Im Schatten der Purpurbuche - Roman

von: Joël Tan

Blanvalet, 2015

ISBN: 9783641158699 , 480 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Im Schatten der Purpurbuche - Roman


 

1

Heute war wieder mal einer dieser Tage, an denen Svea das Gefühl hatte, die Minuten liefen doppelt so schnell. Obwohl es erst früh am Morgen war, ahnte sie schon jetzt, dass ihr Zeitplan an diesem Freitag nicht mehr aufgehen würde. Es genügte, dass ihr erster Patient – der alte und verwirrte Herr Precht – sich mal wieder nicht waschen und anziehen wollte. All ihre Überredungskunst war nötig, um so liebevoll und schnell zum Ziel zu gelangen wie möglich.

Ausgerechnet heute, wo sie doch pünktlich Feierabend machen musste, da Marc und sie verabredet waren. Sie hatten ihren fünften Jahrestag, und Svea freute sich schon auf einen romantischen Abend in einem Restaurant, von dem sie nur die Adresse wusste. Marc hatte es beschrieben mit den Worten: Du wirst es lieben! Daraufhin hatte sie ihm versprechen müssen, nicht im Internet nachzuschauen. Es sollte eine Überraschung bleiben, wohin genau es ging. Gerade hatte es allerdings den Anschein, als würde sie es nicht schaffen, überhaupt vor Schließung der Küche Feierabend zu machen. Es wäre nicht der erste Tag in ihrem Job als mobile Altenpflegerin mit unerwarteten Überstunden.

Nachdem Svea den Krankheitsverlauf in der Patientenmappe notiert hatte – eine nicht enden wollende Schreibarbeit, die ihr wahrlich lästig war –, packte sie hastig ihre Tasche und verabschiedete sich von der freundlichen Frau Precht, die im Gegensatz zu ihrem Mann immer so dankbar für ihre Dienste war. Svea bemühte sich, stets ein paar persönliche Worte zum Abschied zu finden, trotz allen Zeitdrucks und Stresses. Irgendwie hatte sie das Gefühl, ihren oft einsamen Kunden das schuldig zu sein. »Bis morgen. Genießen Sie das Wetter, Frau Precht.«

»Das werde ich, Frau Michel. Später, wenn die Sonne rauskommt, mache ich die Fenster weit auf, dann kann mein Werner seine geliebten Vögel hören.«

»Das ist eine gute Idee. Und dazu eine schöne Tasse Kaffee. Aber keine Süßigkeiten!«, verbot Svea mit erhobenem Finger.

»Nein, nein. Nur Diabetiker-Kuchen.«

»So ists recht.« Als die alte Dame sich mühsam erheben wollte, sagte Svea schnell: »Ich finde allein nach draußen. Bleiben Sie bitte sitzen.« Sie gab Frau Precht die Hand und schulterte ihre schwere Tasche. Ein letzter warmherziger Blick von ihr ließ das Gesicht der Frau erstrahlen.

Flinken Schrittes verließ Svea das Siebzigerjahre-Gelbklinkerhaus, von denen sie manchmal zehn am Tag besuchte, und verstaute ihre Tasche auf dem Beifahrersitz ihres kleinen weißen Fiat Punto, der auf allen Seiten mit den Worten Privater häuslicher Senioren- und Pflegedienst Hand in Hand beschriftet war. Auf dem Dach befand sich das Logo des Betriebs – in plastischer Form: zwei ineinander verschlungene Hände, die förmlich aus dem Dach wuchsen. Svea fand dieses Firmensymbol bescheuert. Es erinnerte sie eher an zwei Männer, die Armdrücken machten, und nicht an die Verbildlichung eines Pflegedienstes.

