Die gordische Schleife

von: Bernhard Schlink

Diogenes, 2013

ISBN: 9783257603941 , 272 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 7,99 EUR

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Die gordische Schleife


 

[101] 1

Georg fuhr am späten Nachmittag los und die ganze Nacht durch. Bei Beaune verpaßte er die Abzweigung nach Paris, bei Dijon endete die Autobahn. Georg nahm die Landstraße über Troyes und Reims. Die Kurven der Straße hielten ihn wach. Er raste durch dunkle Städte und Dörfer, in denen gelbe Laternen die Straßen in mattes Licht tauchten. An den hell und weiß bestrahlten Fußgängerüberwegen bremste er ab; manchmal wartete er an einer leeren Kreuzung, bis die Ampel von Rot auf Grün sprang. Kein Mensch war unterwegs, kaum ein Auto. In Reims fand er eine offene Tankstelle, das Tanklämpchen hatte schon eine ganze Weile geblinkt. Er fuhr an der Kathedrale vorbei. Die Fassade erinnerte ihn an das Bild in Françoise’ Zimmer.

Nach quälend langsamer Paßkontrolle, bei der der französische Zöllner genauen Bescheid über das Woher und Wohin verlangte, erreichte er in Mons wieder die Autobahn. Um halb acht war er bei seinen Freunden in Brüssel. Das Haus war voller Leben; Felix mußte zur Arbeit, Gisela zum Zug nach Luxemburg, wo sie für das Europäische Parlament dolmetschte, der ältere der beiden Buben in den Kindergarten. Georg wurde mit freundlicher Verwunderung begrüßt und im Getümmel von Frühstück, Aufbruch und Ankunft des Kindermädchens sogleich wieder vergessen. Ja, natürlich könne er sein Auto dalassen. Gisela [102] umarmte ihn flüchtig. »Mach’s gut in Amerika.« Sie sah etwas in seinem Gesicht. »Ist bei dir alles in Ordnung?« Dann war sie weg.

Das Kindermädchen fuhr ihn zum Flughafen. Im Flugzeug hatte Georg erstmals Angst. Er hatte gedacht, er lasse nur Cucuron zurück, wo er nichts mehr zu verlieren hatte. Jetzt war ihm, als gebe er ein ganzes Leben auf.

Es war ein Billigflug mit engen Sitzen, ohne Drinks und ohne Essen. Auch ohne Film; Georg hatte zwar die Gebühr für den Kopfhörer sparen wollen, sich aber auf die Ablenkung durch die Bilder gefreut. Er sah aus dem Fenster auf die Wolken über dem Atlantik, schlief ein und wachte Stunden später auf. Nacken, Rücken und Beine taten ihm weh. Die Sonne ging hinter roten Wolken unter, ein Bild von lebloser Schönheit. Als das Flugzeug in Newark landete, war es Nacht.

Es dauerte zwei Stunden, bis Georg durch den Zoll war, den Bus nach New York fand und dort in einem mehrstöckigen Busbahnhof ankam. Er nahm eine gelbe Taxe. Der Verkehr war auch um elf Uhr noch dicht, der Fahrer fluchte auf spanisch, fuhr zu schnell und bremste zuviel. Nach einer Weile ging es nur noch geradeaus, links hohe Häuser und rechts dunkle Bäume. Georg war freudig erregt, gespannt. Das mußte der Central Park, die Straße mußte Central Park West sein. Die Taxe wendete und hielt. Er war da. Ein grüner Baldachin überdachte den Weg vom Bordstein zum Eingang.

Georg machte die Haustür auf, trat ein und stand in einem gläsernen Windfang. Hinter einer Glastür saß ein Mann an einem Tisch und las. Die Glastür war verschlossen. Georg [103] klopfte einmal, zweimal, und dann zeigte der Mann mit dem Finger neben ihn. In einem bronzenen Klingelbrett wiesen links alphabetisch geordnete Namen auf zugehörige Apartmentnummern, rechts die numerisch geordneten Apartmentnummern auf einzelne Klingelknöpfe. Zwischen diesen beiden Wohlordnungen hing der Hörer der Sprechanlage. Georg nahm ihn ab. In der Leitung rauschte es, als telephoniere er über den Ozean. »Hallo?« Georg nannte seinen Namen und stellte sich als Gast von Mr. und Mrs. Epp vor. Der Mann hinter dem Tisch ließ ihn ein, gab ihm die Schlüssel zum Apartment und zeigte ihm den Weg. Der Aufzug hatte zwei Türen; durch eine trat Georg ein und vor ihr blieb er im sechsten Stockwerk stehen, bis er merkte, daß hinter ihm eine andere aufgegangen war. Er war müde. Über dem Lubéron graute jetzt der Morgen.

Das Apartment war nächst dem Aufzug. Georg brauchte eine Weile, bis er die drei Schlösser geöffnet hatte; er mußte die Schlüssel andersherum drehen. Die Tür war schwer und fiel hinter ihm mit sattem Schmatzen zu. Am Ende des langen Gangs fand Georg das Gästezimmer und am Anfang, gleich neben der Eingangstür, Epps Arbeitszimmer und die Telephonbücher, eines mit weißen und eines mit gelben Seiten. Françoise Kramski, nein, natürlich stand sie nicht drin. Er suchte nach der Kirche.

