Die Cannabis GmbH

von: Rainer Schmidt

Rogner & Bernhard, 2014

ISBN: 9783954030699 , 352 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 14,99 EUR

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Die Cannabis GmbH


 

MADAME

Madame spürte leichte Vorfreude. Sie liebte Partys, insbesondere aber Silvesterpartys. Deswegen war die heutige Nacht die Krönung: eine Mottoparty zum Jahrtausendende, natürlich auf St. Pauli.

Kritisch musterte sie sich und ihre Kleiderwahl im Spiegel. Dafür nahm sie sich sehr viel Zeit. Sie wollte nichts beschönigen. »Wenn es um dich selbst geht, hilft dir nur die Wahrheit weiter«, hieß das Mantra ihrer Mutter, die bei Auftritten in der Gesellschaft kein Pardon kannte. »Kind, es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck«, sagte sie oft lächelnd, mit diesem feinen Hauch Selbstironie, den Madame so liebte, denn natürlich hasste ihre Mutter Jedermann-Floskeln. Jede Art von abgestandenen Sätzen, millionenfach durchgekauten Formulierungen oder sinnentleertem Jargon machten ihr schlechte Laune. In einigen wohltemperierten Augenblicken jedoch beliebte sie mit dieser Abneigung zu spielen und Freunde und Bekannte zu erheitern. Ihr Repertoire an bodenständigen Metaphern und Bon Mots beeindruckte selbst Madame immer wieder.

Je steifer die Gesellschaft, desto größer die Lust der Mutter am sprachlichen Downgrading. Kam der Kultursenator mit Gattin sonntags zum Tee und dozierte staubtrocken über die Finanzpläne seines Ressorts, rief die Mutter: »Du gute Güte!« Als der Erste Bürgermeister bei der letzten Grillparty im Garten rechtfertigen wollte, warum es trotz aller vollmundigen Ankündigungen keine erkennbaren Fortschritte bei der Bekämpfung der Obdachlosigkeit unter Jugendliehen im Stadtteil St. Pauli gebe, schnitt sie ihm das Wort mit einem beherzten »Furchtbar, da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt!« ab.

Das befreite Gelächter der Umstehenden nach solchen Einwürfen war ihr der liebste Lohn für die vielen Stunden, die sie in diesen Kreisen verbrachte. »Its the society, stupid!«, war ihr geflügeltes Wort: Wenn du was erreichen willst, musst du da sein, wo die Entscheidungen getroffen und beeinflusst werden. Senat, Gremien, Ausschüsse, alles gut und schön, so steht das auf dem Papier, erklärte sie Madame schon sehr früh, aber daneben gibt es eine andere Ebene der Macht, die nach Regeln funktioniert, die nirgendwo niedergeschrieben werden, die aber alle kennen oder kennen müssen, wenn sie dabei sein wollen. Die Mutter hatte ehrgeizige Ziele für ihre Charity-Projekte und einen ausgeprägten Bedeutungshunger. Deswegen stand sie sich die Beine bei Empfängen in den Bauch, rutschte bei endlos langen Dinnern ruhelos von einer Gesäßhälfte auf die andere, deshalb sah ihr Terminkalender aus wie einst der von Bill Clinton, den sie heimlich wie ein Teenager liebte und dessen altes 92er Wahlkampfmotto »Its the economy, stupid« sie inspiriert hatte.

Die Mutter folgte bei ihren Aktivitäten dem wichtigsten aller kapitalistischen Leitgedanken: Mehr ist besser als weniger. Für sie hieß das: Wer öfter dabei ist, ist wichtiger. Je umtriebiger man ist, desto größer ist das Manipulationspotenzial auf den Meinungsmarkt, denn jede Begegnung häuft Bedeutungs- und Einflusskapital an. Der Kampf um diese Marktanteile ist hart, die Konkurrenz schläft nie. Deshalb muss das persönliche Marketing professionell sein. Deshalb muss man top aussehen, »Wie aus dem Ei gepellt« nannte die Mutter das. Das war ihre Mindestanforderung für einen Auftritt auf dem gesellschaftlichen Parkett, und zwar auf jedem gesellschaftlichen Parkett, wie sie Madame selbst in deren wildesten Jugendjahren eingetrichtert hatte.

Diesmal gab es beim Blick in den Spiegel nichts zu meckern. Die glänzenden Schnürstiefel aus Lackleder bis zum Knie saßen perfekt und machten ihre Beine noch schlanker und länger, als sie ohnehin schon waren, das dazu passende Oberteil formte ihr ein Traum-Dekolleté, ihre zottelige Felljacke und ein paar schwere Glitzerketten rundeten das Ensemble harmonisch ab. Ihre beste Ausgehfreundin Kelly schob ihren kleinen, knackigen Po ins Bild, der von einem gürtelbreiten Minirock nicht wirklich bedeckt wurde, was sehr gut zu den halterlosen Strümpfen und ihren 16-Zentimeter-High-Heels passte, deren Silberbeschlag einen feinen Bezug zu den schimmernden Applikationen an ihrem Lederkäppi herstellte. Beide nickten sich zu.

Yes. Hamburgs Duo Infernale war bereit. Mehr Glam für eine Glam-Rock-Silvester-Party ging wirklich nicht.

