Das Blut - Roman

von: Guillermo del Toro, Chuck Hogan

Heyne, 2010

ISBN: 9783641050009 , 400 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Das Blut - Roman


 

Aus dem Tagebuch von Ephraim Goodweather
Freitag, 26. November
Das Ende der Welt kam nach sechzig Tagen. Und wir tragen die Schuld daran - unsere Versäumnisse, unsere Arroganz.
Als die Krise endlich in Washington wahrgenommen wurde - analysiert, verhandelt und schließlich durch Mehrheitsbeschluss ignoriert wurde -, hatten wir bereits verloren. Die Nacht gehörte ihnen. Und nun ist uns auch noch das Tageslicht entglitten _
Dabei ist nicht viel Zeit vergangen, seit wir unseren »unwiderlegbaren Videobeweis« in die Welt hinausgeschickt haben - aber die Wahrheit wurde in Tausenden höhnischer Gegenbeweise und Parodien ertränkt, die sich im Internet wie ein Sturzbach ausbreiteten. Das Ganze wurde zu einem Witz für die Late Night Shows, wir sind ja alle so schlau, ha ha - bis die Nacht über uns hereinbrach und wir uns einer erbarmungslosen Leere gegenübersahen.
Die erste Reaktion der Öffentlichkeit auf eine Epidemie: Man will sie nicht wahrhaben.
Die zweite Reaktion: Man sucht nach einem Sündenbock.
Um vom eigentlichen Problem abzulenken, werden die üblichen Verdächtigen bemüht: Finanzkrisen, soziale Unruhen, rassistische Übergriffe, Terroranschläge.
Doch letztlich waren wir es. Wir alle. Ohne Ausnahme. Wir ließen es geschehen, weil wir uns nicht im Traum vorstellen konnten, dass es überhaupt geschehen könnte. Wir waren zu clever. Zu fortschrittlich. Zu mächtig.
Jetzt ist die Dunkelheit vollkommen.
Und es gibt keine Wahrheiten mehr, keine unanfechtbaren Tatsachen, keine gemeinsame Wurzel unserer Existenz. Die Grundbausteine der menschlichen Biologie wurden neu sortiert - aber nicht in unserer DNA, sondern in unserem Blut.
Unserem Blut ^
Parasiten und Dämonen sind nun überall. Wenn wir sterben, erwartet uns nicht mehr der natürliche Verwesungsprozess, sondern eine so komplexe wie diabolische Verwandlung. Eine Mutation. Eine Veränderung.
Sie haben uns unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Familien genommen; die Ungeheuer tragen die Gesichter unserer Liebsten. Wir wurden aus unseren Häusern vertrieben, aus dem Paradies verstoßen und irren jetzt durch das öde Land auf der Suche nach einem Wunder. Wir Überlebenden sind verwundet, gebrochen, besiegt.
Aber nicht verwandelt. Wir sind nicht wie sie.
Noch nicht.
Dies ist kein Bericht, keine Chronik der Ereignisse. Sondern ein Klagelied, eine letzte Erinnerung an das Ende der Zivilisation.
Die Dinosaurier hinterließen so gut wie keine Spuren von ihrer Existenz. Nur einige in Bernstein eingeschlossene Knochen. Ihren Mageninhalt. Ihren Kot.
Ich hoffe, dass wir der Nachwelt etwas mehr hinterlassen werden.

Knickerbocker Loans and Curios, East 118th Street, Spanish Harlem
Spiegel sind die Überbringer schlechter Nachrichten, dachte Abraham Setrakian. Er stand unter dem grünlichen Schein der Wandlampe und betrachtete sich im Badezimmerspiegel.
Ein alter Mann, der in ein noch älteres Glas starrte.
Die Ränder der Spiegelfläche waren bereits schwarz, und im Laufe der Zeit würde sich die Schmutzschicht immer weiter bis zur Mitte vorarbeiten. Auf sein Spiegelbild zu. Auf ihn zu.
Bald kommt die Stunde deines Todes.
