Schwarze Welt - Roman

von: Peter F. Hamilton

Bastei Lübbe AG, 2014

ISBN: 9783838751559 , 379 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 6,99 EUR

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Schwarze Welt - Roman


 

1


Halran, Investigator zweiten Ranges, stand in der offenen Tür des Tresorraums und schaute auf das Chaos, das im Inneren herrschte. Jede Oberfläche – Wände, Fußboden, Decke, Leichen – war von einem dichten Teppich aus blaugrauen, hauchdünnen Fäden bedeckt, als hätten unzählige Spinnen über Nacht ihre Netze miteinander verknüpft. Tatsächlich handelte es sich bei dem zarten Geflecht um semiorganische Fasern, die drei volle Stunden benötigt hatten, um das aus kinetischen Projektilen entwichene Nervengift zu neutralisieren und die nicht minder tödlichen Energiestöße einzudämmen, die von der aus dem Feuergefecht übrig gebliebenen Munition herrührten.

Halran war ein wenig überrascht gewesen, dass die St-Mary’s-Klinik Nervengas einsetzte, aber andererseits hatten ihre zahlenden Kunden ein durchaus berechtigtes Interesse daran, ihre sicheren Erinnerungsspeicher auch in Sicherheit zu wissen. Und so hatte Halran dem Klinikleiter gesteckt, dass man erst am Nachmittag deren amtliche Erlaubnis, toxische Waffen einzusetzen, prüfen würde. Das verschaffte der Einrichtung genügend Zeit, ein paar Anrufe auf höchster Ebene zu tätigen und sich die erforderliche Lizenz zu beschaffen. Nicht zuletzt Halrans Bereitschaft, Vorschriften auch einmal großzügig auszulegen, hatte ihm seine letzten beiden Beförderungen eingebracht. Er scherte sich einen Teufel um sie; die Großen lenkten so oder so die Geschicke der Welt, und es brachte nun mal nichts ein, es sich mit ihnen zu verderben. Genau aus diesem Grund hatte der Police Commissioner auch ihm diesen Einsatz anvertraut. Gleich darauf hatte sich der stellvertretende Bürgermeister bei ihm gemeldet und Halran gewisse politische Erwägungen auseinandergesetzt. Das Gespräch war natürlich darauf hinausgelaufen, dass die totale Vernichtung einer halben Million Memorycells, die den wohlhabendsten und einflussreichsten Menschen des Commonwelth gehörten, »niemals stattgefunden« hatte. Wenn es aufgrund einer Betriebsstörung des Stromgenerators der Klinik zu »kurzfristigen kleinen Problemen bei der Wiederherstellung von Kubusdaten« kam, so war das zwar bedauerlich, aber keineswegs ein Grund zur Besorgnis – und schon lange kein Grund für irgendein übertriebenes Medieninteresse. Die Presse sollte gefälligst über die Waldschäden berichten; im Klinik-Verwaltungstrakt und seinen Untergeschossen jedenfalls war sie nicht erwünscht.

Halrans U-Shadow beendete die Analyse der Spinnfäden und meldete den Abschluss der Dekontaminierung. »Okay«, sagte er zu dem achtköpfigen Team, das hinter ihm im Korridor stand, »ich will eine komplette Tatortuntersuchung, bis hinunter auf die molekulare Ebene. Was das kostet, spielt keine Rolle; das hier hat oberste Priorität. Col, Angelo – Sie rekonstruieren für mich den Tathergang. Darval – sehen Sie zu, ob Sie mir den Namen der Memorycell beschaffen können, hinter der dieser Bastard namens Telfer her war.«

Darval spähte über Halrans Schulter. Die Notbeleuchtung im Türdurchgang schuf einen silberblauen holographischen Schein im Tresorraum, der alle Schatten eliminierte und das Gazegewebe schimmern ließ. Das Ganze glich der sich kräuselnden Oberfläche eines mondbeschienenen Sees, dessen Wellen die erstarrten Splitter einer halben Million Kuben bedeckten. »Wie in Ozzies Namen soll ich das machen, Boss?«

Halran schenkte ihm ein niederträchtiges Grinsen. »Na ja, eine sollte fehlen. Sie brauchen also bloß die Fragmente von denen wieder zusammenzusetzen, die noch da sind. Dann wissen wir, welche er mitgenommen hat.«

»Ja, klar, Sie mich auch …«

»Guter Einwand. Okay, Plan B: Gehen Sie die Kunden in der Registrationsdatenbank durch und prüfen Sie, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass jemand ein Interesse daran haben könnte, deren Erinnerungen zu stehlen. Checken Sie die Kandidaten erst mal auf ihren politischen, kriminellen und wirtschaftlichen Hintergrund ab.«

Darval nickte unwillig.

»Die Kraftfelder bitte die ganze Zeit eingeschaltet lassen«, befahl Halran. »Hier liegt so einiges an extrem hässlicher Munition rum, und ich möchte kein Risiko eingehen.«

Vorsichtig betrat das forensische Team den Tresorraum. Mit ihnen huschten die Examiner herein – winzige Bots, die auf schwarzen elektromuskulären Beinen umherkrabbelten wie eine Kakerlakenvorhut, strotzend von sensorischen Fühlern, die sich durch das Fasergeflecht schlängelten, um die Oberflächen darunter zu erreichen. Mehr als zweitausend von ihnen wurden in den Tresor entlassen, flitzten über den Boden und die Wände hinauf, um eine lückenlose molekulare Karte des Raums zu erstellen.