Im Telephonbuch mit den weißen Seiten war weder John noch St. John noch Church of St. John verzeichnet. Die Kirchen füllten mehr als eine Spalte, von der Church of All Nations bis zur Church of the Truth, aber die Auflistung wirkte zufällig. In den gelben Seiten des Branchenverzeichnisses fand Georg zwischen Christmas Trees und [104] Cigarettes eine nach Konfessionen geordnete Liste. Ein Kirchenbau, der nach dem Petersdom der größte der Christenheit werden sollte, schien Georg nicht zu einer kleinen Konfession zu passen. Er konzentrierte sich auf die episkopalen, lutherischen und katholischen Kirchen. Winzig kleine Buchstaben verschwammen vor seinen müden Augen, tanzten durcheinander, fanden sich wieder in langen Reihen und marschierten in dichten Kolonnen über die Spalten.

CATHEDRAL CHURCH OF ST. JOHN THE DIVINE. Sie war sogar besonders groß und fett gedruckt. Amsterdam Avenue und 112. Straße. An der Wand des Arbeitszimmers ! hing ein Stadtplan. Georg fand die Amsterdam Avenue und die 112. Straße, den Cathedral Parkway und die Cathedral, er fand Epps Wohnung. Der Weg war nicht weit. Georg war, als hätte er es geschafft.

2

Er wachte auf der Couch im Arbeitszimmer auf, angezogen, zusammengekauert und verspannt. Er ging über den Flur ins Wohnzimmer. Die Sonne warf dicke Strahlenbündel durch die großen Fensterscheiben. Georg sah hinaus. Unter ihm floß der Verkehr, hinter der Straße erstreckte sich der Central Park, in der Ferne stießen die Wolkenkratzer von Manhattan in den klaren blauen Himmel. Georg öffnete ein Fenster und hörte das Rauschen des Verkehrs, das Rollen der Subway unter der Straße, die Kinder auf dem Spielplatz am Rand des Parks.

Draußen sog er die Atmosphäre der Stadt auf. Er folgte [105] der Amsterdam Avenue nach Norden. Die Häuser, zuerst hoch und gepflegt, wurden vier bis sechs Stockwerke klein und schäbig. Die Feuerleitern hingen schwer und schwarz zur Straße. Die Geschäfte bekamen spanische Aufschriften. Die Straßen wurden belebter und lauter. Unter den Passanten überwogen zunehmend Schwarze und Südländer, mehrten sich Betrunkene, Bettler und Halbwüchsige mit truhengroßen Kofferradios. Georg ging schnell, und sein Blick sprang über Häuser, Menschen, Autos, Ampeln, Hydranten, Briefkästen wie der Reflex der Sonne, den Kinder mit Spiegeln werfen.

Georg sah die Kathedrale erst, als er an der Kreuzung stand. Die Querstraße war von einigen niedrigen gotischen Häusern flankiert, dahinter erhob sich massig und grau der große Bau. Georg ging auf die andere Straßenseite und holte das Photo hervor, das Zimmer in Cadenet mit dem Druck der Kirche an der Wand und der lesenden Françoise auf der Couch. Er verglich; die Türme rechts und links des Portals reichten erst bis zur Höhe des Schiffs, die Kuppel über der Vierung lag im nackten, hellen Zement, aber sonst stimmte alles überein. Über die ganze Breite des Baus führten Stufen von der Amsterdam Avenue zu den fünf Toren.

Das Innere war düster und voller Geheimnisse, die bunten Fenster und wenigen Lampen gaben nur schwaches Licht, und die Säulen verloren sich nach oben im Dunkel. Georg durchschritt das Mittelschiff mit der Gemessenheit, die ihm seine Eltern bei Kirchenbesuchen vorgemacht hatten. Erst im Chor war es wieder hell. Links ging es in den Cathedral Shop. Georg schlenderte zwischen Vitrinen und Tischen, seine Augen schweiften über die ausgelegten Bücher und [106] Karten, Seifen und Marmeladen, Pullover, Taschen und Tassen. An einem großen blauen Druck an der Wand neben der Kasse blieben sie hängen. Den kannte er. Françoise hatte den unteren Rand mit dem Text abgeschnitten: The Cathedral of Saint John the Divine. Morningside Heights in the City of New York. Cram and Ferguson, Hoyle, Doran and Berry, Architects, Boston. Es war der Architektenaufriß der Westfassade. Georg las den Text ein ums andere Mal, als könne er ihm Aufschluß geben.

Auf dem Rückweg zum Ausgang setzte er sich. Was weiter? Wußte er jetzt, daß Françoise in New York lebte oder auch nur gelebt hatte? Jemand konnte ihr den Druck mitgebracht, sie konnte ihn auf einem Flohmarkt oder bei einem Antiquar gefunden haben. Sie hatte den Hinweis auf New York abgeschnitten, aber er konnte nicht wissen, ob sie dadurch etwas verheimlichen wollte oder den Text einfach nicht mochte. Wenn sie in New York gelebt hatte, aber nicht mehr hier lebte, konnte er ebenso in Paris oder Sidney oder San Francisco suchen. Selbst wenn sie in New York lebte, war es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Seine Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht. Die fernen Stimmen, die er hörte, kamen von einer Gruppe, die durch die Kathedrale geführt wurde. Die Stühle der Sitzreihen waren verschrammt, bei manchen war das Korbgeflecht zerfetzt. Die Säulen verloren sich nicht im Dunkeln, sondern trugen ein normales Kreuzrippengewölbe. Hier war kein Geheimnis. Schlechtes Licht, düstere Ecken, leerer Raum, verzerrende Akustik. Aber kein Geheimnis.

Georg stand auf und ging zurück zum Cathedral Shop. Er zeigte dem Mädchen an der Kasse eine [107] Ausschnittvergrößerung von Françoise’ Bild. »Kennen Sie sie?« Das Mädchen musterte ihn mißtrauisch. »Was wollen Sie? Wer sind Sie?«

Georg hatte sich eine...