Das war die Nachricht, die ihm der Silberspiegel überbrachte. Setrakian war dem Tod - oder Schlimmerem - schon viele Male nahe gewesen und ihm immer wieder knapp entronnen. Aber diesmal war es anders. Er sah es in seinem Spiegelbild. Das Unvermeidliche ^
Und dennoch schöpfte er einen gewissen Trost aus der Wahrheit, die ihm diese alten Spiegel vor Augen führten. Sie waren ehrlich und rein. Dieser hier war ein ganz außergewöhnliches Stück: Jahrhundertwende, schwer und massiv, mit Drähten an der gefliesten Wand befestigt. Insgesamt befanden sich etwa achtzig silberne Spiegel in Setrakians Wohnung. Sie hingen an den Wänden, standen auf dem Boden, lehnten gegen Bücherregale. Sein Drang, sie zu sammeln, war fast zwanghaft. So wie Menschen, die die Wüste durchquert haben, den wahren Wert von Wasser kennen, wusste
Setrakian um die Bedeutung von Silberspiegeln, und er konnte nicht anders, als jedes Exemplar zu erwerben, dessen er habhaft werden konnte; besonders, wenn es sich um kleine, tragbare Spiegel handelte.
Silberspiegel besaßen eine uralte, fast vergessene Eigenschaft.
Im Gegensatz zur landläufigen Meinung haben Vampire sehr wohl ein Spiegelbild. Betrachtet man sie in einem am Fließband produzierten, modernen Spiegel, so ist ihre Reflexion nicht von der normaler Menschen zu unterscheiden. In Silberspiegeln jedoch ist ihr Bild unscharf, verwischt. Irgendeine physikalische Eigenschaft von Silber bewirkt es, dass diese virusbefallenen Ungeheuer nur verzerrt gespiegelt werden. Ein Warnsignal. So wie der magische Spiegel bei Schneewittchen können Silberspiegel nicht lügen.
Und so studierte Setrakian eingehend sein Bild in jenem großen, schweren Silberspiegel zwischen dem Porzellanwaschbecken und der Ablage, auf der seine Pulver, Salben, das Mittel gegen die Arthritis und die Arzneien für seine verkrüppelten Hände standen.
Es war unübersehbar, dass seine Kräfte schwanden. Dass sein Körper eben nur ein Körper war, nichts mehr. Alt, schwach, im Verfall begriffen. Es war zweifelhaft, ob er die Anstrengung einer Verwandlung überhaupt überstehen würde. Nicht alle Opfer des Vampirvirus überlebten diese Tortur.
Sein Gesicht. Die tiefen Falten in seinem Gesicht waren wie ein Fingerabdruck, den die Zeit höchstpersönlich hinterlassen hatte. Innerhalb weniger Tage - weniger Nächte - schien er um zwanzig Jahre gealtert zu sein. Seine Augen waren klein, trocken, gelblich wie Elfenbein. Er war totenblass, und das graue Haar lag auf seinem Kopf wie dünnes, silbernes Gras, das ein Sturm umgeweht hatte.
Pick-pick-pick.
Er hörte den Ruf des Todes. Hörte Jusef Sardus Stock vor seinem Haus. Hörte sein Herz schlagen.
Er blickte auf seine verkrüppelten Hände. Wenn er alle Willenskraft aufbrachte, gelang es ihm noch, sein silbernes Schwert zu packen und zu führen - für etwas anderes waren sie kaum mehr zu gebrauchen.
Der Kampf gegen den Meister hatte ihn über die Maßen geschwächt. Der Meister war stärker gewesen, als Setrakian es in Erinnerung gehabt hatte. Er hatte ihn unterschätzt. Sträflich unterschätzt. Das Ungeheuer war direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt gewesen, die UV-Strahlen hätten das Virus in seinem Körper mit einer Kraft wie von zehntausend Silberschwertern attackieren müssen - doch der Meister hatte ihnen standgehalten. Und war geflohen.
Was ist das Leben schon anderes als eine Abfolge von kleinen Siegen und großen Niederlagen? Was gab es da noch zu tun? Sollte er aufgeben?
Nein, Abraham Setrakian würde niemals aufgeben.
In diesem Moment allerdings gab es nur Reue. Hätte er nur dieses getan und jenes gelassen. Hätte er nur das Gebäude gleich in die Luft gesprengt, als er sicher war, dass sich der Meister darin aufhielt. Hätte Eph ihn doch nur seinem Schicksal überlassen und nicht in diesem entscheidenden Moment beschlossen, ihn zu retten. Hätte ^
Allein beim Gedanken an diese vertanen Gelegenheiten fing sein Herz an, wie wild zu klopfen. Sein Puls flatterte, ungeduldig wie ein Kind, das am liebsten auf- und davongelaufen wäre.
Pick-pick-pick.
Ein tiefes Summen übertönte seinen Herzschlag.
