Wach- & Schließgesellschaft Deutschland - Sicherheitsmentalitäten der Spätmoderne

von: Daniela Klimke

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2008

ISBN: 9783531910680 , 265 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 46,99 EUR

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Wach- & Schließgesellschaft Deutschland - Sicherheitsmentalitäten der Spätmoderne


 

2 Wieviel Kriminalitätsfurcht braucht die Gesellschaft? (S. 97-98)

Der Geburtsort der Kriminalitätsfurchtforschung liegt in den USA. Seit den 1970er Jahren wird in den USA regelmäßig der National Crime Survey durchgeführt, seit 1982 in Großbritannien der British Crime Survey. 1989 ist der International Crime and Victimization Survey (ICVS) ins Leben gerufen worden, in dem aus mehr als fünfzig Länden Daten zur Kriminalitätsfurcht, Viktimisierung und Sanktionseinstellungen erhoben werden. Auch in Deutschland wurden bereits in den 1970er Jahren die ersten Studien zur Kriminalitätsfurcht vorgelegt.

Kriminalitätsfurcht schien vor dem Hintergrund objektiv steigender Kriminalitätsraten zu einem Problem der Lebensqualität (Schwind et al. 1978) und staatlicher Sicherheitspolitik zu werden. Viktimologische Daten sollten Hinweise über mögliche Vertrauensverluste in staatliche Kriminalpolitik geben, die sich etwa in einer mangelnden Bereitschaft ausdrückt, Viktimisierungen bei der Polizei anzuzeigen oder gar in Selbstjustiz gipfelt (Schwind 2001b: Rdnr. 14).

Untersuchungen zur Kriminalitätsfurcht sind unterdessen zu einem Gegenstand enormer Nachfrage bspw. durch Regierungen, Versicherungen und die Sicherheitsindustrie geworden, so dass Hale (1996) diesen Forschungszweig bereits als eine „Subdisziplin" der Kriminologie bezeichnet.Letztlich hängt die Bereitschaft, eine punitivierte Kriminalitätsbekämpfung mitzutragen und sich darüber hinaus an den staatlich-privaten Sicherheitsanstrengungen zu beteiligen, von der Frage ab, ob die Bürger dem Gefahrendiskurs um die Innere Sicherheit folgen (vgl. auch Fattah 1993: 61 f.).

Die politische Problematisierung bedrohter Sicherheitslagen und die sich in den letzten Jahren mehrenden Anzeichen einer zunehmend punitiv orientierten Kriminalpolitik scheinen verstärkten Sicherheitsbedürfnissen in der Bevölkerung nachzukommen. Eine virulente Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung wird unterstellt und allenthalben in zahlreichen Untersuchungen belegt. Soweit sich allerdings wenigstens Trends aus den Zahlen der nur schwer zu vergleichenden Furchtdaten ablesen lassen, sprechen diese dafür: Die Kriminalitätsbelastung ist rückläufig und selbst die Kriminalitätsfurcht scheint seit Ende der 1990er Jahre zu sinken (Heinz/Spiess 2001: 177 ff., Dörmann/Remmers 2000, Boers/Kurz 1997) und stand im Jahre 2005 auf einem „historischen Tief" (Periodischer Sicherheitsbericht 2006: 485)53.

Die Befunde der Kriminalitätsfurchtforschung eignen sich nur sehr bedingt für politische Maßnahmenentwicklungen. In weiten Teilen sind sie mit einer Reihe schwerwiegender methodischer und theoretischer Mängel behaftet (Ferraro 1995: 21 f.). Nicht allein die unterschiedlichen methodischen Zugänge zur Kriminalitätsfurcht befördern immer wieder sehr widersprüchliche Ergebnisse zur Lage der Furcht in der Bevölkerung (Heinz/Spiess 2001: 153, Kury et al. 1992: 223, vgl. auch Kury 1992: 183, Hall 1996: 80). Darüber hinaus scheint immer noch ungeklärt, was mit der Kriminalitätsfurcht eigentlich gemessen wird. Diese Frage lässt sich nicht allein mit konsistenten Definitionen lösen, die ja prinzipiell zu entwickeln wären.

Ein Großteil der Forschung verzichtet aber sogar auf eine Definition ihres Untersuchungsgegenstandes und behandelt Kriminalitätsfurcht so, als würde sich dieses Konstrukt von selbst erklären (Fattah 1993: 45, Ferraro 1995: 22, Skogan 1993: 131). Hiermit, so kritisiert Ferraro (ebd.), wird die Kriminalitätsfurcht für bestimmte soziale Gruppen immer wieder reifiziert. Das Problem liegt im Konstrukt Kriminalitätsfurcht selbst, das offenbar nicht zu erfassen vermag, was es auszudrücken vorgibt (vgl. Heinz/Spiess 2001: 152 ff.). Kriminalitätseinstellungen sind ein komplexes Gebilde aus Situationsdefinitionen und Gefühlen, das darüber hinaus stark interaktiven Beeinflussungen unterliegt (Ditton et al. 1999: 84, Farrall 1995, Boers 1997, Williams et al. 2000).