Sonderpädagogik der sozialen und emotionalen Entwicklung (Handbuch Sonderpädagogik, Bd. 3)

von: Barbara Gasteiger-Klicpera, Henri Julius, Chrstian Klicpera

Hogrefe Verlag Göttingen, 2008

ISBN: 9783840917073 , 1103 Seiten

Format: PDF, OL

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Preis: 88,99 EUR

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Sonderpädagogik der sozialen und emotionalen Entwicklung (Handbuch Sonderpädagogik, Bd. 3)


 

2 Klassifikation (S. 25)

2.1 Dimensionale Klassifikationssysteme
Martin Holtmann und Martin H. Schmidt
2.1.1 Einleitung
Seit Ende der 1970er Jahre haben Bemühungen um die diagnostische Klassifikation psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen sowohl die klinische wie auch die wissenschaftliche Arbeit nachhaltig positiv beeinflusst (Döpfner & Lehmkuhl, 1997, Schmidt, 2001). Wesentlichen Anteil daran hatte die Fortentwicklung der beiden wichtigsten klinischen Klassifikationssysteme, der International Classification of Diseases (aktuell ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (Dilling, Mombour & Schmidt, 1991) und des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (aktuell DSM-IV) der American Psychiatric Association (1994).

Beide Klassifikationssysteme sind der kategorialen Diagnostik verpflichtet (vgl. Becker & Schmidt, in diesem Band, S. 34ff.), bei der psychische Auffälligkeiten in klar gegeneinander abgrenzbare Störungsbilder unterteilt werden, sie stehen als „Entscheidungsklassifikation" (etwa: Ist der Patient schizophren oder nicht?) in der Tradition medizinischer Diagnostik, die in dichotomer Weise das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Störung feststellt (Davison & Neale, 1998). Parallel zu den Arbeiten an den kategorialen Diagnostiksystemen fand ein weiterer Ansatz zunehmend Beachtung.

Der dimensionalen Klassifikation psychischer Störungen liegt die Annahme zugrunde, dass sich psychische Auffälligkeiten als kontinuierlich verteilte Merkmale mit Übergängen zwischen normalen und abnormen psychischen Phänomenen darstellen, anhand dieser Dimensionen lassen sich Kinder und Jugendliche beschreiben – eng orientiert am beobachtbaren Symptom (Schmidt, 2001). Studien, die diesem Ansatz verpflichtet sind, bedienen sich psychometrischer Methoden (Fragebogen, Beobachterskalen) und multivariater statistischer Verfahren (zumeist Hauptkomponenten- bzw. Faktorenanalysen). Durch Faktorenanalysen lassen sich viele Merkmale (z. B. Items eines Fragebogens) auf wenige Faktoren (=Dimensionen) reduzieren.

Psychische Auffälligkeiten werden dann anhand quantifizierbarer Charakteristika auf den empirisch gewonnenen Dimensionen beschrieben (Döpfner & Lehmkuhl, 1997). Bisher gibt es keinen Konsens, welche Dimensionen optimalerweise zur Beschreibung psychischer Auffälligkeiten herangezogen werden sollten. Die Antwort hierauf muss berücksichtigen, dass psychische Auffälligkeiten mit einem unterschiedlichen Grad von Auflösung betrachtet werden können.

Die Anzahl an Dimensionen ist nicht unverrückbar in der Wirklichkeit vorgegeben, vielmehr wird das Auflösungsniveau von den Zielen des Untersuchers und dem verwandten Instrument bestimmt: Soll mittels eines Fragebogens ein breites Spektrum an Auffälligkeiten durch eine begrenzte Anzahl von Fragen erfasst werden, bietet sich zur Beschreibung eher ein relativ grobes dimensionales Raster mit niedrigem Auflösungsgrad an. So leitet etwa Achenbach (1991) aus umfangreichen empirischen Untersuchungen und statistischen Analysen zwei basale Störungsdimensionen ab.

Der Dimension Externalisierung sind aggressive und dissoziale Verhaltensprobleme zugeordnet, während die Dimension Internalisierung Auffälligkeiten wie sozialen Rückzug, körperliche Beschwerden und ängstlich-depressives Verhalten vereinigt. Aus kulturvergleichenden Untersuchungen geht hervor, dass beide Gruppen von Störungen im transkulturellen Vergleich eine hohe Stabilität besitzen (Verhulst & Achenbach, 1995, Döpfner et al., 1996).

Quay (1986) wertete 61 multivariate Studien zu psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus und untersuchte sie daraufhin, mit welcher Häufigkeit einzelne Dimensionen extrahiert wurden. Obschon in den berücksichtigten Studien unterschiedliche Fragebogenverfahren zum Einsatz kamen, zeigte sich eine hohe Übereinstimmung im Hinblick auf empirisch gewonnene Dimensionen psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Am häufigsten (in insgesamt 42 Studien) wurde die Dimension „Aggressives Verhalten" abgebildet.