Setrakian kannte dieses Geräusch nur zu gut. Es war die Ouvertüre zum Untergang, das Geräusch, das man hörte, wenn man auf der Intensivstation aufwachte - gäbe es noch funktionierende Intensivstationen _
Mit tauben Fingern schüttelte der alte Professor eine weiße Tablette aus einer Schachtel. Nitroglyzerin beugte Angina Pectoris vor, indem es die Venen entspannte und weitete, so- dass der Blutfluss zu seinem Herzen und damit die Sauerstoffzufuhr gewährleistet blieben. Es war eine sublinguale Tablette, die sich unter seiner trockenen Zunge langsam auflöste.
Sofort spürte er ein angenehmes, prickelndes Gefühl. Und in wenigen Minuten würde das Summen in seinem Herzen verklingen.
Die schnell wirkende Pille verlieh ihm neues Selbstvertrauen. All die Zweifel, all die Schuldzuweisungen, all die Trauer, die er gerade noch gehegt hatte, erschienen ihm plötzlich wie Zeitverschwendung.
Er war zurück im Hier und Jetzt. Manhattan, seine Wahlheimat, stand vor der Vernichtung. Manhattan brauchte seine Hilfe.
Wenige Wochen erst waren vergangen, seit die Boeing 777 der Regis Air auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen gelandet war. Seit der Ankunft des Meisters und dem Ausbruch der Seuche. Setrakian hatte es von der ersten Meldung in den Nachrichten an gewusst - so wie man den Tod eines geliebten Menschen ahnt, wenn das Telefon spät in der Nacht klingelt.
Atemlos hatte die ganze Stadt mitverfolgt, was mit dem geheimnisvollen Flugzeug geschah. Nur wenige Minuten, nachdem es sicher gelandet war, hatten sich alle elektronischen Geräte in der Maschine abgeschaltet. Dunkel, wie tot stand es auf der Landebahn. Das Einsatzteam der CDC, des Centers for Disease Control and Prevention, betrat in Schutzanzügen das Flugzeug, nur um Passagiere und Besatzung tot vorzufinden - ausgenommen vier »Überlebende«, deren Zustand jedoch kritisch war. Die Anwesenheit des Meisters verschlimmerte die Symptome ihrer Krankheit. Versteckt in seinem Sarg im Frachtraum der Maschine, war es dem Vampir gelungen, den Atlantik zu überqueren. Und ermöglicht hatten ihm das der Einfluss und das Geld eines todkranken Milliardärs: Eldritch Palmer. Der sterbende Mann hatte beschlössen, nicht zu sterben - und dafür die Herrschaft des Menschen über diesen Planeten geopfert. Nach einer Inkubationszeit von vierundzwanzig Stunden übernahm das Virus die Kontrolle über die »toten« Passagiere, sie erhoben sich von den Seziertischen und verbreiteten die Seuche in den Straßen New Yorks.
Abraham Setrakian begriff die Tragweite, die Bedeutung dieser Epidemie, doch der Rest der Welt verschloss die Augen vor der furchtbaren Wahrheit. Inzwischen hatte auch auf dem Londoner Heathrow Airport eine Maschine kurz nach der Landung einfach abgeschaltet und war auf der Rollbahn stehen geblieben. Genau wie ein Air-France-Jet auf dem Flughafen Orly in der Nähe von Paris. Eine Maschine auf dem Narita International Airport in Tokio. Eine weitere auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen in München. Ein Flugzeug auf dem für seine strikten Sicherheitsmaßnahmen bekannten Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv wurde kurz nach der Landung von einer Antiterroreinheit gestürmt - alle 126 Passagiere waren entweder tot oder lagen im Koma. Und trotzdem wurde es versäumt, die Frachtabteile zu durchsuchen oder all diese Maschinen gleich zu vernichten. Alles ging viel zu schnell, und falsche Informationen und schiere Ungläubigkeit taten ihr Übriges.
So ging es weiter. Madrid. Peking. Warschau. Moskau. Brasilia. Auckland. Oslo. Sofia. Stockholm. Reykjavik. Jakarta. Neu-Delhi. In einigen Ländern mit autoritären oder paranoiden Regierungen wurden die Flughäfen vernünftigerweise sofort unter Quarantäne gestellt, aber _ Irgendetwas in Setrakian sagte ihm, dass all diese »toten« Flugzeuge rund um die Welt ein Ablenkungsmanöver waren und nicht primär der Verbreitung der Seuche dienten. Nur die Zeit würde erweisen, ob er mit dieser Vermutung Recht hatte - doch Zeit war nun ein sehr knappes Gut.
