Triumph des Himmels - Historischer Roman

von: Andrea Schacht

Blanvalet, 2014

ISBN: 9783641124618 , 576 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Triumph des Himmels - Historischer Roman


 

1. ANKUNFT IN MARSEILLE

It’s a long way to Tipperary,
it’s a long way to go.

Soldiers Song

Hinter der langen, schwarzen Rauchfahne des Schleppers flatterte eine Schar Möwen her. Zwei Fischerboote dampften an ihm vorbei, kreischend stürzten die Vögel sich auf die Netze. Weit draußen auf See schob sich ein Frachtschiff auf den Hafen zu.

Alasdair MacAlan lehnte sich an die Reling und sah über das Wasser.

Ein ganzes Meer trennte ihn nun von der Vergangenheit. Und eine ungewisse Zukunft lag vor ihm. Doch er konnte sich nicht überwinden, ihr ins Gesicht zu sehen.

Ein schwerer Seesack wurde zu seinen Füßen abgelegt.

»Sir, es wird Zeit, das Schiff zu verlassen.«

Mac drehte sich langsam um.

Ja, es war Zeit, diese letzte Brücke abzubrechen. Er ließ den Seesack liegen, schlenderte über das Deck auf die andere Seite und betrachtete das lebhafte Geschehen am Kai von Marseille. Unter ihm plätscherte öliges Wasser, der Geruch von verrottendem Tang und von Teer stieg ihm in die Nase. Geschrei, Gedrängel, Gepäckberge, eine blökende Hupe, zwei Hunde, die sich knurrend und kläffend um eine Beute zankten – in dieses Getümmel musste er sich nun wohl auch begeben.

»Sir, wir müssen den Wagen ausladen!«

Wieder wurde ihm der Seesack vor die Füße gelegt. Mac bückte sich und schulterte ihn.

»Verdammt, mir muss es schlechter gehen als vor der Reise«, knurrte er. »Oder hast du Bleibarren hineingepackt, Hans?«

»Es geht Ihnen besser, Sir, aber das Gepäck ist schwerer geworden.«

Wodurch auch immer. Hans hatte so seine eigenen Wege, an Dinge zu kommen.

Mac folgte dem knorrigen Mann zum Niedergang, und als sie den Laderaum erreicht hatten, zitterten ihm die Knie. Mochten die Wochen auf See auch erholsam gewesen sein, seine alte Form hatte er noch immer nicht wiedererlangt. Hans wuchtete ihrer beider Gepäck hinten in den Wagen und öffnete ihm die Tür auf der Fahrerseite.

Nur vier weitere Fahrzeuge warteten darauf, über die Stahlplanken an den Kai zu rollen, die Chauffeure in ihren Uniformen lehnten an den Kotflügeln und warteten, dass der Lademeister ihnen das Zeichen gab, die Motoren zu starten. Mac erkannte einen schimmernden Benz, einen Maybach und einen schnittigen Bugatti. Herrenfahrzeuge. Sein Ford war dagegen ein Lasttier. Der Lack war zerkratzt und staubig, aber als er die Zündung einschaltete, schnurrte der Motor, ohne zu zögern, los. Anders als bei dem Bugatti, dessen Lenker sich an der Kurbel abmühen musste.

Hans rückte neben ihn auf den Sitz, und vorsichtig bewegte Mac das Automobil an Land.

Eine modisch gekleidete Dame warf ihm unter dem weißen Glockenhut einen abschätzigen Blick zu. Mac zuckte innerlich mit den Schultern. Sie hatte ihn von Beginn der Reise an mit ihren glutvollen Augen verfolgt, aber er war nicht an einem Flirt interessiert. Auch der Herr im weißen Leinenanzug musterte Macs Fahrzeug mit unverhohlener Arroganz.

Beide ignorierte er genau wie die Gepäckberge am Kai der Joliette und bahnte sich den Weg zur Straße.

»Sehen wir nach, ob André Letellier noch seine Garage führt«, sagte Hans.

»Tun wir das?«

»Hast du einen besseren Vorschlag?«

Hatte er nicht.

Eine Hupe blökte direkt hinter ihnen. Der Bugatti.

Mac löste die Bremse, ließ den Wagen auf die Straße am Kai rollen und holperte über die Schienen der Elektrischen. Unter der gleißenden Mittagssonne zeichnete sich die Silhouette der Kathedrale von Marseille ab, die sich über dem alten Hafen erhob. Sie kamen nur langsam voran, Fußgänger bevölkerten die Straße weit mehr als Automobile. Hoch beladene Pferdegespanne trotteten vor ihnen her, ein mutiger Reiter versuchte sie zu überholen. Unter den Markisen der mehrstöckigen Gebäude saßen Müßiggänger bei Wein oder Kaffee, wurden Waren ausgestellt, bummelten Damen an den Schaufenstern entlang.

»Am alten Hafen, irgendwo links«, sagte Hans.

»Ich weiß.«

Die Hitze trieb ihnen den Schweiß auf die Stirn, und Mac war froh, als sie in die schmalen Gassen des Panier einbiegen konnten. Ja, er erinnerte sich an die Werkstatt, in der er vor über fünf Jahren eine Weile gearbeitet hatte. Er erkannte die Häuser wieder, uralte Gebäude aus einem anderen Jahrhundert, doch belebt und von reger Geschäftigkeit gezeichnet. Wäsche hing zwischen den Fenstern, es flatterten Hosen, Hemden, Laken und Kittel in der leichten Brise, die vom Meer her wehte. Körbe und Säcke standen vor den Eingängen, hier und da döste ein alter Hund im Schatten. Vor einer Toreinfahrt, über der ein rostiges Schild auf die Garage Letellier verwies, hielt er an.