Halran wartete, bis die Bots um die Leiche von Viertz Accu herumgewuselt waren, bevor er die Tote einer näheren Inspektion unterzog. Ihr lebloser, umsponnener Körper befand sich immer noch in kniender Position, leicht nach vorn gebeugt, als würde sie beten. Die Schädeldecke hatten sie bereits oben gefunden, als das Team darauf gewartet hatte, dass die Gaze die Dekontaminationsprozedur durchführte. In diesem Moment hatte Halran begriffen, dass sich der Fall in jeder Hinsicht zu einer äußerst hässlichen Sache entwickeln würde.

Seine Exosicht überlagerte die Ergebnisse der Examiner und zeigte ihm die schmalen Verbrennungsspuren auf Accus freiliegendem Gehirn. Hier war ein hohes Maß an Energie in einer Art und Weise zum Einsatz gekommen, die Halran wohl erkannte. Er zog ein Tiefenscan-Modul hinzu und untersuchte, wie weit der Strahl eingedrungen war. Keine Frage, die Memorycells der Frau waren zerstört worden.

»Ich hoffe, sie hat kürzlich ein Backup gemacht«, murmelte er.

»Was halten Sie hiervon, Boss?«, fragte Angelo. Er stand vor einem Exotische-Materie-Käfig.

»Nette Idee, nehme ich an. Hab vorher noch nie einen gesehen. Telfer wusste offenbar nichts von ihrer Existenz.«

»Viel haben sie der Klinik jedenfalls nicht genützt. Diese Wächter haben unseren Eindringling nicht wirklich aufhalten können, oder?«

»Nein. Seine Enrichments waren einige Nummern zu gut.« Ein weiteres Mal rief Halran die Hauptdatei des Falls auf. Die Person, die sich unter dem Namen Telfer in der Klinik angemeldet hatte, erschien in seinem Exoimage – eine Aufnahme, die im Hauptempfangsbereich gemacht worden war. Sie zeigte einen Mann von möglicherweise orientalischer Abstammung, allerdings mit auffallend grauen Augen. Das Alter war in seinen Dreißigern fixiert, was ungewöhnlich war. Kinn und Wangen ließen einen dichten Bartschatten erkennen. Völlig durchschnittlich. Was, wie Halran wusste, beabsichtigt war. Nicht, dass äußere Merkmale heutzutage irgendeine Bedeutung gehabt hätten; selbst eine DNA-Analyse war inzwischen ohne Beweiskraft – und genetisch verwertbares Material hatten sie aufgrund der Blutspur oben auf dem Dach ohnehin mehr als genug. Der Mann auf dem Bild lächelte, während er die junge Klinikärztin begrüßte. Bei seiner Komplizin hingegen lag der Fall schon anders. Sie war alles andere als durchschnittlich; eine ausgesprochene Schönheit, mit einem sommersprossigen Gesicht und vollem, dunkelrotem Haar. Und einer ausgesprochen entzückenden Nase, dachte Halran. Keine Frage: Die Leute würden sich an dieses Gesicht erinnern.

Nichts an der Ankunft des Paares hatte Verdacht erregt, bis die Sicherheitssysteme der Klinik zu spinnen begonnen hatten und Telfer von der Bildfläche der passiven Überwachung des Smartcores verschwand. Auch der Überfall war extrem professionell abgelaufen. Was man von dessen Ausgang nicht behaupten konnte. Die Frau hatte beinahe überrascht gewirkt, als würde sie improvisieren. Was irgendwie keinen Sinn ergab.

»Boss?«, rief Darval.

»Ja.«

»Die Registrationsdatenbank wurde gehackt.«

Halran setzte sich Richtung Darval in Bewegung, der über die Registratursäule gebeugt stand. Mehrere Examiner huschten auf dem Gazemantel umher und durchstießen ihn mit ihren Fühlern. »Gibt’s Anzeichen von physischer –«, setzte er an. Er sollte den Satz niemals beenden, denn in diesem Moment betrat eine Frau den Tresor. Konsterniert starrte Halran ihr entgegen, wollte sie schon fragen, wer zur Hölle sie war – einen weiteren Mitarbeiter des Bürgermeisters vermutend, da niemand sonst ohne seine Genehmigung durch die Polizeiabsperrung kommen konnte. Doch dann erkannte er ihr Gesicht, und seine Frage hatte sich erübrigt. Er wusste alles über diese lebende Legende, so wie jeder im Apparat des Gesetzesvollzugs. »Grundgütiger Ozzie«, murmelte Halran – und der ohnehin schon unerfreuliche Fall geriet in diesem Moment zum Albtraum.

Sie war deutlich kleiner als die meisten Angehörigen des heutigen Commonwelth, doch das Selbstvertrauen, das sie ausstrahlte, übertraf das des Durchschnittsbürgers bei weitem. Halran war in seinem Leben genug Highern begegnet, um sie auf den ersten Blick an deren leicht übersteigertem Ego zu erkennen. Sie befand sich auf einer weit höheren Stufe als er, mit einer Gelassenheit, die beinahe eisig zu nennen war. Ihr Gesicht war bezaubernd und ohne jegliche moderne Kosmetik, eine Mischung aus philippinischen und europäischen Zügen der vor-commonwelthschen Erde, umrahmt von vollem rabenschwarzen Haar, das glatt herabfiel – eine Schönheit, die man nur als anachronistisch beschreiben konnte. Was durchaus verständlich war angesichts dessen, dass sie ihr Äußeres in den vergangenen vierzehnhundert Jahren nicht ein einziges Mal verändert hatte.

Das gesamte forensische Team war in ehrfurchtsvolles Schweigen verfallen und starrte die Frau an.

Halran trat vor und hoffte, seine Anspannung verbergen zu können. Sie trug einen konservativen cremefarbenen Togaanzug über einem Körper, der so perfekt war, als wäre er von...