In nur wenigen Tagen hatten die strigoi der ersten Generation - die Passagiere der Regis-Air-Maschine und die, die ihnen nahestanden - das zweite Stadium der Verwandlung erreicht. Sie gewöhnten sich an ihre Umgebung und ihre neuen Körper. Sie lernten, sich anzupassen. Zu überleben. Sich zu vermehren. Die Angriffe, die sie im Schutz der Nacht durchführten, wurden in den Medien als »Unruhen« bezeichnet, Unruhen, die weite Teile des Stadtgebiets erfasst hatten. Was durchaus der Wahrheit entsprach - auch am helllichten Tag waren Plünderung und Vandalismus längst nichts Außergewöhnliches mehr -, doch niemandem schien aufzufallen, dass die Übergriffe in der Nacht dramatisch zunahmen.
Nachdem in anderen Städten der USA ähnlich chaotische Zustände ausgebrochen waren, fiel die Infrastruktur des Landes langsam, aber sicher in sich zusammen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln funktionierte nur noch eingeschränkt. Die Krankmeldungen häuften sich, und durch die fehlenden Arbeitskräfte konnten Stromausfälle und Engpässe bei der Energieversorgung nicht mehr behoben werden. Es dauerte inzwischen eine Ewigkeit, bis sich Polizei oder Feuerwehr blicken ließen. Dafür nahmen Plünderungen und Brandstiftungen dramatisch zu.
Die Städte versanken im Chaos.
Setrakian starrte in sein Gesicht und wünschte sich sehnlichst, dort den jungen Mann zu erkennen, der er einmal gewesen war. Ja, vielleicht sogar das Kind. Dann dachte er an den kleinen Zachary Goodweather, der im Gästezimmer gleich am Ende des Flurs schlief. Setrakian, der am Ende seines Lebens angekommen war, bedauerte diesen Jungen. Zack war erst elf Jahre alt - und doch war seine Kindheit bereits vorbei. Die Realität hatte ihn mit ihren festen, widerlichen Klauen gepackt. Die Realität in Gestalt einer Kreatur, die einst seine Mutter gewesen war.
Der alte Professor wandte sich vom Badezimmerspiegel ab, schleppte sich zum Küchentisch, setzte sich, legte die Hände auf das Gesicht und wartete, dass der Schwindelanfall vorüberging.
Auf große Tragödien folgt immer Einsamkeit, und nun drohte ihn die Einsamkeit einzuhüllen wie ein Leichentuch. Er trauerte um seine vor langer Zeit verstorbene Frau Miriam. Die Erinnerung an sie - an ihr wahres Ich - war von den Fotografien getrübt, die er von ihr besaß; er hatte sie sich so oft angesehen, dass er nur mehr diese Momentaufnahmen vor Augen hatte, die ihr eigentliches Wesen nicht wirklich wiedergaben. Sie war die Liebe seines Lebens gewesen. Er konnte sich glücklich schätzen, eine so schöne Frau umworben und geheiratet zu haben, auch wenn ihm dies angesichts des Erlebten sehr schwer fiel. Er war der Schönheit begegnet und er war dem Bösen begegnet. Er hatte das Beste und das Furchtbarste des letzten Jahrhunderts erlebt - und überlebt. Nun wurde er Zeuge, wie alles zu Ende ging.
Er dachte an Kelly Goodweather, Ephraims Exfrau. Er hatte sie einmal im Leben und dann einmal im Tod gesehen. Er verstand, was dieser Mann zu erleiden hatte. Er verstand, was die Welt zu erleiden hatte.
Von draußen die Geräusche eines weiteren Autounfalls. Schüsse. Die heulenden Alarmanlagen von Fahrzeugen und Häusern. Schreie, die durch die Nacht hallten und das Ende der Menschheit verkündeten _ Auf den nächtlichen Straßen ging es nicht mehr darum, Besitz oder Leben zu verlieren - auf den nächtlichen Straßen ging es darum, die Seele zu verlieren.
Setrakian ließ die Hände sinken. Sein Blick fiel auf einen Katalog, der auf dem Küchentisch lag. Ein Auktionskatalog von Sotheby's. Die Versteigerung sollte in wenigen Tagen stattfinden. Und das war kein Zufall - ebenso wenig wie die Sonnenfinsternis, die rund um die Welt ausgebrochenen militärischen Konflikte oder die Finanzkrise Zufälle waren. Die Teile fügten sich wie bei einem Puzzle zusammen.