Hämmern und Klirren klangen aus dem Hinterhof und versicherten ihm, dass hier tatsächlich noch gearbeitet wurde. Mochte der Eingang auch schäbig sein, die zunehmende Menge an Automobilen schien dem Mechaniker ein gutes Geschäft zu sichern.

»Pass du auf das Auto auf«, sagte Mac zu Hans und stieg aus. Er trat in den Hof, in dem es nach Schmieröl und Lack, Gummi und Knoblauch roch. Ein Mann schraubte an einem Chassis herum und sah, als Mac sich räusperte, über die Schulter zu ihm hin. Einen Augenblick stutzte er, dann schob er die Kappe aus der Stirn und wischte sich die ölige Hand an einem Lappen ab.

»Monsieur André Letellier?«

»Der Nämliche. Und Sie? Mon Dieu! Sie? Du? MacAlan?«

»Der Nämliche.«

»Nun, das nenne ich eine Überraschung. Genug von Kameldung und Wüstensand?«

»Mehr als genug.«

»Du siehst mager aus.«

Mac hob die Schultern. Er war abgemagert, und selbst das reichliche Essen auf dem Dampfer hatte nur wenige Spuren hinterlassen.

»Suchst du Arbeit?«

»Vielleicht. Aber erst mal brauche ich einen Platz für meinen Wagen.«

»Aha, einen Wagen besitzt Monsieur.«

»Ford, Modell T.«

Letellier rümpfte die Nase.

»Für ein paar Tage. Wir sind eben erst eingetroffen.«

»Bring ihn rein.«

Mac nickte und sah sich um. Unter einem baufälligen Holzschindeldach standen zwei Fahrzeuge von Planen verhüllt. Daneben schien noch Platz für seinen Wagen zu sein. Er verließ den Hof, um mit Hans und dem Ford zurückzukommen. Letellier strich neugierig um ihn herum, als er ausstieg.

»Zwei Tage umsonst, dann zahlst du Miete.«

»In Ordnung. Wir brauchen eine Unterkunft. In der Nähe.«

»Versuch es bei Henriette Malgres. Hat, nachdem ihr Mann auf See geblieben ist, eine Pension aufgemacht. Drüben, Rue du Refuge.«

Hans hatte bereits ihre Seesäcke aus dem Auto gezogen, und wieder schulterte Mac das schwere Gepäck. Als sie die Gasse erreicht hatten, wollten ihm fast die Beine nachgeben, aber er schaffte es bis zu dem Hauseingang, an dem ein Schild auf die Pension hinwies. Er lehnte sich erschöpft an die Wand, und Hans übernahm es, mit der fetten Madame zu verhandeln. Er trug erst seinen, dann auch Macs Seesack die schmalen Steintreppen hoch. Mac folgte ihm leicht keuchend, und im Zimmer angekommen, ließ er sich mit einem Stöhnen auf das Bett fallen.

»Nicht eben Luxus«, bemerkte Hans.

»Nein, aber es reicht mir.«

»Wir hatten schon schlimmere Quartiere.«

Unter halb geschlossenen Lidern sah Mac sich um. Zwei Eisenbetten mit dünnen Matratzen, fadenscheinigen Laken und grauen Decken, ein Waschgeschirr, ein wackeliger Schrank, vor dem Fenster hölzerne Läden, durch die Streifen von Sonnenlicht auf den zerschrammten Holzboden fielen. Von irgendwoher ertönte Gesang, eine Blechtonne schepperte, eine Frau keifte.

Er schloss die Augen, erschöpft von dem Tagewerk.

Hinter Hans fiel die Tür zu. Er würde sich um alles Mögliche kümmern. Essen vielleicht, Waschwasser, Auskünfte.

Einst war er es gewesen, der all diese Dinge übernommen hatte. Doch seit Monaten schon schien jede Kraft aus ihm herausgekrochen zu sein. Und wann immer er versuchte, sich eine Zukunft vorzustellen, wanderten seine Gedanken in die Vergangenheit.

»Was kommt, das kommt«, hatte Naima oft gesagt. Auch Naima war Vergangenheit.

Er versank in einen leichten Schlaf, der, als er tiefer hineinsank, von beklemmenden Träumen durchzogen wurde. Die Vergangenheit war weit lebendiger als die Gegenwart oder gar die Zukunft.

»Mac, wach auf!« Hans schüttelte ihn an der Schulter. »Mac, wir sind in Marseille.«

»Ja. Ja, ist gut.«

»Es ist bald Abend, und, verdammt, ich bin hungrig. Nebenan gibt es eine Brasserie, die uns Madame empfiehlt.«

Mac spannte seine Glieder an und setzte sich auf. Ja, hungrig war er auch, und ein Glas Rotwein würde die Schatten vertreiben. Er goss Wasser aus dem Krug in die Schüssel und klatschte es sich ins Gesicht. Der Abtritt lag ein Stockwerk tiefer und roch nicht eben frisch, aber auch in der Hinsicht hatten sie schon Schlimmeres erlebt. Die Brasserie hingegen roch nach Gewürzen und Gebratenem, dem allgegenwärtigen Knoblauch und Zigarettenrauch. Unter der Markise fanden sie Platz an einem kleinen runden Tisch. Der Garçon brachte ihnen eine Karaffe Wein und eine mit Wasser, und Mac bestellte die angepriesene Bouillabaisse.

»Hafenwasser«, murrte Hans, als die tiefen Teller mit der sämigen Suppe vor ihnen standen.

»Immerhin voller Fische«, meinte Mac und betrachtete die Platte, auf der sich eine üppige Menge Meeresgetier und Gemüse befand. Das Baguette war knusprig...