David Bowie hätte sie sofort vernascht, Gary Glitter geschrien, bei den New York Dolls wären sie Ehrengäste geworden, logisch. Ihr Look war eine wohlkalkulierte und tollkühn wirkende Mischung aus sexueller Einschüchterung, gepaart mit gewissen Weltbeherrschungsansprüchen.

Its the society, stupid. Ihre Mutter wäre stolz gewesen.

Bestens gelaunt stöckelten sie aus dem Taxi ins Achter de Karg in der Markstraße. Überall Big Hair, Leopardenmuster, Strass an jeder Ecke, High Heels und Plateauschuhe, durchtrainierte Oberkörper unter hautengen Tops, Leder oder Satin, kaum gebändigte Perückenmähnen, Ketten, Tücher, Glitteroveralls, exotischste Schminkvariationen in allen Gesichtern, dazu schrille Gitarrensoli und eine Nebelwand aus Rauch, der schon im Vorbeigehen high machte. Partytime.

Während sich Kelly augenblicklich von einer Art Axl Rose (Was hat der jetzt genau mit Glam-Rock zu tun, dachte Madame, noch nicht einmal mit Post-Post-Glam! Manche würden es eben nie verstehen!) an den Hintern greifen und glucksend zum Tresen ziehen ließ, stand Madame leicht erhitzt in der Mitte des kleinen Raums und schaute verwundert und interessiert auf einen kompakten Wirbelwind, der vor dem Tresen auf und ab raste, eine Champagnerflasche in der einen, einen sehr dicken Joint in der anderen Hand. Eine unbändige Energie schien in ihm zu wüten, so riss es ihn unentwegt von der einen zur anderen Seite, das Gesicht strahlend rot, die hellweißen Zähne blitzten, aus den Augen leuchtete ein Feuer, das ihr augenblicklich Angst machte, und zwar auf eine so allumfassende, körperlich spürbare Weise, so durchdringend und gnadenlos, dass Madame heiß wurde, sehr heiß. Der Derwisch stob weiter, der Champagner schäumte aus der Flasche, aus seinem Mund, er lief ihm über das viel zu weit geöffnete silberne Glitzerhemd, über die behaarte Brust, er schüttete alle Gläser voll, natürlich, ohne die Flasche einmal hochzunehmen, er ließ es einfach herausfließen und -schießen und schäumte die Gläser und den Tresen und den Fußboden und alle Herumstehenden laut lachend voll, begeistert von sich, von der Aktion, von der Party, vom Leben, von allem.

Madame starrte ihn entrückt, verängstigt und schon ein bisschen lüstern an. Er sah aus wie Animal, das Tier aus der Muppet-Show, der wahnsinnige, an das Schlagzeug wie an das Leben gekettete zottelhaarige Schlagzeuger. Ihr Busen zitterte leicht.

Jetzt sah er sie. Nickte ihr auffordernd zu. Noch hätte sie weglaufen können. Fliehen. Aber Flucht war nicht mehr vorgesehen. Sie spürte einen jämmerlichen Rest Widerstand irgendwo im System, hoffnungslos, wie sie ahnte. Sie bewegte sich nicht.

Das Tier wurde neugieriger. Er nahm einen letzten tiefen Zug von dem Joint, griff sich eine neue Flasche Schampus, lächelte diabolisch, vielleicht auch fies, jedenfalls unangenehm siegesgewiss, und kam langsam auf sie zu. Er blieb vor ihr stehen. Viel zu dicht, unverschämt viel zu dicht. Hatte praktisch schon Körperkontakt, hörte nicht auf zu grinsen, und sie roch ihn. Alkohol, Rauch, Schweiß, ein paar verlorene Parfum-Moleküle, die Ahnung von einem schnellen Brüter im kräftigen Torso, wo im Akkordtakt diese ganze schreckliche, nervöse, bezaubernde Rock-′n′-Roll-Energie hergestellt wurde, damit sie möglichst ungefiltert und roh und schnell in die Welt hinauskatapultiert werden konnte, weil das ihre Bestimmung war, weil das seine Bestimmung war, wahrscheinlich: die Beglückung der Welt. Heute aber eventuell erst mal: ihre Beglückung.

Sie spürte seine böse Gier, einen Hunger, der nie aufhört, der keine Angst kennt und der vor nichts halt – und sie sofort geil machte. Er schob sie zart weg von sich, grinste noch unverschämter, sie fühlte sich benebelt, dachte über nichts mehr nach, es war sowieso egal. Ihr Gesicht machte, was es wollte, das Hirn auch, zum Rest des Körpers hatte sie den Kontakt verloren, es fühlte sich gut an, er zog sie mit einer nur als elegant zu bezeichnenden Bewegung kurz an sich ran, er berührte mit seinen nassen Lippen ein Ohrläppchen, er sagte etwas, Schall drang in die Ohrmuschel, verlor sich da, unübersetzt und unverstanden, er schob sie wieder von sich, um sie anzusehen, sie grinsten sich an, er nahm einen tiefen Schluck aus der Champagnerflasche und besetzte mit seiner Zunge und dem prickelnden Trunk ihren Mund. Sie küssten sich. Sie hatte keine Chance, sie waren jetzt zusammen, ob sie wollte oder nicht. Aber sie wollte ja. Konnte gar nicht anders. Erst mal für den Abend. Wahrscheinlich für ein Leben.

Der Wahnsinnige, wie sie ihn heimlich taufte, weil sie ihn auf keinen Fall jetzt...