Sie umrundete den Wagen und stieg ein. Hier nahm sie ihren Dienstplan zur Hand, den sie immer morgens in der Zentrale bekam, und studierte ihn das erste Mal in aller Gründlichkeit. Da sie bloß eine Springerkraft war und keine fest angestellte Altenpflegerin, hatte sie meistens jeden Tag eine andere Route und nur selten dieselben Kunden. Man setzte sie eben dort ein, wo sie gebraucht wurde – sei es, weil eine Schwester Urlaub hatte, eine andere krank war oder weil es plötzlich unerwartet viele Patienten zu versorgen galt. Die Gegebenheiten waren so unstet wie ihre Einsatzzeiten. Manchmal arbeitete sie viele Stunden ohne Pause, und an anderen Tagen hatte sie am frühen Nachmittag bereits Feierabend. Diese Art der Arbeit war nach den vielen Jahren im Krankenhaus, wo sie ihre Ausbildung gemacht hatte, eine wunderbare Abwechslung. Noch heute war sie ihrer besten Freundin dankbar, denn Tilli, die eigentlich Tjalda hieß, hatte ihr die Stelle als Springer bei Hand in Hand verschafft. Tilli selbst war schon lange in dem Unternehmen angestellt, und so kam es, dass sie heute wieder Kolleginnen waren wie früher bei der Ausbildung im Krankenhaus, wo sie sich auch kennengelernt hatten. Scheinbar sollte es einfach so sein.

Doch sosehr Svea ihre selbstständige Arbeit auch mochte, für sie war dennoch klar, dass diese Stelle keine Lösung auf Dauer war. Zum einen konnte sie nicht wirklich gut mit Geld umgehen – und ein unregelmäßiges Gehalt machte diese Tatsache noch schwieriger –, und zum anderen war da noch Frau Zwickel. Die Einsatzleiterin, die auch die Dienstpläne schrieb, schikanierte Svea vom ersten Tag an und ließ keine Gelegenheit aus, ihr zu zeigen, dass sie sie nicht mochte. Anfänglich waren es bloß subtile Sticheleien bei den Teamsitzungen gewesen, mit der Zeit ging diese Abneigung aber deutlichere Wege. Svea brauchte bloß einen Blick auf ihren aktuellen Plan zu werfen: Transfer aus dem Bett, Grundpflege, Gummistrümpfe anziehen … Das meiste waren Tätigkeiten, die man ebenso einer ungelernten Kraft hätte geben können – dabei waren examinierte Krankenschwestern, wie sie eine war, eigentlich nicht für solche Dinge zuständig. Unnötig zu erwähnen, dass dahinter Absicht steckte.

Mindestens ebenso engagiert war die Einsatzleiterin, wenn es um die tägliche Route ging. Natürlich konnte man ihr wie immer nichts nachweisen – schließlich mussten gewisse Patienten, wie beispielsweise Diabetiker, zuerst am Tag behandelt werden, ganz gleich, wie weit voneinander entfernt sie wohnten. Und doch ließ Svea das Gefühl nicht los, dass diese Frau besondere Mühe darauf verwendete, ihr eine außergewöhnlich weite Strecke zu basteln. Oft kostete sie der wirre Weg durch Bremen eine Menge Extrazeit. Zeit, die sie ganz besonders heute nicht hatte.

Svea ließ den Wagen an, damit ihr Navigationsgerät ansprang. Während sie die Adresse eintippte, murmelte sie sie leise vor sich hin. »V e r e n m o o r … Nie gehört. Wo ist das denn?« Als die vorgeschlagene Route auf dem Bildschirm erschien, konnte sie sich ein Fluchen nicht verkneifen. »Ganz bei Lilienthal? Das gibt es doch gar nicht. So ein verdammter Mist!« Svea schaute auf die Uhr. Es war schon neun, und das Navigationsgerät sagte, dass ihre Fahrt von Huckelriede bis zum Ziel bei aktueller Verkehrslage fünfunddreißig Minuten dauern würde. Doch alles Ärgern nützte nichts. Sie sollte zusehen, dass sie loskam. Hoffentlich hielt sie der Patient im Verenmoor nicht so lange auf.

