen verbringen würden. Doch er hatte sich Zeit gelassen, wollte offenbar wirklich den wahren Menschen hinter der bekannten KNTX-Nachrichtensprecherin Jasmine Mason kennenlernen.

Vielleicht war er schon damals zu ihr gelangt, durch die Mauer aus Reserviertheit gedrungen, die sie um sich selbst errichten gelernt hatte. Oder war es später gewesen, im Bett? Dort verlagerte er seine Konzentration von ihrer Seele auf ihren Körper. Welcher Gegensatz zwischen dem eben noch gelösten, freundlichen Mann und dem hemmungslosen Liebhaber, als der er sich dann erwies! Der Kontrast erregte Jasmine bis aufs äußerste. Sie hatte sich ganz und gar hingegeben, mit David frei und natürlich Dinge getan, die sie noch mit keinem Mann gemacht hatte, nicht einmal mit Mark.

»Jasmine – Jasmine! Du bist wie dein Name. Blüte, die sich öffnet. Ich mag es, daß du dich nicht zurückhältst.«

»Redest du immer beim Lieben?«

»Ich liebe nicht oft. Meist bumse ich nur herum. Du bist anders.«

Nichts Einmaliges an seinen Worten, doch das echte Gefühl und die Aufrichtigkeit in seiner Stimme hatten ihnen einen neuen tieferen Sinn gegeben. Und gleich danach sagte er, daß er sie so oft wie möglich sehen wolle. Sie vereinbarten, am folgenden Abend zum Essen zu gehen und am Wochenende, wenn Jasmine frei war, nach Albany zu fahren, damit sie seine Familie kennenlerne.

Wer konnte schon einem Mann wie David widerstehen, einem so gut aussehenden, zärtlichen, wilden und wissenden Mann?!

Seine Eltern waren vier Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und seither mußte David für seine drei jüngeren Geschwister sorgen. Für die hübsche siebzehnjährige Francie, die mehr vom Leben wußte, als sie verlauten ließ; für den dreizehnjährigen Rick, einen durchschnittlichen, nach Baseball verrückten Jungen; und für Lisa, die erst sieben war, sieben und stumm – sie schwieg seit dem Tod ihrer Eltern. Lisa sei keineswegs zurückgeblieben, erklärte ihr David...