Er blätterte in dem Katalog, fand die Seite, die er suchte. Dort war - ohne Abbildung - ein altes Buch aufgeführt:
Occido Lumen (1667) - Ein vollständiger Bericht über den ersten Ausbruch der Vampirplage sowie die umfassende Widerlegung aller Argumente gegen ihre Existenz. In der Übersetzung von Rabbi Avigdor Levy. Aus Privatbesitz. Durchgehend illustriert, im Originaleinband. Geschätzter Wert: 15 bis 25 Millionen Dollar.
Dieses Buch - und nur dieses Buch allein, jegliche Faksimiles und fotografischen Reproduktionen waren unbrauchbar - war von elementarer Bedeutung, um den Feind, die strigoi, zu verstehen. Und ihn zu vernichten.
Occido Lumen basierte auf einer Sammlung antiker meso- potamischer Keilschrifttafeln in sumerischer Sprache, die im Jahre 1508 in einer Höhle im Zagrosgebirge entdeckt worden waren. Die fragilen Tontafeln wurden an einen reichen Seidenhändler verkauft, der damit durch ganz Europa reiste. In Florenz wurde dieser Händler eines Tages erdrosselt in seinen Geschäftsräumen aufgefunden, nachdem man seine Lagerhäuser in Brand gesteckt hatte, und die Tafeln gingen in den Besitz zweier Schwarzkünstler und Totenbeschwörer über, in den des berühmten John Dee und den eines eher unbekannteren Mannes namens John Silence. Dee war Berater der englischen Königin Elizabeth I. und ein Meister seines Fachs, doch selbst er konnte die Tafeln nicht entziffern. Er fügte sie schließlich seiner Sammlung magischer Artefakte hinzu - bis er 1608 aus Geldnot gezwungen war, sie über seine Tochter Katherine an den gelehrten Rabbi Avigdor Levy aus Metz in Lothringen zu verkaufen. Der Rabbi verbrachte die nächsten Jahrzehnte damit, die Tafeln zu entschlüsseln. Er verfügte über ein für diese Arbeit einzigartiges Talent; es sollte fast drei Jahrhunderte dauern, bis jemand in der Lage war, eine derartige Leistung zu wiederholen. Schließlich machte Avigdor Levy die Ergebnisse seiner Arbeit, zusammengefasst in einem Buch, Louis XIV. zum Geschenk.
Nachdem er den Text studiert hatte, befahl der König die Gefangennahme des alten Rabbi und die Zerstörung der Tontafeln, der Bibliothek und aller heiligen Gegenstände Avigdor Levys. Die Tafeln wurden zerschlagen, und das Buch des Rabbis verstaubte gemeinsam mit etlichen anderen verbotenen Objekten in einem Gewölbe. 1671 jedoch ordnete Madame de Montespan, die Kurtisane des Königs, die eine große Leidenschaft für das Okkulte hegte, im Geheimen die Wiederbeschaffung des Buches an. Es fiel in den Besitz von Catherine Monvoisin, einer Hebamme, die Madame de Montespan als Hofzauberin und enge Vertraute diente, bis die Kurtisane im Zuge der Affaire des Poisons ins Exil gezwungen wurde.
Das Buch verschwand - und tauchte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder auf.
1823 befand es sich im Besitz des berüchtigten Londoner Exzentrikers und Gelehrten William Beckford. Es war Teil seiner Bibliothek auf Fonthill Abbey, einem gewaltigen Anwesen im neogotischen Stil, Schauplatz zahlreicher Orgien und Exzesse. Beckford sammelte dort »verbotene« Bücher, Kuriositäten natürlichen und widernatürlichen Ursprungs sowie allerlei skandalöse Kunstobjekte. Das Anwesen samt Sammlung ging jedoch zur Begleichung einer Schuld an einen Waffenhändler, und Avigdor Levys Text blieb wieder fast ein Jahrhundert lang verschollen. 1911 wurde er auf der Liste einer Auktion in Marseille geführt, irrtümlicherweise - oder auch mit Absicht - unter dem Titel Casus Lumen. Das Buch selbst wurde jedoch nie zur Ansicht ausgestellt, und die Auktion fand wegen einer mysteriösen Seuche, die die Stadt befiel, nie statt. Seither war man davon ausgegangen, dass das Occido Lumen vernichtet worden war.