Svea schnallte sich an und fuhr los. Kaum war sie auf die Hauptstraße eingebogen, stand sie im Stau; viel Zeit, um permanent auf die Uhr zu sehen. Nur quälend langsam durchquerte sie die Stadt. Stoßstange an Stoßstange reihten sich die Autos aneinander, und immer mal wieder gab es kein Vor und kein Zurück, sodass sie streckenweise zu Fuß weitaus schneller gewesen wäre. Svea hatte keine Ahnung, was heute in Bremen los war; alles, was sie wusste, war, dass die Uhr tickte!

Erst als sie Borgfeld erreichte, lichtete sich der Verkehr, und sie konnte endlich aufs Gaspedal treten, was sie etwas entspannte. Es war eine schöne Gegend hier – sehr grün, fast schon dörflich. Svea konnte sich nicht entsinnen, jemals zuvor hier gewesen zu sein, obwohl sie schon ihr Leben lang in Bremen wohnte. Je weiter sie fuhr, desto kleiner wurden die Wege und desto größer die Felder. Irgendwann sah sie deutlich mehr Tiere als Menschen und befuhr nur noch holprige Treckerstraßen mit Tempo vierzig. Währenddessen geschah das, was sie im Grunde immer versuchte zu vermeiden: Svea fragte sich, was sie gleich wohl erwarten würde. Eigentlich hatte sie beschlossen, das nicht mehr zu tun, denn sie wollte nicht voreingenommen sein. Doch mit Sicherheit war auch heute – wie eigentlich jeden Tag – ein Patient dabei, der ihr die Nerven stahl. Für Svea war es zwar ein Rätsel, wie Frau Zwickel es immer gelang, so viele Leute eines Schlages aufzutun, doch sie schaffte es, und Sveas Überzeugung nach vereinte sie alle mit Absicht auf ihrem Dienstplan!

Als das Navigationsgerät anzeigte, dass sie ihr Ziel in fünfhundert Metern erreichen würde, war sie überzeugt, sich verfahren zu haben. Nur noch vereinzelt standen hier abgelegene Bauernhöfe, eingerahmt von grünen Weiden mit Pferden und Kühen darauf. Dann erklang auch schon die intonationslose Stimme ihres Navis: »Das Ziel liegt auf der linken Seite.«

Sie fuhr auf einen der Höfe und parkte den Wagen unter einer Kastanie. Das unliebsame Knacken der Handbremse passte nicht zu dem idyllischen Bild vor ihr. Hier war alles so still. Kurz schaute sie sich um, ohne auszusteigen. Das Anwesen war gepflegt, hatte Ställe und Weiden drum herum, doch alles wirkte so, als würde hier schon lange keine Landwirtschaft mehr betrieben.

Svea nahm den Schlüssel mit dem grünen Plastikanhänger zur Hand, auf dem Familie Arndt stand, und schulterte ihre Tasche. Sie schritt über den Kies, der unter ihren Schuhen knirschte. Sofort stieg ihr der Geruch von frisch gemähtem Rasen, Tieren und dem feuchten Boden in die Nase. In der Nacht musste es hier geregnet haben – anders als in der Neustadt, wo ihre Wohnung lag. Dieser Ort fühlte sich an, als wäre er Welten entfernt.

Eben noch war sie angespannt gewesen und hatte sich von der Uhr getrieben gefühlt, doch die friedliche Umgebung und das erfrischende Oktoberwetter wirkten ohne jedes Zutun beruhigend auf sie. Obwohl sie die Zeit nicht hatte, betrachtete sie eine Weile lang die zahlreichen, wunderschön bepflanzten Blumenkübel vor dem alten Fachwerkhaus. Hortensien, Sonnenblumen, Dahlien und Margeriten blühten hier dicht an dicht und hielten die Regentropfen auf ihren Blättern fest. Am...