Moderne, Staat und Internationale Politik

von: Matthias Zimmer

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2008

ISBN: 9783531908540 , 310 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 42,99 EUR

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Moderne, Staat und Internationale Politik


 

1. Moderne, Souveränität und Eigentum (S. 15)

Die Wurzeln des modernen Staates liegen im Ausgang des Mittelalters. Die Krisenerfahrungen des späten Mittelalters – die europäische Wirtschaftskrise des 14. Jahrhunderts, die Auflösung der Einheit der Christen durch die Reformation, die sozialen Unruhen in Italien 1378 und England 1381, aber auch die Krise der scholastischen Philosophie – haben als Katalysatoren des Wandels fungiert. Die nachfolgende historische Epoche der Neuzeit bzw. der Moderne hat eine paradigmatisch unterschiedliche Qualität von der des Mittelalters.

Eine Vergewisserung über die Elemente der Moderne und ihre Verknüpfung zu einer Theorie der Moderne steht deshalb am Anfang des Nachdenkens über die Bedingungen von internationaler Politik.

Die Theorie der Moderne benennt eine differentia specifica, die die Bedingungen von Politik heute von denen des Mittelalters und anderer historischer Epochen, aber auch anderer Kulturen unterscheidet. Moderne ist ein im weitesten Sinn kulturelles Phänomen, das sich in Europa nach dem Ausgang des Mittelalters, gebrochen durch die unterschiedlichen kulturellen Traditionen, im Wesentlichen gleichförmig entwickelt, als Ideensystem über Europa hinausgegriffen hat und heute globale Wirkungen entfaltet.

Dabei ist es unwesentlich, ob sich traditionelle Kulturen dem Druck der Moderne widersetzen oder bereitwillig adaptieren: Moderne ist heute eine globale Realität, die zur Stellungnahme auffordert. Moderne ist aber nicht nur ein kulturelles Phänomen, nicht nur eine „Stimmung, sondern soziale und politische Wirklichkeit.

Die Rede von der Moderne beinhaltet eben auch die Beschreibung einer nach bestimmten Kriterien geordneten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich in ihrer Modernität von vormodernen Formen unterscheidet. In gewisser Weise gilt dies auch für die internationale Politik. Auch sie kann sich der Moderne nicht verschließen, ist von ihr geprägt.

Wie internationale Politik mit Moderne zusammenhängt ist Thema dieser Studie. Dabei geht es mir darum, einen Beitrag zum Überdenken der konzeptionellen Werkzeuge der Disziplin der Internationalen Politik aus einer Theorie der Moderne heraus leisten. Mit diesem Ansatz ist zugleich auch eine Abgrenzung benannt.

Moderne ist eine historische Epoche, und damit ist der Geltungsbereich der Aussagen über internationale Politik auch historisch eingegrenzt. Wie immer internationale Politik unter Bedingungen des mittelalterlichen Feudalsystems oder des römischen Weltreiches funktioniert haben mag, sie tat es unter grundsätzlich anderen Bedingungen als in der Epoche der Moderne. Moderne ist konstituierend sowohl für den Staat als auch für das internationale System.

Damit ist zunächst einmal gesagt, dass der Staat der moderne Staat ist, also der rationale Staat, dessen Ursprung und Entwicklung Max Weber beschrieben hat. Der moderne Staat unterscheidet sich von den vormodernen Staaten nicht nur mit Blick auf die Ausgestaltung der Souveränität, sondern vor allem hinsichtlich der Legitimation von Herrschaft.

Kennzeichnend für das moderne internationale System sind zwei Aspekte: Zum einen, dass moderne Staaten mit einem spezifischen Verständnis von Souveränität die zentralen Akteure im internationalen System darstellen, zum anderen die Ergänzung politischer Handlungsbereiche durch ökonomische.

Neben dem durch Staaten geprägten internationalen System entsteht in der Moderne ein kapitalistisches Weltsystem, das mit dem politischen System auf vielfältige Weise verflochten ist. Gleichwohl kann ein solches Unterfangen nicht ahistorisch angelegt werden, sondern muss Entstehung und Entwicklung von Moderne selbst und deren Einfluss auf Politik im Allgemeinen und internationale Politik im Besonderen thematisieren.

Die jeweilige Manifestation von Moderne soll am Gegenstand aufgezeigt werden. Deshalb ist es hinreichend, in der Einleitung von einem vereinfachten Verständnis der Moderne auszugehen, dieses dann im empirischen Hauptteil zu vertiefen, aber immer wieder an die theoretische Reflexion zurück zu binden.