Doch nun befand es sich hier. In New York.
15 bis 25 Millionen Dollar _ Wie sollte Setrakian so viel Geld auftreiben? Das war ein Ding der Unmöglichkeit - es musste einen anderen Weg geben, an das Buch zu gelangen.
Seine größte Sorge allerdings - die er mit niemandem teilte - war, dass dieses Spiel, das vor so langer Zeit begonnen hatte, bereits verloren war. Dass der König, der die Menschheit repräsentierte, bereits im Schach stand und nur noch trotzig letzte sinnlose Züge auf dem weltumspannenden Spielbrett ausführte.
Der alte Professor schloss die Augen. Das Summen in seinen Ohren wurde lauter und lauter. Warum taten die Pillen ihre Wirkung nicht?
Und dann begriff er.
Das Summen hatte nichts mit seiner Krankheit, seiner Gebrechlichkeit zu tun. Es war ein durchdringender, tiefer, kaum hörbarer Ton.
Sie waren nicht allein.
Der Junge, dachte Setrakian.
Pick-pick-pick.
Eine Mutter war auf der Suche nach ihrem Kind.
Zack Goodweather saß im Schneidersitz auf dem Dach der Pfandleihe, den Laptop seines Dads aufgeklappt vor sich. Das Dach war der einzige Ort im ganzen Gebäude, wo er Verbindung ins Internet hatte - indem er sich das ungesicherte Heimnetzwerk eines Nachbarn zunutze machte. Das Funksignal war erbärmlich schwach, die Statusanzeige wies lediglich einen bis zwei Balken auf, und so ging seine Internetrecherche nur quälend langsam voran.
Sein Dad hatte ihm verboten, den Computer zu benutzen, und überhaupt sollte er in diesem Moment eigentlich in seinem Schlafsack liegen, aber der Elfjährige hatte auch in normalen Nächten Schwierigkeiten, einzuschlafen - eine leichte Form der Agrypnie, die er seinen Eltern seit geraumer Zeit verheimlichte.
Insomni-Zack! Das war der Name des ersten Superhelden, den er sich ausgedacht hatte. Er hatte sogar einen achtseitigen Comic über ihn gemacht - geschrieben, gezeichnet und getuscht von Zachary Goodweather. Darin ging es um einen Jugendlichen, der nachts durch die Straßen von New York streift, um Terroristen und Umweltverschmutzern und sonstigen bösen Buben das Handwerk zu legen. Den Faltenwurf des Capes, das der Superheld trug, bekam er nie so richtig hin, dafür konnte er ziemlich gut Gesichter zeichnen, und auch die Darstellung der Muskeln war ganz
okay.
Ein Insomni-Zack war genau das, was die Stadt jetzt brauchte. Schlaf war ein Luxus, den sich niemand mehr leisten konnte - jedenfalls niemand, der wusste, was Zack wusste, oder gesehen hatte, was er gesehen hatte.
Sein Daunenschlafsack lag im Gästezimmer im zweiten Stock. Der Raum roch so muffig wie einige von den Zimmern im Haus seiner Großeltern, die außer neugierigen Kindern niemand mehr betrat. Offenbar hatte ihn Mr. Setrakian (oder Professor Setrakian - Zack hatte noch nicht so richtig kapiert, ob er nun Professor war oder nicht und was es überhaupt mit der Pfandleihe auf sich hatte) jahrelang als Abstellkammer benutzt. Zwischen schiefen Bücherstapeln standen jede Menge alte Spiegel, eine Garderobe voll eingemotteter Klamotten und einige verschlossene Kisten. Die Schlösser an den Kisten waren wirklich gut - nicht so billige, die man mit einer Büroklammer und einem Kugelschreiber öffnen konnte, was Zack natürlich sofort versucht hatte.
Dieser Kammerjäger, Vasiliy Fet (oder V, wie Zack ihn nennen sollte), hatte ihm eine uralte Acht-Bit-Nintendo- Spielkonsole an einen Sanyo-Fernseher angeschlossen, der noch mit Drehreglern bedient wurde; er hatte die Sachen zwischen dem ganzen Krempel im Erdgeschoss gefunden. Und jetzt erwarteten sie alle von Zack, dass er Ruhe geben und The Legend of Zelda spielen würde. Glücklicherweise hatte sein Zimmer kein Schloss.